ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2010Bayerisches Gesundheitsforum: Steuerung im komplexen System

POLITIK

Bayerisches Gesundheitsforum: Steuerung im komplexen System

Dtsch Arztebl 2010; 107(18): A-846 / B-741 / C-729

Gerst, Thomas

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LNSLNS Um qualitätsorientierte Vergütung sollte es bei der Veranstaltung in Bamberg gehen. Aber viele Redner hielten sich nicht lange mit dieser Vorgabe auf.

Manches nimmt man von einer solchen Tagung mit – zum Beispiel dass für Andreas Meusch, Leiter der Landesvertretungen der Techniker-Krankenkasse, der Wettbewerb die einzige Möglichkeit darstellt, steuernd in das Gesundheitssystem einzugreifen. „Alle anderen Steuerungssysteme versagen angesichts der Komplexität des Systems.“ Wenn dies nicht gar einem Offenbarungseid eines wichtigen Akteurs in einem der Solidarität verpflichteten Gesundheitssystem gleichkommt. Kurz zuvor noch hatte Dr. med. Andreas Hellmann, der Vorsitzende der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), gefordert: „Qualität muss um der Qualität willen vorangetrieben werden.“ Ein Widerspruch, der nicht aufgelöst werden konnte; da halfen auch die schönen Bildprojektionen zu Beginn der Veranstaltung nicht weiter, die wohl – untermalt mit Musik und garniert mit weisen Sprüchen großer Männer von Konfuzius („In allen Dingen hängt der Erfolg von den Vorbereitungen ab.“) über Kafka bis Johannes Rau – inspirierend sein sollten.

Um „Pay for Performance. Qualitätsorientierte Vergütung“ sollte es beim 8. Bayerischen Gesundheitsforum (BGF) am 23. und 24. April in Bamberg gehen. Und ansatzweise wurde dieses Versprechen eingelöst, auch wenn man gelegentlich den Eindruck hatte, hier sei es vor allem darum gegangen, möglichst viele „Gesundheits-Promis“ nach Bamberg zu holen und so einen Beitrag zur regionalen Wirtschaftsförderung zu leisten.

Die aus Bamberg stammende Staatssekretärin im Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit, Melanie Huml, hielt sich nicht lange mit dem Sachverhalt „Pay for Performance“ (P4P) auf, sondern brachte unverzüglich das zur Sprache, was ihr und dem Ministerium derzeit besonders am Herzen liegt – nämlich die Sicherstellung der vertragsärztlichen Versorgung in der Fläche. Dagegen verharrte der Staatssekretär im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Stefan Kapferer (FDP), etwas länger beim Thema der Veranstaltung, auch wenn Aussagen, wie zum Beispiel „wenn es ums Geld geht, ist natürlich jeder darauf bedacht, nicht weniger zu bekommen“, nur einen überschaubaren Erkenntnisgewinn bringen. Allerdings passt diese Feststellung wiederum gut zum eingangs erwähnten Statement über Steuerungsmöglichkeiten in einem komplexen System.

P4P: Annäherungsversuche und strikte Ablehnung
Zumindest verwies Kapferer auf mögliche Fehlallokationen bei P4P hin. So bestehe die Gefahr der Risikoselektion und der Vernachlässigung solcher Vorgänge, die nicht messbar seien. Dem liberalen Credo gemäß setzt Kapferer auf mehr Wettbewerb und Transparenz. Der Wettbewerb im Gesundheitswesen sei immer noch unterentwickelt, und „die Transparenz ist nach wie vor steigerungsfähig“. In seinem Ministerium werde man sich weiter mit der strukturierten Darstellung der Qualität befassen.

Der Vorsitzende der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung verwies auf die Vielzahl von Qualitätssicherungsmaßnahmen, die von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns bereits durchgeführt würden. Diese stellten im Grunde nichts anderes dar als ein P4P-System in dem Sinne, dass Vertragsärzte für zahlreiche Leistungen in Diagnostik oder Therapie nur honoriert würden, wenn sie eine besondere Qualifikation dafür nachgewiesen hätten. Hellmann sprach die Befürchtung vieler Ärzte an, die den Begriff „Pay for Performance“ in erster Linie mit Selektion und Kostensenkung in Verbindung brächten. Deshalb dürfe P4P nur schrittweise eingeführt werden, damit die Ärzte nicht das Gefühl hätten, es gehe um etwas anderes als Qualität.

Für die stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Regina Klakow-Franck, konzentriert sich hierzulande die P4P-Diskussion noch zu sehr auf die Ergebnisqualität. Die hierzu notwendigen Messverfahren seien aufwendig und sehr teuer; derzeit sei man noch sehr weit davon entfernt, Patientenkarrieren über die Sektorgrenze ambulant/stationär hinaus verfolgen zu können. Gerade vor diesem Hintergrund beurteilt sie die von der KBV entwickelten „Ambulanten Qualitätsindikatoren und Kennzahlen“ (AQUIK) positiv; hier werde ein Prozessindikatorenset bereitgestellt, das sich pragmatisch dem Arzt-Patienten-Geschehen annähere, etwa wenn eine bestimmte Durchimpfungsrate bei den Patienten einer Praxis eine qualitätsorientierte Vergütung in Form eines Honorarzuschlags für den Arzt bewirke.

Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, hält nichts von „Pay for Performance“ als Steuerungselement für das gesamte Krankenhausgeschehen. Was sei das für eine Botschaft an den Patienten, wenn er erfahre, dass für die an ihm erbrachte Leistung nur 80 Prozent bezahlt werde? „Wer den Standard der Versorgung nicht erbringen kann, der darf eben auf die Dauer kein Versorger sein.“
Thomas Gerst
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