ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2010Kollektivvertrag: KBV und Barmer rücken zusammen

POLITIK

Kollektivvertrag: KBV und Barmer rücken zusammen

Dtsch Arztebl 2010; 107(18): A-848 / B-742 / C-730

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
„Alles, was teuer ist, bleibt im Kollektivvertrag.“ Andreas Köhler, KBV-Vorsitzender. Foto: Gerorg J. Lopata
„Alles, was teuer ist, bleibt im Kollektivvertrag.“ Andreas Köhler, KBV-Vorsitzender. Foto: Gerorg J. Lopata
In Deutschland schaffen immer mehr selektive Vollverträge nicht nur in Bezug auf die Honorarverteilung Tatsachen. KBV-Chef Köhler warnt, das werde der Kollektivvertrag nicht lange aushalten.

KBV kontrovers“ heißt die Diskussionsveranstaltung, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) zweimal jährlich zu aktuellen Themen veranstaltet. Doch so kontrovers ging es Ende April im mondänen Berliner Ellington-Hotel gar nicht zu. Denn Einigkeit bestand zwischen dem KBV-Vorstandsvorsitzenden, Dr. med. Andreas Köhler, und der Vorstandsvorsitzenden der Barmer-GEK, Birgit Fischer, darüber, dass der Kollektivvertrag die Basis einer flächendeckenden Patientenversorgung bleiben müsse.

„Wir sehen Selektivverträge als ein ergänzendes Instrument zur Förderung von innovativen Versorgungsformen“, erklärte Köhler. Auch die Vorsitzende der größten Krankenkasse Deutschlands stellte klar, dass der Kollektivvertrag absolut notwendig sei und Selektivverträge immer nur eine Ergänzung darstellen könnten. Selektive Vollverträge würden jedoch dafür sorgen, dass der Kollektivvertrag in wenigen Jahren nicht mehr leistungsfähig sei, prophezeite Köhler. Denn der Wettbewerb zwischen Kollektiv- und Selektivvertragssystem sei unfair. „Wie sollen wir attraktive Vertragspartner sein, wenn wir Regressprüfungen durchführen müssen, während diese Dinge in Selektivverträgen nicht enthalten sind?“, fragte der KBV-Vorsitzende. „In diesem Wettbewerb haben wir keine Chance zu bestehen.“

Darüber hinaus sei die KBV zunehmend die Bad Bank der Selektivverträge: „Alles, was teuer ist, bleibt im Kollektivvertrag.“ Zum Beispiel werde der teure Notfalldienst nicht von den Selektivvertragspartnern organisiert. Auch regele ein Selektivvertrag nicht, wenn zum Beispiel ein Patient aus Baden-Württemberg in Hamburg zum Arzt geht. „Das muss dann der Patient privat bezahlen“, so Köhler.

Einigkeit bestand auch bei dem Streitthema Hausarztverträge. „Zwangsmonopole ohne Aufsichtsbehörden sind eine Sackgasse“, erklärte Köhler mit Blick auf das Verhandlungsmonopol des Deutschen Hausärzteverbandes. Und Fischer antwortete auf die Frage, welche Probleme in der Versorgung die Hausarztverträge tatsächlich lösten und ob sie ein Beitrag seien, Schnittstellen zu überwinden: „Nein, im Gegenteil. Sie bilden neue Schnittstellen zwischen Hausärzten und Fachärzten. Dadurch vergrößern sich die Probleme nur.“ Die Barmer-GEK strebe daher keinen Vollvertrag mit dem Hausärzteverband an. „Wir wollen trilaterale Gespräche unter Einbeziehung der KBV, wir wollen Add-on-Verträge“, betonte Fischer. „Wir werden nicht ohne weiteres akzeptieren, was von den Schiedsämtern kommt. Denn nach den Schiedsverfahren werden wir viel mehr Geld ausgeben müssen – und das in der jetzigen Situation.“

Während am Vormittag die große Politik im Fokus stand, ging es im zweiten Teil der Veranstaltung um ganz konkrete Versorgungsnöte. Die Berliner Ärztin Jenny De la Torre behandelt seit vielen Jahren obdachlose Patienten, zunächst bei der MUT-Gesellschaft für Gesundheit mbH, einem Tochterunternehmen der Berliner Ärztekammer, und seit 2002 in ihrer eigenen Stiftung. In einem Gesundheitszentrum für Obdachlose bietet sie unter anderem unentgeltliche ärztliche und psychologische sowie soziale und rechtliche Beratung an. „Viele Obdachlose haben schwere Erkrankungen und müssten eigentlich in einem Krankenhaus behandelt werden“, sagte De la Torre. Da sie jedoch keine Kran­ken­ver­siche­rung hätten, sei eine Abrechnung mit den Kassen nicht möglich. Zudem würden Obdachlose aus Scham keine normale Arztpraxis aufsuchen. De la Torre spricht die Obdachlosen in der Suppenküche an, die ebenfalls Teil ihres Gesundheitszentrums ist. „Es dauert einige Zeit, bis sie Vertrauen zu mir fassen“, sagt die gebürtige Peruanerin. Doch gerade in einer so reichen Gesellschaft wie der deutschen müsse man es sich leisten, sich um die Ärmsten zu kümmern.

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller (CDU), sprach sich in diesem Zusammenhang für eine aufsuchende Krankenbetreuung in den Regionen aus. Dafür bedürfe es jedoch keiner sturen bundesweiten Regelungen, sondern einer Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen in regionalen Netzen. Denn aufsuchende Hilfe sei nicht überall, aber in bestimmten Bezirken sinnvoll.
Falk Osterloh
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema