ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2010Müttersterblichkeit: Positive Entwicklung in Schwellen- und Dritte-Welt-Ländern

THEMEN DER ZEIT

Müttersterblichkeit: Positive Entwicklung in Schwellen- und Dritte-Welt-Ländern

Dtsch Arztebl 2010; 107(18): A-856 / B-748 / C-736

Werr, Lisa

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Die Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten erhöht die Chancen auf das Überleben der Mütter und ihrer Kinder. Foto: Photothek
Die Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten erhöht die Chancen auf das Überleben der Mütter und ihrer Kinder. Foto: Photothek
Die Abnahme der Müttersterblichkeit ist zum großen Teil auf den verbesserten Zugang zur antiretroviralen HIV-Therapie zurückzuführen, wie Daten aus 181 Ländern belegen.

Die Bekämpfung der Müttersterblichkeit ist eine der größten entwicklungspolitischen Herausforderungen weltweit. Dass man dem fünften Millennium-Entwicklungsziel der Vereinten Nationen – einer 75-prozentigen Verminderung der Müttersterblichkeit zwischen 1990 und 2015 – inzwischen näher ist als erwartet, legt eine Studie nahe, die Wissenschaftler von der Universität Washington, Seattle, USA, in „The Lancet Online“ (12. April; doi:10.1016/S0140-6736[10]60518-1) veröffentlicht haben.

Die bisherige Annahme war, dass weltweit jedes Jahr mindestens 526 300 Mütter im Zusammenhang mit Schwangerschaft oder Geburt sterben. Der Studie „Maternal mortality for 181 countries, 1980–2008: a systematic analysis of progress towards Millennium Development Goal 5“ zufolge, die von der Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung finanziert wurde, sind es inzwischen „nur“ 342 000 Frauen. Während 1990 durchschnittlich 320 Todesfälle pro 100 000 Lebendgeburten auftraten, waren es 251 im Jahr 2008.

Auf der Suche nach den Gründen für die hohe Müttersterblichkeit zogen die Wissenschaftler unter anderem die Gesamtfruchtbarkeitsrate, das Bruttonationaleinkommen pro Kopf, die Prävalenz des menschlichen Immunschwächevirus (HIV) und die Säuglingssterblichkeit heran. Mehr als die Hälfte aller Mütter sterben in sechs Ländern – in Indien, Nigeria, Pakistan, Afghanistan, Äthiopien und der Demokratischen Republik Kongo.

Als eine der Hauptursachen für die sinkende Müttersterblichkeitsrate werten die Forscher den verbesserten Zugang zur antiretroviralen Therapie (ART) für HIV-Infizierte. Da diese Medikamente die Vermehrung von HIV in den Körperzellen unterdrücken, kann die Entwicklung von Aids hinausgezögert und die Anzahl opportunistischer Infektionen – wie der Tuberkulose – verringert werden. Obwohl der Zugang zu Behandlung und Vorsorge schon ausgebaut wurde, bleibt HIV eine der weltweit häufigsten Todesursachen für Frauen im gebärfähigen Alter und allgemein für Erwachsene und Kinder in den Dritte-Welt-Ländern.

Derzeit werden ungefähr vier Millionen HIV-infizierte Menschen in einkommensschwachen Ländern behandelt, ein Drittel der Menschen, die die Therapie benötigten. Der Präsident der International Aids Society, Prof. Dr. Julio Montaner, sagt, die Studie zeige, dass ART die Gesundheit von Frauen nachweisbar verbessere. Außerdem sei nun bewiesen, wie wichtig es sei, dass jeder Mensch Zugang zu Prävention und Behandlung der HIV-Infektion habe. Ohne die vergleichsweise erfolgreiche Bekämpfung von HIV/Aids würden wesentlich mehr Mütter, geschätzte 281 500, sterben.

Den stärksten Einfluss auf die Müttersterblichkeit haben die Gesamtfruchtbarkeitsrate und das Pro-Kopf-Einkommen in einem Land: Das heißt, je ärmer die Menschen in einem Land sind und je mehr Kinder sie bekommen, umso mehr Todesfälle unter Müttern sind zu erwarten.

23 Länder auf der Zielgeraden
Als aussichtsreichste Waffen im Kampf gegen die Müttersterblichkeit erachten die Autoren die Senkung der Fruchtbarkeitsraten, erhöhte Einkommen, gezielte Investitionen und eine integrierte Gesundheitsfürsorge mit gutem Zugang zu fachkundiger Betreuung vor und bei der Geburt. Doch befinden sich derzeit weltweit nur 23 Länder auf dem Weg, das fünfte Millennium-Entwicklungsziel der Vereinten Nationen zu erreichen.

In einigen Industrieländern – dar-unter auch in den USA, Kanada und Norwegen – nimmt die Müttersterblichkeit statistisch allerdings wieder zu. Dies ist jedoch auf eine systematischere Erhebung in den betreffenden Ländern zurückzuführen. Am höchsten sind die Müttersterblichkeitsraten nach wie vor in Afrika südlich der Sahara.
Lisa Werr
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