ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2010Dresden: Eine Stadt mit vielen Gesichtern

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Dresden: Eine Stadt mit vielen Gesichtern

Dtsch Arztebl 2010; 107(18): A-860 / B-752 / C-740

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Die sächsische Landeshauptstadt bietet nicht nur Kunst und Kultur, sondern sie macht sich auch in Medizin und Wissenschaften einen Namen.

Ein Großteil der Dresdener Altstadt konnte originalgetreu rekonstruiert werden. Foto: Frank Exß
Ein Großteil der Dresdener Altstadt konnte originalgetreu rekonstruiert werden. Foto: Frank Exß
Wenn es zutreffen sollte, dass ich nicht nur weiß, was schlimm und hässlich, sondern auch, was schön ist, so verdanke ich diese Gabe dem Glück, in Dresden aufgewachsen zu sein.“ Das schrieb Erich Kästner über seine Geburtsstadt, die er damit treffend charakterisierte. So blickt das im Jahr 1206 erstmals urkundlich erwähnte Dresden auf eine wechselvolle Geschichte zurück: Es wurde Residenzstadt der Wettiner, später Schaffensort August des Starken und im Jahr 1945 von amerikanischen und britischen Bomben fast völlig zerstört. Die Stadt erlebte anschließend die DDR-Zeit, die Wende und den Wiederaufbau. Heute zählt Dresden zu den schönsten Städten Europas.

Ein Großteil der Altstadt konnte originalgetreu rekonstruiert werden. Jedes Jahr kommen 8,8 Millionen Touristen in die Stadt an der Elbe. In diesem Jahr hat der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, die Ärztinnen und Ärzte zum 113. Deutschen Ärztetag nach Dresden eingeladen, und er hofft, „dass Sie am Rande der Plenarsitzungen Zeit finden, die vielen Sehenswürdigkeiten Dresdens zu besichtigen. Dresdener Zwinger, Frauenkirche, Residenzschloss und Semperoper, wo die Eröffnungsveranstaltung des Ärztetages stattfindet, prägen wie viele weitere historische Baudenkmäler und Ensembles das Bild der Stadt. Prachtvolle Uferpromenaden, barocke Straßenzüge und bunte Szeneviertel laden zu Frühlingsspaziergängen ein“, schrieb Hoppe in der Einladung (DÄ, Heft 8/2010).

Wiederaufbau der „Steinernen Glocke“
Exemplarisch sei auf die wohl wichtigste Sehenswürdigkeit, die Frauenkirche, hingewiesen, die nach elf Jahren Wiederaufbau am 30. Oktober 2005 geweiht wurde. Sie wurde von 1726 bis 1743 unter der Leitung von George Bähr erbaut und gehörte zu den bedeutendsten protestantischen Bauwerken des deutschen Barocks. Die Form der aus Sandstein gebauten Kuppel brachte ihr den Namen „Steinerne Glocke“ ein. Die Bombenangriffe hatten die Frauenkirche zunächst scheinbar verschont. Sie brannte jedoch vollständig von innen aus, so dass sie am Vormittag des 15. Februar 1945 in sich zusammenstürzte.

Die prachtvolle Frauenkirche ist eines der bedeutendsten Symbole für den Wiederaufbau der Stadt.Foto: Christoph Münch
Die prachtvolle Frauenkirche ist eines der bedeutendsten Symbole für den Wiederaufbau der Stadt.
Foto: Christoph Münch
Zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wurde damit begonnen, die wichtigsten Trümmerteile der Frauenkirche zu bergen. Zu DDR-Zeiten galt sie als Mahnmal gegen den Krieg, doch entschloss man sich nach der Wende zum Wiederaufbau. Stück für Stück wurden die Trümmer abgetragen, jeder Stein katalogisiert, um später an seinen ursprünglichen Platz zurückgelegt zu werden. Zwei Drittel der Baukosten in Höhe von 179 Millionen Euro wurden allein durch Spenden aufgebracht. Etwa 1,6 Millionen DM des Preisgeldes seines Nobelpreises hat der Medizin-Nobelpreisträger Günter Blobel im Gedenken an seine im Krieg getötete ältere Schwester Ruth der Frauenkirche in Dresden gespendet, namentlich an die von ihm selbst gegründete Stiftung „Friends of Dresden“, die sich dem Ziel des Wiederaufbaus der Kirche verschrieben hatte.

Dresden ist aber nicht nur eine Stadt der Kunst und Kultur, sondern gleichzeitig auch eine „Stadt der Medizin, der Wissenschaften und der Wirtschaft. Hier ist die Wiege der Naturheilkunde, und hier entstanden die erste deutsche Lokomotive sowie die Kleinbildkamera. Die Dresdener Hochschulen haben viele weltberühmte Persönlichkeiten hervorgebracht“, schreibt Prof. Dr. med. habil. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, im Vorwort der Broschüre seiner Kammer zum 113. Deutschen Ärztetag.

Zu den bedeutenden Persönlichkeiten der Stadt zählt sicher nicht zuletzt der Maler, Naturphilosoph und Arzt Carl Gustav Carus (1789–1869). Carus besuchte die Thomasschule zu Leipzig. Später studierte er an der Leipziger Universität die Fächer Physik, Botanik, Chemie und Medizin und wurde dort 1811 im Fach Medizin promoviert. Der hochbegabte Carus besaß bereits im Alter von 22 Jahren zwei Doktortitel (Dr. phil., Dr. med.) und hielt als Novum Vorlesungen über vergleichende Anatomie, in Deutschland erstmals als selbstständiges Fach an einer Universität. 1954 ehrte die Stadt Dresden Carus durch die Verleihung seines Namens an die Medizinische Akademie Dresden, aus der das Universitätsklinikum „Carl Gustav Carus“ der Technischen Universität Dresden hervorging.

Elf Hochschulen, drei Max-Planck-, drei Leibniz-, ein Helmholtz- und elf Fraunhofer-Institute sind in Dresden beheimatet. In der Medizin beweist Dresden nach Angaben der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer von jeher Innovationsgeist. Auch im Wettbewerb um moderne medizinische Spitzenforschung belege die sächsische Landeshauptstadt vordere Plätze: „Die Stadt entwickelt sich zielstrebig zu einem weltweit führenden Standort für regenerative Therapien und molekulares Bioengeneering. Die Technische Universität Dresden erhielt für ihre Arbeit auf diesem Gebiet in der Exzellenzinitiative des Bundes Fördermittel für ein Exzellenzcluster und eine Graduiertenschule.“ Auch in der Krebs- und Diabetesforschung nehme Dresden eine Vorreiterrolle ein. Bereits 2006 hat der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft Dresden mit der bundesweiten Auszeichnung „Stadt der Wissenschaft“ für Erfindergeist und Vernetzung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, Kunst, Kultur, Öffentlichkeit und Kommune ausgezeichnet.

Das „Museum vom Menschen“
Aus einer Idee eines weiteren bedeutenden Dresdeners, des Industriellen und „Odol“-Fabrikanten Karl August Lingner, ging das Deutsche Hygiene-Museum hervor. 1911 plante und initiierte Lingner die I. Internationale Hygiene-Ausstellung „Der Mensch“ in Dresden, die mehr als fünf Millionen Besucher anlockte. Dieses große Interesse bewog den Pharmazeuten 1912, das Deutsche Hygiene-Museum als „Volksbildungsstätte für Gesundheitspflege“ zu gründen.

Die Grundsteinlegung für das monumentale „Nationale Hygiene-Museum“ fand allerdings erst nach Lingners Tod, im Jahr 1927, statt. 1930 wurde der Museumsbau bezogen. Die Attraktion ist der „Gläserne Mensch“, in dem sich das Menschenbild der Moderne in der zukunftsgläubigen Verbindung von Wissenschaft, Transparenz und Rationalität materialisierte. Nach 1933 wurde das Museum in den Dienst der nationalsozialistischen Rassenideologie gestellt. Große Teile des Museums wurden durch den Bombenangriff im Februar 1945 vernichtet. In der DDR-Zeit nahm das Museum eine vergleichbare Aufgabe wahr wie in der Bundesrepublik die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. 1991 erhielt das Deutsche Hygiene-Museum eine vollkommen neue Konzeption, die mit zeitgemäßen Mitteln an den Ansatz seiner Gründerjahre als das „Museum vom Menschen“ anknüpft. Zusätzlich sind 2 500 Quadratmeter für Sonderausstellungen mit wechselnden Themen reserviert. Zurzeit ist dort die Ausstellung „Was ist schön?“ zu sehen (siehe Beitrag auf der Kulturseite).
Gisela Klinkhammer


Geschichte in Ansichtskarten
Anlässlich des 150-jährigen Jubiläums des Krankenhauses Dresden-Friedrichstadt vor zehn Jahren entstand erstmals der Gedanke, historische Postkarten aus dem Krankenhaus im hauseigenen Klinikspiegel zu veröffentlichen. Die Idee fand so viel Anklang, dass daraus unter dem Titel „Postkarten aus dem Klinikum“ eine vielbeachtete Tradition wurde. Jetzt erschien unter dem Titel „. . . ich war 14 Tage lang geistig minderwertig“ eine repräsentative Sammlung, die erkennen lässt, „dass unser Krankenhaus immer eine Sehenswürdigkeit war und bis heute ein Ensemble aus Medizin, Kultur und Kunst geblieben ist“, schreibt der Chefarzt der HNO-Klinik des Krankenhauses und einer der Mitherausgeber, Prof. Dr. med. Eckart Klemm, im Vorwort. Neben der anschaulichen Vorstellung der Krankenhausgebäude nimmt vor allem die Baugeschichte des Neptunbrunnens mit einer Vielzahl von Abbildungen breiten Raum ein. Sieben Euro des Kaufpreises kommen dessen Aufbauarbeit zugute (www.neptunbrunnen.desaxe.eu).

Eckart Klemm, André Koch, Sabine Hunger:
. . . ich war 14 Tage lang geistig minderwertig.
Ansichtskarten erzählen Krankenhausgeschichte.
Verein der Freunde des Krankenhauses Dresden-Friedrichstadt e.V., Dresden, 2009, 9,95 Euro
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