ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2010Organspenden: Eigene Haltung entwickeln

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Organspenden: Eigene Haltung entwickeln

Dtsch Arztebl 2010; 107(18): A-866 / B-758 / C-746

Eisenreich, Sven

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Wir brauchen mehr Organe! Diesen Imperativ in der Organspendediskussion ist man mittlerweile gewöhnt, es scheint, als müsse er nur oft genug wiederholt werden, um in Erfüllung zu gehen.

Sie brauchen eine Haltung! So könnte das Resümee aus dem Buch von Vera Kalitzkus lauten. Kalitzkus nähert sich als Ethnologin dem Thema Tod viel umfassender, als es die Medizin kann beziehungsweise tut. Sie bezieht historische und kulturelle Aspekte der Todesdefinition in ihre Überlegungen mit ein, aber trotz ihres nahezu durchgehend neutralen, deskriptiven Tons wird spürbar, dass ihr die Vorgänge selbst nicht so ganz geheuer sind. Zu groß scheint das affektive Unbehagen, das die meisten von uns überkommt, wenn wir uns mit dem Tod und Sterben auseinandersetzen. Hilfreich und lesenswert für jeden Arzt sind die beiden Kapitel zur Leibesvisitation, in denen sie sehr anschaulich den Unterschied zwischen Körper-haben und Leib-sein darstellt.

Die Sacherverhalte sind erstaunlich präzise beschrieben, inhaltliche Fehler gibt es kaum. Wer sich noch nie mit der Transplantationsmedizin auseinandergesetzt hat, findet hier alles, was er wissen muss. Mit vielen Zitaten ist das Buch trotz des schweren Themas angenehm leicht zu lesen. Die große Leistung Kalitzkus’ liegt aber darin, der schon im Titel deutlich werdenden Ambivalenz, die mit der Organspende verbunden ist, Raum zu geben, ohne sie auflösen zu wollen. Sie lässt alle zu Wort kommen: Pflegekräfte und Ärzte, die zweifeln, ob ihr Patient tot ist, Angehörige, die nicht wissen, was ihr Verstorbener gewollt hätte, Transplantatempfänger, die unsicher sind, was sie nach ihrem zweiten Geburtstag erwartet. Sie hält diesen Spannungsbogen aufrecht, sie will ihn nicht überwinden. Das überlässt sie dem Leser, der eben eine eigene Haltung entwickeln soll. Sven Eisenreich

Vera Kalitzkus: Dein Tod, mein Leben. Warum wir Organspenden richtig finden und trotzdem davor zurückschrecken. Suhrkamp Taschenbuch 4114, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, 226 Seiten, kartoniert, 8,50 Euro
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