ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2010Was ist schön? „Bunte Vielfalt“

KULTUR

Was ist schön? „Bunte Vielfalt“

Dtsch Arztebl 2010; 107(18): A-871 / B-763 / C-751

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LNSLNS Das Dresdener Hygienemuseum widmet zurzeit dem Thema Schönheit eine Sonderausstellung.

Das niederländische Künstlerduo Ari Versluis und Ellie Uyttenbroek dokumentiert seit mehreren Jahren weltweit die multikulturelle Gesellschaft. In seinen Gruppenporträts (hier „Flowerpower“) verdeutlicht es, dass jeder Einzelne versucht, sich individuell darzustellen, um sich abzugrenzen, und sich dabei gleichzeitig einordnet. © Ari Versluis & Ellie Uyttenbroek – Exactitudes/PiArt agency
Das niederländische Künstlerduo Ari Versluis und Ellie Uyttenbroek dokumentiert seit mehreren Jahren weltweit die multikulturelle Gesellschaft. In seinen Gruppenporträts (hier „Flowerpower“) verdeutlicht es, dass jeder Einzelne versucht, sich individuell darzustellen, um sich abzugrenzen, und sich dabei gleichzeitig einordnet. © Ari Versluis & Ellie Uyttenbroek – Exactitudes/PiArt agency
Jeden Donnerstag fiebern Tausende – vorwiegend jugendliche – Zuschauer mit den Anwärterinnen auf den ersten Platz von „Germany’s next Topmodel“. Die Nachwuchsmodels entsprechen offenbar dem heute gängigen Schönheitsideal, sie sind alle jung, schlank und groß. Doch wie entstehen solche Vorstellungen von Schönheit? Kann man Schönheit objektiv beurteilen, oder liegt sie nicht vielmehr im Auge des Betrachters? Diesen und vielen anderen Fragen geht zurzeit die Ausstellung „Was ist schön?“ im Dresdener Hygienemuseum nach.

In der Abteilung „Sehnsucht und Versprechen“ betritt der Besucher zunächst einen Raum, der an einen prächtigen Salon erinnert und von einem pompösen Kristalllüster erleuchtet wird. Doch statt des erwarteteten Glamours scheinen „die gezeigten Objekte die Raumanmutung zu brechen“, wie es Kuratorin Sigrid Walther ausdrückt. So hat der in New York lebende Fotograf Martin Schoeller die Gesichter von Prominenten wie Brad Pitt, George Clooney und Cate Blanchett in so extremer Ausleuchtung und Nahsicht gezeigt, dass das Bild jeglichen Glamourfaktor vermissen lässt. Durch die Schonungslosigkeit der Bilder wird andererseits jedoch eine ganz andere, individuelle Schönheit sichtbar.

Der Raum „Macht und Macher“ geht den Schritt der Brechung konsequent weiter. So zeigt beispielsweise der Film „Unansehnlich, aber stolz“ des französischen Regisseurs Cyril de Turckheim Männer und Frauen, die selbstbewusst ihre als Schönheitsmängel empfundenen Merkmale, wie beispielsweise ungewöhnliche Nasenformen, akzeptieren. Diese Abteilung beschäftigt sich außerdem mit dem Credo „Schönheit ist machbar!“ Im Zeitalter von Anti-Aging, Fitnessstudios und Schönheitsoperationen scheint das Aussehen nämlich oft nur noch eine Frage der Disziplin und des Geldbeutels zu sein. So verdeutlichen zwei computeranimierte Filme die gängigen Praktiken der Werbe- und Medienindustrie zur Herstellung von Schönheit durch Stylisten und digitale Bildbearbeitung.

In einer weiteren Sequenz wird ein Blick auf die Entwicklung der Schönheitswettbewerbe geworfen. Dass diese mit dem Aufkommen der Fotografie und der modernen Konsumgesellschaft entstehen, ist kein Zufall. Bereits das Bewerbungsfoto der ersten Miss France, Agnes Souret, aus dem Jahr 1896 zeigt, wie Schönheit inszeniert wird. Nur wenige Jahre später paradierten die Damen öffentlich in Badekleidung.

Ein eigener Themenbereich ist der plastischen Chirurgie sowie den Hormon- und Botoxbehandlungen gewidmet. Eine Statistik informiert über die wichtigsten Schönheitsoperationen seit dem Jahr 2004 und zeigt, gestaffelt nach Bereichen, dass sich deutschlandweit bis zu 800 000 Frauen und zunehmend auch Männer solchen Operationen unterziehen. In zwei Audiostationen kommen Experten zu Wort, die über die Thematik diskutieren. Exponate sind unter anderem Brustimplantate und Röntgenbilder einer Beinverlängerung.

Im Raum „Norm und Differenz“ geht es um die Frage, wie Schönheitsideale entstehen. Unter dem Motto „Die Vermessung des Körpers“ wird die Mitte des Ausstellungsraums von fünf Figuren bestimmt: einem Epheben nach Polyklet (fünftes Jahrhundert v. Chr.), der „Venus Medici“ (drittes Jahrhundert v. Chr.), „Barbie“, „Oriol“ sowie „Lara Croft“ vom Ende des 20. Jahrhunderts. Sie zeigen das Bestreben, die Schönheit des Menschen zu vermessen sowie seit neuestem auch virtuell zu generieren.

Schönheit lässt sich nicht nur durch Sehen, sondern auch durch Hören erfahren. Deshalb können die Besucher in Hörsesseln Platz nehmen und sich bei beliebten, allgemein als schön geltenden Musikbeispielen entspannen. Zu hören sind beispielsweise ein Ausschnitt aus Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“, eine Arie aus Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ sowie „Yesterday“ von den Beatles.

Letztendlich kommt die Ausstellung, so Gisela Staupe und Klaus Vogel im Begleitbuch, zu dem Schluss, dass „Schönheit von den meisten Menschen als individuelle Differenz und bunte Vielfalt gelebt und erfahren wird“.
Gisela Klinkhammer


Informationen
Die Ausstellung „Was ist schön?“ ist bis 2. Januar 2011 im Deutschen Hygienemuseum in Dresden (Lingnerplatz 1) zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr). Eintritt: sieben Euro, ermäßigt drei Euro. Ein Begleitbuch ist zum Preis von 24,90 Euro erhältlich. Informationen unter Telefon: 0351 4846-400 und im Internet unter: www.dhmd.de.
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