ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2010Senior-Experten-Service: Wenn Erfahrung Zukunft sichert

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Senior-Experten-Service: Wenn Erfahrung Zukunft sichert

Dtsch Arztebl 2010; 107(18): A-885 / B-777 / C-765

Doehring, Ekkehard; Nasdala, Heike

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LNSLNS Ärztinnen und Ärzte im Ruhestand helfen weltweit – ehrenamtlich.

Die Aus- und Weiterbildung der jungen Ärzte vor Ort ist eine vorrangige Aufgabe der „Senior- Experten“. Prof. Dr. med. Albert Helber war 2009 für den SES in Ruanda im Einsatz.
Die Aus- und Weiterbildung der jungen Ärzte vor Ort ist eine vorrangige Aufgabe der „Senior- Experten“. Prof. Dr. med. Albert Helber war 2009 für den SES in Ruanda im Einsatz.
Gesundheit nimmt einen immer breiteren Raum in der Diskussion um eine effektive Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und anderen unterprivilegierten Regionen der Welt ein. So fordern drei der acht Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen bis 2015 Fortschritte im Gesundheitsbereich: die Senkung der Kindersterblichkeit, die Verbesserung der Müttergesundheit und eine wirkungsvolle Bekämpfung von hochgefährlichen Erkrankungen wie HIV/Aids und Malaria.

Wiederkehrende Krankheitseinbrüche haben fatale Auswirkungen auf arme Familien in Afrika. Sie verschlingen ohnehin knappe finanzielle Ressourcen, verhindern langfristig notwendige Ausgaben (etwa für die Ausbildung der Kinder) und schwächen so die junge Generation. Der schleppende Ausbau der öffentlichen Gesundheitsversorgung in vielen nichtindustrialisierten Ländern ändert daran wenig. Er steht zudem gerade in Afrika südlich der Sahara vor immensen Hindernissen und stagniert auf weiter Fläche. Hinzu kommen der „Braindrain“ und ein eklatantes Stadt-Land-Gefälle. Ärzte und andere medizinische Fachkräfte ballen sich in den urbanen Zentren Afrikas. Die ländlichen Regionen aber, wo 80 Prozent der Bevölkerung zumeist in Armut leben, sind dramatisch unterversorgt. Abgesehen davon herrscht Ärztemangel.

Zu verzeichnen sind somit gravierende Ungleichgewichte, die Afrika aus eigener Kraft derzeit nicht ausbalancieren kann. Hier setzt der Senior-Experten-Service (SES) an: eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Bonn. Die Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit gibt seit 1983 mit Fachleuten im Ruhestand Hilfe zur Selbsthilfe, vornehmlich in kleinen und mittleren Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern, aber auch im Gesundheitsbereich.

Das Wissen weitergeben – Dr. med. Raimund Teigeler operierte 2004 ehrenamtlich in Malawi. Fotos: SES
Das Wissen weitergeben – Dr. med. Raimund Teigeler operierte 2004 ehrenamtlich in Malawi. Fotos: SES
Zurzeit sind beim SES circa 8 000 Experten gemeldet, unter ihnen etwa 600 Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger und Vertreter weiterer Gesundheitsberufe. Sie alle haben das aktive Erwerbsleben hinter sich, wollen aber ehrenamtlich tätig sein und ihr Wissen sinnvoll weitergeben. Der SES entsendet diese Senior-Experten in arme Länder und hilft so bei der Zukunftssicherung. SES-Einsätze unterstützen schwerpunktmäßig die ärztliche Aus- und Weiterbildung, liefern aber auch Know-how für die berufliche Praxis. Prinzipiell und gerade im Bereich Gesundheit schätzt der SES Einsätze in Folge. Sie stabilisieren Entwicklungsprozesse und wirken somit nachhaltig.

Einer der Autoren dieses Beitrags war seit 2004 viermal über den SES im Norden von Uganda tätig. Er half dort beim Aufbau der Medizinischen Fakultät an der erst 2002 gegründeten Universität von Gulu. Anfang 2004, zum Zeitpunkt des ersten Einsatzes, nahm die Universität soeben ihre ersten Medizinstudierenden auf. Beim letzten Einsatz Ende 2009 waren diese Studenten bereits junge Ärzte.

Die Universität von Gulu ist die dritte Medizinische Hochschule in Uganda und unterhält heute einen regulären Lehrbetrieb. Von großer Bedeutung für die Medizinische Fakultät ist eine Stiftungsprofessur für Psychotraumatologie, die mit Hilfe des Auswärtigen Amtes in Berlin gebahnt werden konnte und sich jetzt selbstständig weiterentwickelt. Dieses Fachgebiet hat einen enormen Wert für die Region. Denn Norduganda hatte einen langandauernden Bürgerkrieg hinter sich. Traurige Zeugen und Opfer dieses Krieges sind Kinder, die als Soldaten missbraucht wurden, und Frauen und Mädchen, die durch massive Übergriffe traumatisiert wurden. Die gesellschaftliche Reintegration dieser Kriegsopfer und die Aussöhnung der Menschen nach Jahren der Kämpfe gehören zu den Schwerpunkten der psychotraumatologischen Arbeit in Gulu und Umgebung. Einbezogen werden dabei auch traditionelle afrikanische Versöhnungsrituale.

Das Gulu-Projekt, das vom SES und dem SES-Förderverein unterstützt wurde, ist ein gutes Beispiel dafür, welche Früchte das zeitlich begrenzte, aber wiederholte Engagement eines SES-Experten zeitigen kann. In Gulu hat die Tatsache der Ehrenamtlichkeit den Respekt und die Wertschätzung für den Senior-Experten sehr befördert.

Der Expertenpool des SES ist eine wichtige, entwicklungspolitische Größe. In Festreden werden Senior-Experten gerne als „Botschafter der deutschen Wirtschaft“ oder „Diplomaten des Friedens“ bezeichnet, und das ist – nach Abzug eines gewissen Pathosanteils – durchaus richtig. Der SES sucht ständig Ärzte, die ihr Wissen zur Verfügung stellen möchten. Zukunft braucht Erfahrung – diese Überzeugung leitet den SES seit fast 30 Jahren.
Prof. Dr. med. Ekkehard Doehring
Dr. Heike Nasdala
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