ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2010Von schräg unten: Zu wessen Nutzen?

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Von schräg unten: Zu wessen Nutzen?

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LNSLNS Jahrzehntelange Arbeit im Dienste der Gesundheitsversorgung lässt besondere Qualitäten heranreifen. Man ist gezwungen, aus wenigem sehr viel herauszuholen; aus dem knappen Budget trotzdem eine wirkungsvolle Therapie zu gestalten; unter dem Deckel alle unsere Schutzbefohlenen zu versorgen. Diese Fähigkeit ist auch in der täglichen Sprechstunde gefordert, müssen wir doch aus fragmentarischen Angaben in kürzester Zeit eine umfassende Diagnose formulieren. Dieser Zwang zur Maximierung des Minimums zieht sich wie anhaltende Kammertachykardie durch die Sprechstunde.

Ein Patient zeigt mir einen Artikel aus einer Zeitschrift und bittet um einen ärztlichen Kommentar. Aus der Ferne kann ich nur die Überschrift entziffern: „Gemeinsam gegen die Todesursache Nr. 1!“ Das reicht mir, mehr muss ich nicht lesen. Ich erläutere ihm, dass diese schmissige Schlagzeile von einem Profi formuliert worden ist, bindet sie doch gekonnt alle geneigten Leser ein. „Gemeinsam“ sind wir stark, so wird es suggeriert, die Addition der Einzelnen potenziert die Intelligenz und führt zu übermenschlichen Höhen. Dem kann ich aber nur bedingt zustimmen, da das Leben nun mal lehrt, dass die Konzentrierung von Menschenmassen eher zu Banalem als zu Grandiosem führt. Man brauche sich hierfür nur die Programme der Privatsender im Fernsehen anzuschauen, die als Beweis für den Untergang von Homo sapiens und nicht für dessen Höhenflüge dienen können. Das Privatfernsehen ist aber sicher nicht die Todesursache Nummer eins, von dem im besagten Artikel die Rede ist, eher handelt es sich um die Bewältigung von Herzerkrankungen. Und weil der Artikel vom Profi geschrieben und daher bezahlt wurde, kann er nicht von einem wohlmeinenden Arzt formuliert worden sein, der nur die Gesundheit seiner Schutzbefohlenen im Sinn hat, sondern ist im Auftrag der Medizinprodukteindustrie entstanden. Wenn wir nun all dies miteinander verknüpfen, kann es sich eigentlich nur um Werbung für den Kauf von Defibrillatoren handeln, zum Nutzen Einzelner und auf jeden Fall zum Wohl der herstellenden Industrie.

Ich für meinen Teil würde zwar eher dafür plädieren, statt des massenhaften Verkaufs von Geräten zur Terminierung maligner ventrikulärer Arrhythmien die Laienreanimation zu fördern. Habe ich doch in den sechs Jahren meiner Tätigkeit als Notarzt und geschätzten 200 Reanimationen nur ein einziges Mal gesehen, wie Angehörige lebensrettende Sofortmaßnahmen durchführten. Aber mit einer breiten Ausbildung in Erster Hilfe lässt sich kein Geld verdienen und kein Journalist bezahlen. Reicht das an Kommentar?

„Herr Doktor, Sie haben völlig recht, in dem Artikel wird tatsächlich der Kauf von Defibrillatoren beworben! Sie haben aber eine Menge Fantasie!“ Nein, habe ich nicht. Eigentlich bin ich völlig fantasielos. Ich bin nur seit Jahrzehnten im Dienste der Gesundheitsversorgung tätig.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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