ArchivDeutsches Ärzteblatt36/1997Arzneimittelbudget: Allein gelassen

SPEKTRUM: Leserbriefe

Arzneimittelbudget: Allein gelassen

Sieber, Petra

Erfahrungen bei einer Praxisvertretung:
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LNSLNS Da war sie nun, die ganz große Chance: Die erste Praxisvertretung! Es galt, seine Frau stehen, sich selbst zu beweisen, daß man eine Praxis führen konnte. Voller Enthusiasmus ging ich ans Werk und mußte bereits am ersten Tag feststellen, daß an diesem allgemeinmedizinischen Örtchen buchstäblich die Zeit stehengeblieben war, besonders was die Verschreibungspraxis angeht. Schlagworte wie Budgetierung, Arzneimittelrichtlinien, KV-Prüfungsausschuß, Regreß hatten die Patienten nie zuvor gehört (die Praxisinhaberin dafür um so häufiger!). Und da standen sie nun Schlange vor dem Tresen meiner treuherzigen Sprechstundenhilfen und verlangten, was ihnen seit jeher verschrieben wurde: vom Rheuma- oder Venensälbchen über Magnesium-Brausetabletten, vom Ginkgo bis zum Kürbiskern, vom schleimlösenden Hustensäftchen bis zum Abführmittel. Am Ende meines ersten Tages sank ich erschöpft vom schier endlosen Diskutieren, Widersprechen und Verweigern von Kassenrezepten für obige Mittel in mein Bett. Am folgenden Tag erlebte ich, daß es durchaus noch eine Steigerung der Empörung meiner Patienten gab. Die Szenen, die sich an der Anmeldung abspielten, waren für meine Mitarbeiterinnen kaum zu bewältigen. Die bloße Zögerung, das Nachfragen, die Andeutung, daß dieses oder jenes Medikament nicht mehr "auf Kasse" geht, löste solche Aggressionen aus, daß ich mich hilfesuchend an die KV Gießen wandte, um einen Ratschlag einzuholen. Dort gab man mir freundlicherweise die Telefonnummer eines Kollegen, der nebst seiner Tätigkeit als "Niedergelassener" im Prüfungsausschuß sitzt.
Das Telefonat mit diesem Kollegen gestaltete sich wie folgt: auf meine Frage, wie ich denn einem Patienten gegenüber argumentieren könnte, wenn ich die obengenannten Arzneimittel nicht mehr verschreiben wollte, antwortete mir der "väterliche Freund" auf verschiedene Art und Weise:
1) Wenn Sie die Praxisinhaberin nur vier Wochen vertreten, würde ich mich an Ihrer Stelle nicht mit den Patienten anlegen.
2) Lassen Sie doch dem Opi seine Kürbiskerne, wenn er damit besser pinkeln kann.
3) Machen Sie sich keine Sorgen, schließlich dürfen Sie ja 20 Prozent überziehen, und wenn Sie bei den physikalischen Verordnungen unterm Schnitt liegen, sagt selbst dann keiner was.
4) Versuchen Sie, vorm Prüfungsausschuß andere, besonders "teure" Patienten ins Feld zu führen, die Sie dann für die Überziehung Ihres Budgets verantwortlich machen und für die Sie eine Sonderregelung beantragen können.
Trotz meiner Beharrlichkeit habe ich keine Antwort auf meine Frage erhalten. Selbst meine Provokation - "Wenn ich mein Budget überziehe, dann deuten Sie als Prüfer doch zuerst auf die Roßkastanien- und Brennesselextrakte und die sogenannten Mittel mit fragwürdiger therapeutischer Wirkung!" - konnte ihn nicht dazu bewegen, eine klare Stellungnahme abzugeben.
Ich werde das Gefühl nicht los, daß selbst Mitglieder des KV-Prüfungsausschusses sich durchs "Rezeptleben" durchschlängeln. Sie kennen die Tricks, die befreienden Argumente, die Lücken im Netz der Richtlinien, Verordnungen, Reglementierungen, durch die man schlüpfen kann. Ist es das, was ich noch lernen muß? Am Ende hat mir der Kollege doch die besten Ratschläge gegeben, und ich habe ihn nicht verstanden. Wenn dem so ist, entschuldigen Sie vielmals.
Petra Sieber, Tevesstraße 71, 60326 Frankfurt
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