ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2010Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten: Mindestquote noch nicht erreicht

POLITIK

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten: Mindestquote noch nicht erreicht

PP 9, Ausgabe Mai 2010, Seite 199

Meißner, Marc

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Seit fast eineinhalb Jahren gibt es die Mindestquote für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Allerdings kann sie aufgrund einer Richtlinie des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses in den Regionen nur stufenweise umgesetzt werden.

Foto: iStockphoto
Foto: iStockphoto
Als das GKV-Organisationsweiterentwicklungsgesetz (GKV-OrgWG) am 1. Januar 2009 in Kraft trat, feierten die Psychotherapeutenkammern und Fachverbände dies als großen Erfolg. Erstmals hatte der Gesetzgeber eine Mindestquote festgesetzt, nach der 20 Prozent der psychotherapeutisch tätigen Ärzte und Psychotherapeuten hauptsächlich Kinder und Jugendliche behandeln sollen. Damit hatte man den Grundstein gelegt, um die psychotherapeutische Versorgung von Kinder- und Jugendlichen deutlich zu verbessern. Denn obwohl sie einen vergleichbaren Bedarf an Psychotherapie haben wie Erwachsene, lag der Anteil an Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) bundesweit lediglich bei 13,6 Prozent.

Doch die Umsetzung dieses Gesetzes durch die Selbstverwaltung ließ lange auf sich warten. Obwohl das GKV-OrgWG schon im Oktober 2008 beschlossen wurde, hat der Gemeinsame Bundes­aus­schuss erst im Juni 2009 eine entsprechende Regelung verabschiedet.

Diese sieht vor, die 20-Prozent-Quote schrittweise einzuführen. Zunächst soll in allen Planungsbezirken einer Kassenärztlichen Vereinigung (KV) eine Quote von zehn Prozent erreicht werden. Erst dann dürfen weitere Niederlassungsmöglichkeiten eröffnet werden, um die Mindestquote zu erfüllen. Mit diesem Vorgehen will der G-BA sicherstellen, dass Sitze in extrem unterversorgten Gebieten nicht unbesetzt bleiben, während sich die KJP vorwiegend in den attraktiveren Regionen niederlassen.

G-BA-Richtlinie verlangt zweistufige Anpassung
Die Kammern und Verbände sahen in der Richtlinie eine Verzögerungstaktik der Selbstverwaltung. „Der G-BA plant also erst dann eine flächendeckend bessere Versorgung zu ermöglichen, wenn in einigen wenigen Regionen eine Versorgungsquote von zehn Prozent erreicht wird“, kritisierte der Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer, Prof. Dr. Rainer Richter. „Das nenne ich Blockade von Reformen, die notwendig sind, um psychisch kranke Kinder und Jugendliche endlich angemessen zu behandeln.“

Knapp eineinhalb Jahre nach dem Inkrafttreten des GKV-OrgWG ist die KJP-Mindestquote in vielen Regionen noch nicht erreicht. Lediglich in sieben der 17 Kassenärztlichen Vereinigungen erfüllen alle Planungsbezirke die geforderte Zehn-Prozent-Hürde. Die KVen Hamburg und Berlin nehmen dabei eine Sonderstellung ein, da sie nur aus einem Planungsbereich bestehen. Sie können direkt so viele Niederlassungsmöglichkeiten schaffen, dass die Mindestquote von 20 Prozent erfüllt wird. In den verbleibenden acht KVen sind in 47 Regionen noch insgesamt 108,5 Stellen zu besetzen, um die Zehn-Prozent-Hürde zu erreichen. Vor einem halben Jahr lag nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung noch in 77 der 395 Planungsbereiche der Anteil der KJP unter zehn Prozent.

Zahl der zu besetzenden Sitze ist regional unterschiedlich
Wie viele Stellen dadurch erst einmal blockiert sind, ist je nach KV unterschiedlich. In Sachsen-Anhalt werden nach Erreichen der Zehn-Prozent-Hürde noch circa 26 Sitze zu besetzen sein, um die Mindestquote zu erreichen, in Niedersachsen hingegen 30. Schleswig-Holstein musste dafür lediglich 13 neue Niederlassungsmöglichkeiten schaffen.

Ein weiterer Kritikpunkt an der G-BA-Richtlinie ist die Anrechnung von Psychotherapeuten mit doppelter Zulassung bei der Bedarfsplanung. Besitzt ein Therapeut sowohl die Kassenzulassung für die Behandlung von Erwachsenen als auch die für Kinder und Jugendliche, wird er mit 0,5 bei der Bedarfsplanung berücksichtigt. Dabei ist es egal, in welchem Umfang er Kinder und Jugendliche therapiert. „Tatsächlich aber behandeln diese Psychotherapeuten im Durchschnitt nur wenige Kinder und Jugendliche“, gab die Deutsche PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) zu bedenken. Dadurch werde der Versorgungsgrad künstlich hochgerechnet, so dass viele der benötigten Behandlungsplätze für Kinder und Jugendliche verloren gingen.

Die Bundesregierung teilte auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen mit, dass die Berücksichtigung von doppelten Zulassungen dazu führt, dass anstelle von 1 070 neuen Niederlassungsmöglichkeiten für KJP lediglich 909 geschaffen werden. Damit sinkt die Zahl möglicher neuer Sitze um 15 Prozent. Die Regierung verweist jedoch darauf, dass ein Jahr nach der Umsetzung der Mindestquote geprüft werden soll, ob der Anrechnungsfaktor 0,5 der Versorgungsrealität entspricht. Gegebenenfalls sollen dann weitere Niederlassungsmöglichkeiten eröffnet werden.

Therapeuten mit doppelter Zulassung werden einbezogen
Darüber, wie viele ihrer Behandlungen Psychotherapeuten mit doppelter Zulassung tatsächlich an Kindern und Jugendlichen durchführen, liegen kaum Daten vor. Die KV Thüringen gibt an, dass von allen psychotherapeutischen Leistungen fast jede vierte an Kindern und Jugendlichen erbracht wird. Allerdings ist der Anteil bei den einzelnen Therapeuten sehr unterschiedlich. Einige führen über 95 Prozent ihrer Therapien an Erwachsenen durch, während andere zu fast 80 Prozent nur Kinder und Jugendliche behandeln.

Genauere Angaben macht die KV Nordrhein. In der Region gibt es zwar keine doppelten Zulassungen; Psychotherapeuten können aber die Genehmigung erhalten, auch Leistungen an Kindern und Jugendlichen abzurechnen. Allerdings führen Psychologische Psychotherapeuten mit einer solchen Genehmigung weniger als zwei Prozent ihrer Behandlungen an Kindern und Jugendlichen durch, Verhaltenstherapeuten gerade einmal acht Prozent. In einer KV-Region mit doppelter Zulassung würden sie jedoch mit dem Faktor 0,5 in der Bedarfsplanung berücksichtigt werden.

Auch wenn man die Ergebnisse aus Nordrhein nicht verallgemeinern kann, scheint die pauschale Annahme, dass Psychotherapeuten, die Erwachsene sowie Kinder und Jugendliche behandeln dürfen, dies auch zu gleichen Teilen tun, zumindest fragwürdig. Eine zeitnahe Überprüfung – und nicht erst nach einem Jahr – kann weitere Verzögerungen beim Erreichen der KJP-Mindestquote verhindern.
Dr. rer. nat. Marc Meißner
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema