ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2010Praxissoftware: Im Umbruch

POLITIK: Kommentar

Praxissoftware: Im Umbruch

PP 9, Ausgabe Mai 2010, Seite 205

Krüger-Brand, Heike E.

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Heike E. Krüger-Brand, DÄ-Redakteurin
Heike E. Krüger-Brand, DÄ-Redakteurin
Knapp 20 Jahre lang waren die Rollen beim EDV-Einsatz im ambulanten Sektor klar verteilt: hier die Kassenärztliche Bundesvereinigung mit der Aufgabe, bundeseinheiltiche Standards für den elektronischen Datenaustausch festzulegen und als hoheitliche Stelle die Vorgaben für die Softwarefunktionalitäten zu definieren, dort die Hersteller, die die Spezifikationen in ihren Produkten umsetzen und diese zertifizieren lassen müssen. Dritter im Bunde: der Anwender in der Arztpraxis, der im zunehmend EDV-gestützten Workflow die Leistungs- und Kostenabrechnung für seine Kassen-, Privat- und BG-Patienten durchführt.

Mit dieser Überschaubarkeit ist es seit einiger Zeit vorbei: Disease-Management-Programme, Strukturverträge, Integrationsverträge, Haus- und Facharztverträge – ohne eine ausgefeilte IT-Unterstützung ist ein halbwegs professionelles Vertrags- und Abrechnungsmanagement für die Ärzte undenkbar. Vor allem das Vertragsmanagement im Rahmen der hausarzt- und facharztzentrierten Versorgung nach § 73 b und c SGB V entwickelt sich zur neuen Herausforderung für alle Beteiligten.„Es explodiert förmlich durch die Selektivverträge“, meinte Jens Naumann, Vorstandsmitglied des Verbandes der Hersteller von IT-Lösungen für das Gesundheitswesen und Geschäftsführer des Softwarehauses Medatixx. Die Frage für die Softwarehäuser sei: Wie lassen sich Selektivverträge in IT umsetzen?

Insbesondere für kleinere Softwarehäuser könnte das problematisch werden, denn die Möglichkeiten der IT-Umsetzung unterscheiden sich von Vertrag zu Vertrag und von Bundesland zu Bundesland. Die informationstechnische Komplexität durch eine tiefgreifende Implementierung der Verträge in die Praxissoftware nimmt somit zu. Gleichzeitig haben es die Unternehmen bei der Umsetzung nicht mehr nur mit einem Ansprechpartner, der ihnen einheitliche Standards vorgibt, zu tun. „Die hoheitliche Stelle bricht gerade weg“, so Naumann. „Kassen und Hausarztverbände übernehmen hierfür die Spezifikationshoheit.“ Die Softwarehäuser kämpfen dadurch mit einer Vielzahl von Schnittstellen und spezifischen Anforderungen. Würde jede Kasse eine eigene Gebührenordnung entwickeln, käme man auf mehr als 160 Gebührenordnungen für Selektivverträge, die softwaretechnisch umgesetzt werden müssten, meinte Naumann. Noch komplexer werden die Anforderungen durch die intersektorale Kommunikation.

Auch auf das Arbeitsfeld der Ärzte dürfte sich diese Entwicklung auswirken: Schon heute klagen sie über zuviel Bürokratie und einen überbordenden Papierkrieg. Nach einer repräsentativen Umfrage des Compugroup-Gesundheitsmonitors unter Haus- und Kinderärzten sowie Gynäkologen wenden mehr als 40 Prozent der Ärzte für Schreibtischarbeiten fast zwei Stunden ihres zehnstündigen Arbeitstages auf, für fast ein Viertel sind es sogar eher drei Stunden. Kein Wunder daher, dass sich 61,2 Prozent der befragten Ärzte im Zusammenhang mit Selektivverträgen wünschen, alle Kassen würden sich auf die gleichen Rahmenbedingungen einigen.

Danach sieht es derzeit jedoch nicht aus. Entstehen könnte vielmehr ein „Flickenteppich“ von kassenspezifischen IT-Lösungen für die haus- und fachärztliche Versorgung mit jeweils eigenen Vertrags- und Abrechnungsmodulen, der für die Softwarehäuser erheblich mehr Aufwand und Kosten bedeutet. Bezahlen werden dies wohl am Ende die Anwender.
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