ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2010Psychosoziale Zentren: Therapie mit Dolmetscher

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Psychosoziale Zentren: Therapie mit Dolmetscher

PP 9, Ausgabe Mai 2010, Seite 206

Schuster, Christina

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LNSLNS Flüchtlinge ohne Bleiberecht haben oft keinen Zugang zu einer Psychotherapie. Psychosoziale Zentren schließen diese Versorgungslücke und sammeln Wissen im Umgang mit Interkulturalität.

Sitzung mit Dolmetscher – Therapeut und Patient halten ständig Augenkontakt und sprechen sich gegenseitig direkt an. Fotos: Christina Schuster
Sitzung mit Dolmetscher – Therapeut und Patient halten ständig Augenkontakt und sprechen sich gegenseitig direkt an. Fotos: Christina Schuster
Als Victoria nach Deutschland kam, hoffte sie auf Sicherheit. In ihrem Heimatland Nigeria konnte sie nicht bleiben. Mitglieder ihrer Familie sind verfolgt und getötet worden, da diese sich geweigert hatten, der Kultgemeinschaft Ogboni beizutreten, erzählt Victoria. Aus Angst, ihr Leben ebenfalls zu verlieren, ist Victoria geflohen. Seit dem Jahr 2004 lebt sie nun in Deutschland. Doch sicher fühlt sie sich noch immer nicht; denn es ist noch nicht entschieden, ob sie bleiben kann oder womöglich zurückmuss.

Wer in Deutschland nicht als politisch Verfolgter anerkannt wird, muss das Land verlassen. Ausnahmen gibt es für Kranke, wenn eine zwangsweise Rückkehr den Gesundheitszustand wesentlich verschlechtern würde. Die meisten, auf die das zutrifft, erhalten jedoch nur eine Duldung. Diese Menschen müssen regelmäßig vor deutschen Behörden vorsprechen und argumentieren – für Victoria ein jahrelanger Kampf und eine zusätzliche Belastung.

Insgesamt geht man davon aus, dass mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge eine Traumafolgestörung aufweist. Trotzdem gibt es in Deutschland kein geregeltes Verfahren, um eine psychische Belastung bei Flüchtlingen festzustellen. Oft sind es Ehrenamtler oder Sozialarbeiter, die eine Störung bemerken und die Betroffenen dann weiter- verweisen.

Auch Victoria kam so in das Psychosoziale Zentrum (PSZ) in Düsseldorf, wo sie kostenlose Psychotherapie und soziale Beratung erhält. Denn: „Ohne Bleiberecht keine Regelversorgung“, stellt Annette Windgasse, Leiterin des PSZ, fest. Flüchtlinge, die noch im Asylverfahren sind oder nur eine Duldung haben, seien über das Sozialamt versichert. Diese Menschen haben nur bei akuten Schmerzen oder Krankheiten ein Recht auf Behandlung. Bei psychischen Krankheiten würden die Anträge auf eine Therapie häufig abgelehnt, erklärt Windgasse.

In Deutschland gibt es insgesamt 25 Psychosoziale Zentren. Diese haben sich unter dem Dachverband der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAFF) zusammengeschlossen. Da es für niedergelassene Psychotherapeuten besonders mühsam ist, mit dem Sozialamt abzurechnen, haben in den Psychosozialen Zentren die Flüchtlinge Vorrang, die sonst nur schwer einen Therapieplatz finden.

Familienbrett in der Psychotherapie – Je nach Thema können die Patienten ihre Empfindungen durch „Verschieben“ der Figuren darstellen.
Familienbrett in der Psychotherapie – Je nach Thema können die Patienten ihre Empfindungen durch „Verschieben“ der Figuren darstellen.
Die Mitarbeiter in PSZ sind meist ein Team aus Psychotherapeuten, Sozialarbeitern, Pädagogen, Ehrenamtlern und seltener auch Medizinern. Neben Psychotherapie und sozialer Beratung begleitet man die Klienten zum Beispiel auch bei Behördengängen oder zum Arzt. Behandlung und Stabilisierung erfolgen nach integrativen und systemischen Ansätzen. Die Zentren tauschen sich fachlich aus und bemühen sich unter anderem um die Zusammenarbeit mit Ärzte- und Psychotherapeutenkammern.

Die Finanzierung organisiert jedes PSZ selbst. „Wir haben im Moment 15 verschiedene Einnahmequellen“, sagt Windgasse. Darunter sind Gelder von der Europäischen Union, den Vereinten Nationen, vom Bund und Land sowie Kollekten und Spenden. Leider sei die Mittelbeschaffung sehr zeitaufwendig, wodurch weniger Zeit für die Patienten bleibe, erklärt Windgasse. Zwar könne man jedes Jahr im PSZ etwa 400 Menschen unterstützen, doch viel mehr brauchen Hilfe: „Wir haben bis zu dreimal mehr Anfragen, als wir aufnehmen können“, sagt Eva van Keuk, Psychologische Psychotherapeutin im PSZ.

Die Klienten kommen aus mehr als 40 Ländern und sprechen 22 unterschiedliche Sprachen. Optimal wäre es, alle in ihrer Muttersprache beraten und therapieren zu können. „Oft gibt es keine Alternative zum Dolmetscher“, sagt die PSZ-Leiterin. Und selbst in psychiatrisch-psychotherapeutischen Einrichtungen mit mehrsprachigen Therapeuten können nicht alle Sprachen abgedeckt werden. Dabei ließen sich Fehldiagnosen durch einen Dolmetscher auch im medizinischen Bereich vermeiden, betont Eva van Keuk. Denn die Erfahrung habe gezeigt, dass man Flüchtlinge oft vielen apparativen diagnostischen Verfahren unterziehe und ihnen häufig zu viele Medikamente verschreibe. „Bei den Betroffenen führt dies zu einer Chronifizierung ihres Leidens und für das Gesundheitswesen zu einer finanziellen Belastung“, sagt van Keuk. Mit Dolmetscher könne dies verbessert werden, auch weil viele über schambelastete Themen nur in ihrer Muttersprache sprechen würden.

Im PSZ Düsseldorf setzt man seit 23 Jahren auf Sprach- und Kulturmittler und ist von der Effektivität überzeugt. „Wir schulen unsere Dolmetscher hier im Haus”, sagt Windgasse. Im PSZ erhalten die Sprachmittler unter anderem eine Einführung in Psychologie und Psychotraumatologie.

Zudem hat das Zentrum einen Leitfaden für die Arbeit mit Dolmetschern: Für ein gelungenes Setting muss man zunächst den für den Klienten passenden Dolmetscher finden. Neben Sprache und soziodemografischen Merkmalen sei auch der politische Hintergrund eines Landes wichtig: „Klient und Dolmetscher dürfen in ihrer Heimat nicht verfeindet sein”, erklärt Windgasse. Die ersten Sitzungen benötigen mehr Zeit durch das Vor- und Nachgespräch und die Aufwärmphase, was notwendig ist, um eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Vor der Sitzung wird der Dolmetscher über den Klienten und das Gesprächsziel informiert. Aus Sicht des PSZ ist der Dolmetscher mehr als ein reiner Übersetzer. Er erweitert die traditionelle Therapeut-Klient-Dyade zu einer Triade. „Leider lehnten viele Therapeuten die triadische Beziehung ab“, sagt van Keuk. Die Erfahrung im PSZ habe jedoch gezeigt, dass dies für die Therapie eine Bereicherung sein kann. Durch die Verzögerung bei der Übersetzung könne man Interventionen besser überdenken. Auch nutze man die Zeit, um das non- und paraverbale Verhalten zu beobachten. Darüber hinaus ist der Sprachmittler als Experte seiner Kultur wichtig für den Therapeuten: „Es gibt in meiner Kultur Tabus, die auch das Therapiegespräch betreffen”, sagt Marthe Ngomba Matanda, Sprachmittlerin im PSZ. Zum Beispiel spreche man Probleme nicht so direkt an, wie in Deutschland. Als Kulturmittlerin können sie den Therapeuten schon im Vorfeld auf mögliche Schwierigkeiten hinweisen.

Direkt klären muss der Therapeut etwa Diskrepanzen zwischen der Länge der Antwort der Klienten und der Übersetzung, oder unlogische Antworten. Dies sei wichtig, um festzustellen, ob es ein sprachliches oder inhaltliches Missverständnis ist oder sogar eine Vermeidungstendenz der Klienten und damit Ausdruck der Symptomatik. Nach der Sitzung gibt es ein Gespräch zwischen Therapeut und Dolmetscher. Dort klärt man Unklarheiten oder fängt entstandene Emotionen beim Sprachmittler auf.

„Wir wollen hier keine Kompetenz horten“, betont Eva van Keuk, „deshalb geben wir unsere Erfahrungen gerne weiter.“ Deutschland sei längst ein Zuwanderungsland, auch wenn die Politik das erst im Jahr 2005 offiziell anerkannt habe. „Wir haben die Vision, kulturelle Vielfalt ins reguläre Gesundheits- und Sozialwesen zu integrieren“, sagt die Psychotherapeutin. Deshalb kooperiere das PSZ mit der Ärztekammer Nordrhein, der Psychotherapeutenkammer NRW und dem Bildungsinstitut im Gesundheitswesen und bietet zertifizierte Fortbildungen zur „transkulturellen Kompetenz“ an. Ziel sei der sichere Umgang mit Flüchtlingen und mit Migranten im beruflichen Alltag.

„Schubladen helfen nicht“, sagt van Keuk. Deshalb setzen die Weiterbildungen auf eine systematische Wahrnehmung aller individuellen Merkmale, wie etwa Alter, Geschlecht, soziokulturelle und nationale Herkunft, Hautfarbe, Bildung, sexuelle Orientierung und Behinderung. Der Begriff transkulturell verdeutliche, dass man nicht mehr von klar abgegrenzten nationalen Kulturkreisen ausgehen könne, sondern von konkreten Lebenszusammenhängen.

Victoria macht Fortschritte in der Therapie, die auf Englisch verläuft, eine ihrer Muttersprachen. Doch eine Heilung könnte die Behörden dazu veranlassen, sie zurück nach Nigeria zu schicken. Im Moment hofft sie auf ein unbefristetes Bleiberecht aus humanitären Gründen, da Asyl für sie ausgeschlossen ist.
Christina Schuster
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