ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2010Altersruhesitze in Asien: „Leben wie die Könige“

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Altersruhesitze in Asien: „Leben wie die Könige“

PP 9, Ausgabe Mai 2010, Seite 213

Merten, Martina

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LNSLNS Blauer Himmel, Wärme und niedrige Lebenshaltungskosten: Auf den Philippinen entstehen Dörfer für wohlhabende Rentner aus Asien und Europa, in denen von der Pflege bis hin zum Spa alles vorhanden ist.

Willkommen zu Hause: Die Rentendörfer bieten viel Komfort zu günstigen Preisen. Fotos: Martina Merten
Willkommen zu Hause: Die Rentendörfer bieten viel Komfort zu günstigen Preisen. Fotos: Martina Merten
Josef Houchard, ein adrett gekleideter Herr im Robert-Redford-Look, sitzt mit seiner Frau Risalina im Wartezimmer der Philippine Retirement Authority. Hierhin kommt der pensionierte Belgier in regelmäßigen Abständen, um sein Rentenvisum zu verlängern. Ein Stempel der staatlichen Behörde in Manila reicht, und Houchard kann wieder nach Lipa zurückfahren, in sein am Wasser gelegenes Haus. „Das Wetter hier ist gut, die Menschen sind fröhlich und die Lebenshaltungskosten gering“, sagt der 82-Jährige zufrieden. Zurück nach Europa möchte er nicht mehr.

Wie Houchard leben 21 000 Rentner auf den Philippinen. Seit Mitte der 80er Jahre kommen jährlich mehrere Hundert dazu. Der Großteil von ihnen stammt zwar aus Nachbarstaaten wie China, Korea oder Japan. Doch die Zahl der Senioren aus Europa und den USA steigt stetig. Circa 1 200 Deutsche beziehen auf den Philippinen ihre Rente, wie die Deutsche Rentenversicherung Bund mitteilt.

Renaldo de Leon Lingat ist Generaldirektor der Rentenbehörde in Manila. Er ist von der Idee eines philippinischen Renten-Mekkas überzeugt. Dafür nennt er gleich mehrere Gründe: „In den Heimatländern werden die Pensionen immer schmaler. Bei uns können die Rentner von demselben Geld leben wie die Könige.“ Zurzeit, erzählt Lingat stolz, entstünden über das gesamte Land verteilt sogenannte Rentendörfer – Siedlungen, in denen Senioren von der Betreuung durch Pflegekräfte und Ärzte, über regelmäßige Mahlzeiten bis hin zu Ausflügen alles geboten wird. Die Philippinen sind Lingat zufolge das einzige asiatische Land, das dauerhafte Rentenvisa erteilt. Um ein solches Visum zu bekommen, müssen Rentner über 50 Jahre einmalig etwa 7 000 Euro im Land investieren, beispielsweise durch den Kauf eines Apartments. Die Rente muss mindestens 570 Euro betragen.

Raymon Humphrey hätte das Pflegeheim in seiner Heimatstadt London 550 Euro pro Woche gekostet. Obwohl der Engländer als ehemaliger Ingenieur finanziell gut abgesichert ist, findet er den Preis zu hoch. „Außerdem mochte ich die Atmosphäre in diesen Einrichtungen nie“, erklärt der 79-Jährige. 1994 lernte er auf einer Feier in London seine heutige Frau Cleopatra, eine Philippinerin, kennen. Nach sieben gemeinsamen Jahren in Großbritannien beschlossen die beiden, ihren Lebensabend in einem Rentendorf auf den Philippinen zu verbringen, und zwar in dem von Gil E. Zarzilla.

Zarzilla, ein Philippiner, der seit 35 Jahren in London lebt, hatte die Idee, auf den Philippinen ein Rentendorf im britischen Stil zu bauen. „Die Versorgung in Europa ist teuer, auf persönlicher Ebene oft schlecht. Auf den Philippinen dagegen ist sie günstig und menschlich ansprechend“, sagt Zarzilla. In den vergangenen Jahren hat er inmitten von Palmen und Bougainvilleen 32 Häuser errichtet und an Briten verkauft. Gleich am Eingangsportal von „Indang Village“ befindet sich ein britischer Pub, daneben die typische rote Telefonzelle. Angrenzend an das Areal entsteht zurzeit eine Pflegestation. Ein 19 Hektar großes Gelände gegenüber von Indang Village hat Zarzilla Ärzten zum Kauf angeboten. Schließlich, so der Unternehmer, sei ein Krankenhaus in unmittelbarer Nähe zum Rentendorf sehr wichtig.

Medizintouristen treffen im Asian Eye Institute auf hohe medizinische Standards.
Medizintouristen treffen im Asian Eye Institute auf hohe medizinische Standards.
Rentner in Deutschland, Italien, Japan oder Korea werden immer älter. Erreicht heute ein Zehntel der Weltbevölkerung mindestens das 60. Lebensjahr, wird es im Jahr 2050 mehr als ein Fünftel sein. Diese Entwicklung, konstatierten Wissenschaftler und Ärzte beim World Health Summit im Oktober 2009 in Berlin, gehe einher mit steigenden Kosten für Pflege und ärztliche Versorgung – Kosten, die die wachsende Schar an Rentnern in den Industrienationen aufgrund von stagnierenden Renten und teuren Lebenshaltungskosten schon heute kaum noch tragen könne. Henry Schumacher drückt es so aus: „Vor dem Hintergrund der steigenden Pflegekosten in Europa sind die Philippinen ein Paradies.“

Schumacher ist Vizepräsident der Europäischen Handelskammer in Manila. 2007 hat diese gemeinsam mit der US-amerikanischen, der koreanischen und der japanischen Handelskammer die „Retirement and Healthcare Coalition“ gegründet. Die Einrichtung versteht sich als Dienstleister für ausländische Rentner. So prüft der Zusammenschluss beispielsweise, welche Krankenhäuser und Arztpraxen Rentnern empfohlen werden können. Schumacher und sein deutscher Kollege Marc Daubenbüchel kennen alle Rentendörfer im Land und wissen, welche für Senioren infrage kommen.

Derzeit versucht die Handelskammer, Senioren mit zwei Projekten für die Philippinen als Altersruhesitz zu begeistern: Zum einen wirbt sie für das „Long Stay Visitor Program“, ein Visum, das Rentnern einen Aufenthalt von drei bis sechs Monaten im Land ermöglicht. Während dieser Zeit, sagt Projektmanager Daubenbüchel, soll der Rentner herausfinden, ob das Land als „Second Home“ infrage kommt. Zum anderen vergibt die Retirement and Healthcare Coalition einen Ausweis, mit dem Rentner Ermäßigungen in Hotels, Spas und kleineren Resorts erhalten. Auf diesem Ausweis kann auf Wunsch eine elektronische Krankenakte des Rentners angelegt werden, so dass im Notfall alle Ärzte Zugriff auf dessen wichtigste Daten haben.

Professionell: Das Asian Eye Institute gilt als die führende Augenklinik des Landes.
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Ungeklärt ist allerdings noch immer die Frage der Kostenübernahme bei ärztlichen Behandlungen. Die Philippinen verfügen zwar, insbesondere in der Hauptstadt Manila, über eine Vielzahl hervorragend ausgestatteter Privatkliniken. Wer dorthin geht, zahlt die Behandlung aber entweder aus eigener Tasche oder er hat vor dem Auslandsaufenthalt eine private Auslandskrankenversicherung abgeschlossen und bekommt die Kosten erstattet.

Karsten Steffgen, Marketingmanager bei der Deutschen Kran­ken­ver­siche­rung (DKV) Globality, hält Rentner grundsätzlich für eine Zielgruppe mit höherem Risiko. Der Beitragssatz für eine Auslandskrankenversicherung falle dementsprechend hoch aus. Dennoch hätten die DKV Globality und die Europäische Handelskammer in Manila vereinbart, dass die Kammer als Makler für bestimmte Tarife auftreten dürfe. Vielleicht könnte die Zusammenarbeit langfristig sogar so weit gehen, dass die DKV Globality mit Krankenhäusern und Ärzten auf den Philippinen „Direct Billing Agreements“ abschlösse – es bestünde dann eine Zahlungsgarantie.

Für den Rentner Raymond Humphrey ist das alles nicht wichtig. Noch erfreut er sich guter Gesundheit. Ins Krankenhaus nach Manila, etwa zwei Stunden von seinem Rentendorf entfernt, musste er erst einmal. Die Behandlung in der Medical City, einer der führenden Privatkliniken des Landes, kostete Humphrey etwa 1 000 Euro – das fand er im Vergleich zu England günstig. Eines habe ihn allerdings gestört, meint der Brite. „Es gab Reis zum Frühstück. Reis zum Lunch und Reis zum Abendessen.“
Martina Merten


Rente und Medizintourismus
• Hauptzielländer für Medizintouristen in Asien sind Thailand, Singapur, Indien, Malaysia, Südkorea und die Philippinen. Schätzungen gehen von 1,5 Millionen Patienten jährlich aus, von denen 1,3 Millionen nach Thailand reisen, 400 000 nach Singapur und 30 000 auf die Philippinen. Der Medizintourismusmarkt hat ein Volumen von 40 Milliarden US-Dollar.

• Nachgefragte Leistungen: Knie-, Hüft-, Herz-, Nierenoperationen; ästhetisch-plastische Eingriffe; Medical Wellness (Kombination aus Wohlfühlangeboten wie Massagen und medizinischen Leistungen wie Darmreinigungen, Ernährungsberatung, Traditioneller Chinesischer Medizin); Wellness.

• Kostenvergleich: Ein medizinischer Check-up kostet in den USA 5 000 US-Dollar, auf den Philippinen 500; eine koronare Bypassoperation in den USA 50 000 Dollar, auf den Philippinen 25 000; das Lasern der Augen in den USA 3 000 Dollar, auf den Philippinen 1 000.

• Seit 2004 gibt es die Initiative Medical Tourism Philippines, beteiligt sind die Regierung und der Privatsektor (http://medicaltourismphilippines.rxpinoy.com/).

• Herkunft der Medizintouristen: Korea, China, Japan, USA, Frankreich, Deutschland, Niederlande

• Die Zahl der ausländischen Rentner auf den Philippinen beträgt offiziell 21 000. Es gibt derzeit landesweit zehn Rentendörfer (Britisch: Indang Village, Indang; Japanisch: Philslife, Tagaytay)

• Herkunft der Rentner: China, Korea, Japan, Europa (Deutschland: 230), USA

• Kosten eines Rentenvisums: 35 bis 49 Jahre, kein Rentenbezug: 50 000 Dollar; 50 plus, kein Rentenbezug: 20 000 Dollar; 50 plus, Rente mindestens 800 Dollar: 10 000 Dollar

• Deutsche Rentenbezieher im Ausland: circa 191 000 (davon 1 200 auf den Philippinen); die Lieblingsdestinationen der deutschen Rentner: USA, Österreich, Schweiz, Spanien

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