ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2010Cybersuizid: Verabredung zum Selbstmord

WISSENSCHAFT

Cybersuizid: Verabredung zum Selbstmord

PP 9, Ausgabe Mai 2010, Seite 224

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Das World Wide Web bietet Menschen mit Selbstmordgedanken viele seriöse Informations- und Hilfsangebote. Daneben gibt es aber auch Seiten, die den Suizid verherrlichen und Selbstmordgefährdete in ihrer Absicht bestärken.

Suizidseiten im Internet – wer an Selbstmord denkt, findet hier nicht nur Hilfs- und Beratungsangebote, sondern auch Foren, die zum Suizid animieren.
Suizidseiten im Internet – wer an Selbstmord denkt, findet hier nicht nur Hilfs- und Beratungsangebote, sondern auch Foren, die zum Suizid animieren.
Sie wohnen weit voneinander entfernt, kennen sich ausschließlich übers Internet und treffen sich nur einmal, nämlich um sich gemeinsam umzubringen. Es gibt noch nicht allzu viele Fälle, bei denen auf diese Weise Suizid („Cybersuizid“) begangen wird, es könnte aber in Mode kommen. Denn viele Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, bewegen sich heute häufig und selbstverständlich in virtuellen Welten. Sie knüpfen dort Kontakte, informieren und treffen sich, tauschen sich aus. Dies ist an sich positiv zu werten, allerdings kann es auch ins Gegenteil umschlagen. Denn in jüngster Zeit verbreiten sich Websites im Internet, in denen nicht nur beschrieben, sondern auch anhand von Bildern und Filmen genau gezeigt wird, wie man sich effektiv umbringt. Menschen, die vulnerabel sind, weil sie beispielsweise in Lebenskrisen stecken oder depressiv sind, erhalten hier Anregungen, auf die sie vielleicht von allein nicht gekommen wären.

In der Regel beginnt sich die Todesspirale mit den ersten Recherchen zum Thema Selbstmord zu drehen. Schnell landen Interessierte auf Websites, in Communities, Chatrooms und Foren, die über das Thema informieren, zum Teil sachlich und neutral, zum Teil aber auch persönlich und emotional. Neben Informationen bieten viele Internetseiten und -dienste potenziellen Selbstmördern konkrete Hilfe an: Der Suizidale findet Kummerkästen und Hotlines, er kann sich mit ebenfalls Betroffenen austauschen und dort Verständnis und Zuwendung finden.

Über Foren finden Betroffene Kontakt zu Gleichgesinnten
Eine Studie britischer Psychologen zeigte, dass vor allem Letzteres der eigentliche Grund ist, weshalb suizidbezogene Websites und Foren aufgesucht werden. Die Betroffenen fühlen sich dort verstanden und als Teil einer solidarischen Gemeinschaft. Zudem ermöglicht der Kontakt es ihnen, mit Stress und Belastungen besser umzugehen. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass die Anonymität gewahrt bleiben kann. Auf diese Weise können sich Betroffene Hilfe suchen und aussprechen, die in der realen Welt niemanden haben, an den sie sich wenden können oder möchten.

Es kann aber auch sein, dass gar keine Hilfe gesucht wird, die von Selbstmordgedanken abbringt. Denn es gibt Internetforen, in denen treffen sich Gleichgesinnte, die die feste Absicht haben, sich umzubringen. Dort inspirieren, überreden und überzeugen sie sich gegenseitig, dass Selbstmord eine legitime Art des Problemlösens sei; Bedenken und Kritik sind verboten, stattdessen wird der Freitod idealisiert. Dies kann einen geradezu wahnhaften, irrealen Charakter annehmen, der so weit führt, dass Suizid als etwas Gutes und Sinnvolles angesehen wird. Ängste, Zweifel und Hemmungen, sich das Leben zu nehmen, verschwinden. Die konspirativ wirkenden Treffen im Netz entwickeln nicht selten eine Dynamik, der sich die Beteiligten kaum entziehen können und die Personen mit Selbstmordabsichten „ansteckt“, welche zuvor keine festen hegten. In manchen Foren werden Selbstmörder sogar als Helden und Vorbilder gefeiert. Oft suchen sich die Suizidalen einen „Freund“, weil sie im Grunde Angst haben oder sich nicht trauen, allein zu sterben. Sie treffen diesen Kumpanen niemals persönlich, sondern kennen ihn nur über E-Mail-Kontakt und Foren. Mit ihm tauschen sie sich über Suizidmethoden aus und planen im Detail den gemeinsamen Selbstmord. Zum verabredeten Zeitpunkt treffen sie sich das erste und einzige Mal, um miteinander in den Tod zu gehen. Da sie dies ausschließlich im von außen kaum einsehbaren Raum des Internets tun, bekommt das Umfeld kaum etwas mit. Nur gelegentlich kündigen sie ihr Vorhaben kurz vorher im Internet oder per E-Mail an. Es bestehen also für Außenstehende wie Angehörige oder behandelnde Psychotherapeuten wenig Chancen, rechtzeitig von den Selbsttötungsabsichten zu erfahren.

Cybersuizid ist neu und bizarr und damit ein gefundenes Fressen für die Medien. Nicht selten bauschen sie die Fälle auf und berichten über jedes Detail. „Das ist problematisch, denn es regt zur Nachahmung an“, meint die japanische Kinderpsychiaterin Ayumi Naito, die am University College London tätig ist und sich mit Cybersuizid in Japan beschäftigt. Sie stellt fest, dass sich regelmäßig nach Medienberichten über Cybersuizid weitere Menschen das Leben nehmen („Werther-Effekt“). Vermutlich sehen die Nachahmer die Selbstmörder als Vorbilder oder werden durch die Tat in ihrem eigenen Bestreben bestärkt. Naito mahnt daher einen vorsichtigen und verantwortungsvollen Umgang der Medien mit der Berichterstattung über Cybersuizide an.

In Deutschland sind unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention und das Therapiezentrum für Suizidgefährdete am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf kompetente Anlaufstellen für Fragen rund um das Thema Cybersuizid.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Kontakt: Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention – Hilfe in Lebenskrisen e.V. (DGS), Nikolsburger Platz 6, 10717 Berlin, E-Mail: dgs@suizidprophylaxe.de, Internet: www.suizidprophylaxe.de; Therapiezentrum für Suizidgefährdete am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Martinistraße 52, 20246 Hamburg, E-Mail: tzs@uke.uni-ham burg.de, Internet: www.suicidology.de
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1.
Baker D, Fortune S: Understanding self-harm and suicide websites. Crisis 2008; 29(3): 118–22. MEDLINE
2.
Keith H, McLean J, Sheffield J: Examining suicide risk individuals who go online for suicide-related purposes. Archives of Suicide Research 2009; 13(3): 264–76. MEDLINE
3.
Naito A: Internet suicide in Japan. Clinical Child Psychology and Psychiatry 2007; 12(4): 583–97. MEDLINE
4.
Ozawa-de Silva C: Too lonely to die alone. Culture, Medicine, and Psychiatry 2008; 32(4): 516–51. MEDLINE
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