ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2010Stress: Vermittlung neuer Einsichten

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Stress: Vermittlung neuer Einsichten

PP 9, Ausgabe Mai 2010, Seite 226

Koch, Joachim

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Luise Bartholdt und Astrid Schütz beschäftigen sich in ihrem Buch sehr systematisch mit Stress in der Arbeitswelt und schöpfen aus einem profunden Wissensreservoir. Im ersten von zwei Buchteilen beschreiben die Autorinnen Stress am Arbeitsplatz. Nach der Beleuchtung der Kontextbedingungen von Arbeit werden Stresskonzepte beschrieben. Stress wird in einem weiteren Sinn als Prozess verstanden, der das Auftreten sowie Bewerten eines Stressors, den Ablauf der unmittelbaren Stressreaktion, deren Bewältigung und langfristige Stressfolgen umfasst. Im engeren Sinn wird Stress als subjektive Reaktion verstanden, die eine Diskrepanz zwischen Anforderungen und individuell wahrgenommenen Möglichkeiten der Bewältigung widerspiegelt. Die Autorinnen beschreiben Stress sehr anschaulich auf einer physiologischen, kognitiven, emotionalen sowie behavioralen Ebene. In einem eigenen Kapitel werden soziale und strukturelle Stressoren beschrieben, die mit der Arbeitsaufgabe und -organisation verbunden sind. Hier spielt die Gratifikationskrise eine Rolle, bei der ein Ungleichgewicht zwischen der eigenen Anstrengung und der erhaltenen Belohnung erlebt wird. Ein weiterer Stressor kann Ungerechtigkeit innerhalb der Organisation sein. Konflikte zwischen dem Privatleben und dem Berufsleben gehören ebenfalls in dieses Feld.

Das folgende, besonders spannende Kapitel behandelt die Ressourcen im Umgang mit Belastungen. Neben den externen Ressourcen wie soziale Unterstützung und einem Handlungsspielraum, den man ausnutzen kann, spielen die personalen Ressourcen eine Rolle. Einzeln werden als Faktoren die Kompetenzen, die Kontrollüberzeugungen, die Selbstwirksamkeit, der Selbstwert, der Optimismus, das Kohärenzerleben und die Hardiness behandelt. Die Autorinnen benennen 20 verschiedene Coping-Strategien und verdeutlichen sie mit Beispielsätzen. Es gibt kein Patentrezept für die Bewältigung von Stresssituationen. Es ist wichtig, über ein breites Repertoire von verschiedenen Lösungsansätzen, die flexibel und situationsangemessen eingesetzt werden, zu verfügen. Ein Fazit ist, dass eine Person, die ihre Umwelt als beeinflussbar wahrnimmt und sie auch beeinflussen kann, Stress gut bewältigt. Sie interpretiert ihre Umwelt als grundsätzlich positiv, sieht Veränderungen als zentralen Bestandteil des Lebens und glaubt daran, dass sich die Anstrengungen auch lohnen.

Im zweiten Teil des Buches wird die Frage behandelt, wie man mit Stress am Arbeitsplatz umgehen kann. Die Autorinnen unterscheiden zwischen Maßnahmen, die die Betroffenen ergreifen können und Maßnahmen, die die Arbeitgeber treffen können. Aus letzterer Sicht wird Stressbewältigung als betriebliches Gesundheitsmanagement mit den Komponenten des Arbeitsschutzes und der Gesund­heits­förder­ung konzipiert. Eine häufig festgestellte und kritisierte Dominanz verhaltenspräventiver Maßnahmen vor strukturellen Veränderungen wird an Kostengründen festgemacht. Als personenbezogene Maßnahmen werden Stressmanagement-Trainings vorgestellt. Es werden kognitiv-behaviorales Training, Entspannungsverfahren, Kompetenztraining sowie individuumzentriertes Training zur Veränderung der Arbeitssituation vorgestellt. Mit der Skizzierung bedingungsbezogener Maßnahmen im letzten Kapitel endet eine vielgestaltige Darstellung des Themas, die auch Experten immer wieder neue Einsichten vermittelt.
Joachim Koch

Luise Bartholdt, Astrid Schütz: Stress im Arbeitskontext. Ursachen, Bewältigung und Prävention. Beltz, Weinheim 2010, 186 Seiten, 34,95 Euro
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