ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2010Patientensicherheit: Weniger Komplikationen durch IT-Einsatz im OP

POLITIK

Patientensicherheit: Weniger Komplikationen durch IT-Einsatz im OP

Dtsch Arztebl 2010; 107(19): A-914 / B-800 / C-788

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Software unterstützt in der Chirurgie längst nicht mehr nur die Leistungserfassung und -abrechnung, sondern trägt auch zur Verbesserung der Versorgungsqualität bei.

IT im Operationssaal dient dem Chirurgen auf vielfältige Weise. Foto: picture alliance
IT im Operationssaal dient dem Chirurgen auf vielfältige Weise. Foto: picture alliance
Der sicherste Zweig der Medizin sei die Labormedizin, erklärte Prof. Dr. med. Matthias Rothmund, Universität Marburg, beim 127. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) in Berlin. Der hohe Grad der Automatisierung trägt in diesem Bereich dazu bei, die Fehlerrate zu verringern. Zu den fehlerträchtigsten zählen hingegen die chirurgischen Fächer. Rothmund hatte das Thema Patientensicherheit 2005 als damaliger Präsident der DGCH erstmals in die Diskussion einer Fachgesellschaft eingebracht und sich damit manchen Ärger eingehandelt. Inzwischen ist die Aufregung längst der Einsicht in die Notwendigkeit einer Fehlerkultur gewichen, die für das Qualitäts- und Risikomanagement in der Medizin unerlässlich ist. In diesem Jahr stand das wichtige Thema gleich mehrfach auf der Agenda, unter anderem auch in einem gemeinsam mit der Gesundheits-IT-Kongressmesse „conhIT“ organisierten Programmblock – ein Zeichen dafür, dass IT-Lösungen im operativen Umfeld zunehmend genutzt werden, um die Versorgungsqualität und damit auch die Sicherheit für die Patienten zu verbessern.

Zehn Prozent der Patienten in Krankenhäusern erlitten ein unerwünschtes Ereignis, ein Prozent davon ein so schwerwiegendes, das zum Beispiel eine Verlängerung des Kranken­haus­auf­enthalts erforderlich werde, einer von tausend Patienten sterbe daran, führte Rothmund aus. „Dabei sind 50 Prozent der unerwünschten Ereignisse vermeidbar“, betonte Rothmund. Die Patientensicherheit werde vor allem bedroht durch nosokomiale Infektionen, Medikamentenverwechslungen, perioperative und operative Fehler, unzureichende Qualifikation des Arztes und Kommunikationsstörungen. Letztere entstehen häufig an Schnittstellen wie der Übergabe bei Schicht- oder Stationswechsel – Situationen, die besonders fehlerträchtig sind.

Zu den Sicherheitsstandards, mit denen man Fehler verhindern will, zählt die an der chirurgischen Universitätsklinik Greifswald weiterentwickelte Checkliste der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO). Anhand dieser Liste überprüft das Operationsteam (ähnlich wie beim Check vor dem Start eines Flugzeugs) in drei Schritten – vor der Narkoseeinleitung, vor dem ersten Hautschnitt sowie nach der Operation – vorgegebene Punkte, wie die Identität des Patienten, Eingriffsort und -art, die korrekte Lagerung des Patienten oder die Vollständigkeit der Instrumente, Tupfer und Nadeln. Das Abarbeiten der WHO-Liste beanspruche nur zwei Minuten, wie eine Umfrage an einem Universitätsklinikverbund im kanadischen Toronto ergeben habe, berichtete Rothmund. Die Mortalitäts- und die Infektionsrate sowie die Anzahl der Reoperationen ließen sich damit signifikant senken und vier „never events“ vermeiden: der Eingriff am falschen Ort (falsche Seite, Höhe et cetera), der richtige Eingriff am falschen Patienten, der falsche Eingriff am richtigen Patienten (die beiden Punkte betreffen Patientenverwechslungen) und das unbeabsichtigte Zurücklassen eines Fremdkörpers.

Elektronische Dokumentation
Für Prof. Dr. med. Michael Betzler vom Alfried-Krupp-Krankenhaus in Essen steht „außer Frage, dass die Umsetzung moderner IT-Konzepte die Sicherheit von Patienten nicht nur, aber auch im chirurgischen Umfeld deutlich verbessern kann“. Aus Sicht des Experten senkt bereits die elektronische Dokumentation die Fehlerquote. Ob ein OP-Bericht eingegeben, ein Befund erfasst oder ein Messwert aufgezeichnet wird: Übertragungsfehler an den Schnittstellen lassen sich dadurch vermeiden. Der Weg des Patienten von der Notaufnahme in den OP-Trakt, von der Intensiv- auf die Normalstation und in die ambulante Betreuung wird sicherer, weil Fehleinschätzungen aufgrund fehlender oder falsch, manchmal nur mündlich übermittelter Daten seltener werden. „Auch die Kooperation zwischen den verschiedenen an der Betreuung eines Patienten beteiligten Berufsgruppen wird dadurch verbessert“, sagte Betzler.

IT-Lösungen unterstützen den Chirurgen zudem bei der OP-Vorbereitung, etwa bei der Zusammenstellung der patientenbezogenen Informationen und bei der bildgestützten präoperativen Planung. Diese Daten werden unter anderem dazu genutzt, minimalinvasive Eingriffe durchzuführen und computergestützte Navigationssysteme zu steuern. Vor allem bei Eingriffen in sensiblen Arealen erhöht das die Präzision und verhindert Komplikationen. Das nütze nicht nur dem Patienten: Eingriffe, die weniger Komplikationen nach sich zögen, seien am Ende auch kostengünstiger für das Krankenhaus, erklärte Betzler.

Anforderungen definieren
Die retro- und prospektive Transparenz der Behandlungsabläufe etwa durch klinische Pfade, der übersichtliche schnelle Datenzugriff und die Unterstützung der Prozessqualität, zum Beispiel durch Checklisten und computergenerierte Warnhinweise, seien wesentliche Aspekte, durch die IT zur Patientensicherheit beitragen könne, meinte Prof. Dr. Peter Haas, Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Die Hersteller von Krankenhausinformationssystemen (KIS) bieten inzwischen durchweg eine Unterstützung der Patientensicherheit an. So haben sie Lösungsansätze wie Risikoassessmentmodule, Fehlerberichtssysteme wie CIRS (Critical Incident Reporting System) oder kontextsensitive E-Mail- und Messaging-Systeme integriert. Dennoch gibt es auch Lücken, etwa bei der medikamentösen Therapie. Haas rät den Ärzten daher, ihre Anforderungen an ein KIS genau zu definieren und den System-anbietern vorzugeben.

Für den Chirurgen Rothmund sind die Anforderungen an IT-Werkzeuge klar: „Sie müssen einfach, schnell und bezahlbar sein. IT-Systeme müssen Ärzte und Pflegekräfte unterstützen, ohne sie von der Arbeit am Patienten abzulenken.“
Heike E. Krüger-Brand
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