ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2010Gesundheitswirtschaft: Die Folgen der Krise

POLITIK: Kommentar

Gesundheitswirtschaft: Die Folgen der Krise

Dtsch Arztebl 2010; 107(19): A-915 / B-801 / C-789

Oberender, Peter

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Prof. Dr. Dr.Peter Oberender,Unternehmensberater
Prof. Dr. Dr.
Peter Oberender,
Unternehmensberater
Die Finanzmarktkrise hat zu tiefgreifenden Veränderungen in der Wirtschaft geführt, deren Ausmaß erst allmählich deutlich wird. Der Gesundheitssektor war dabei nur begrenzt von den Auswirkungen der Krise betroffen. Langfristig wird seine Bedeutung für den Standort Deutschland infolge der Krise aber weiter zunehmen.

Die durch Steuerausfälle bedingten Defizite in den Haushalten von Kommunen und Ländern beschleunigen die zuletzt verringerte Privatisierungsgeschwindigkeit auf dem Krankenhausmarkt. Kurzarbeit und Entlassungen wegen der Finanzmarktkrise führen zu sinkenden Einnahmen in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV), was sich negativ auf die ärztlichen Honorare und die Landesbasisfallwerte auswirkt. Der Kostendruck bleibt deshalb hoch. Hinzu kommt: Die aktuell zu beobachtende Krankenkassenkonsolidierung führt zu einer größeren Marktmacht und wird die Verhandlungsposition der Kassen gegenüber den Leistungserbringern bei Selektivverträgen stärken.

Sinkende Investitionsförderungen der Länder verursachten in den letzten Jahren einen Investitionsstau, der vor allem die öffentlich-rechtlichen Kliniken traf, weil sie nur eingeschränkten Zugang zum Kapitalmarkt haben. Die erschwerte Kapitalbeschaffung vieler Banken führt besonders bei defizitären Krankenhäusern zu Kapitalengpässen. Weiterhin fordert die risikoorientierte Eigenkapitalunterlegung für Kredite nach Basel II eine Kreditwürdigkeitsprüfung (Rating). Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage vieler Krankenhäuser werden zum Teil Risikozuschläge erhoben, die die Fremdkapitalausstattung relativ teuer machen.

Jedoch bieten Krisen traditionell Chancen für die rasche Verbreitung und Etablierung innovativer Geschäftsmodelle. So ist im Gesundheitswesen davon auszugehen, dass die Zusammenarbeit von Leistungserbringern zunehmen wird, um die Position gegenüber den Kostenträgern zu stärken und die Bildung von regionalen und überregionalen Verbundstrukturen durch gemeinsame „Markenprodukte“ zu forcieren. Für Finanzinvestoren ist der Gesundheitssektor attraktiv, unter anderem wegen der konstanten Geldflüsse, mit denen Leistungserbringer rechnen können. In Zukunft dürften neben der stationären Pflege auch Krankenhausketten und Rehabilitationseinrichtungen in das Zentrum des Interesses internationaler Investoren rücken, wie der Kauf der Klinikkette Median oder des Medizinischen Versorgungszentrums Polikum zeigen.

Inzwischen ist der Gesundheitssektor der wichtigste Wirtschaftszweig in Deutschland. 4,5 Millionen Menschen sind direkt im Gesundheitswesen beschäftigt, das Beschäftigungswachstum liegt zudem deutlich über dem anderer Branchen mit vergleichbar hoher Beschäftigtenzahl. Als einer der wenigen Sektoren konnte das Gesundheitswesen auch im Krisenjahr 2009 die Beschäftigung weiter erhöhen. In der Gunst von Absolventen und Young Professionals werden die Unternehmen der Gesundheitswirtschaft immer attraktiver. Das Rationalisierungspotenzial ist im Vergleich zu vielen Industriesektoren gering, weshalb ein Wachstum dieses Sektors besonders beschäftigungsintensiv ist.

Als Gewinner der Finanzmarktkrise im eigentlichen Sinn kann die Gesundwirtschaft nicht gelten – zu offensichtlich sind auch hier die mittel- und langfristigen Risiken. Ihre relative Bedeutung innerhalb der Volkswirtschaft wird sich indes weiter erhöhen.
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