ArchivDeutsches Ärzteblatt19/201020 Jahre Deutsche Einheit: Zweitklassige oder belastete Professoren kamen nicht zum Zug

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20 Jahre Deutsche Einheit: Zweitklassige oder belastete Professoren kamen nicht zum Zug

Dtsch Arztebl 2010; 107(19): A-923 / B-806 / C-793

Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Mittlerweile verwischen an den medizinischen Fakultäten die Unterschiede zwischen Ost und West. In Leipzig erinnern sich jedoch heutige und ehemalige Hochschullehrer aus alten wie neuen Bundesländern noch gut an die Zeit der „Wende“.

Die DDR sei für ihn als Medizinstudent in München immer „weit, weit weg“ gewesen. Trotzdem werde er manchmal als „Vorzeige-Wessi“ bezeichnet, berichtet Prof. Dr. med. Michael Stumvoll. „Auch die deutsche Wiedervereinigung habe ich nur in England beim Billardspielen verfolgt und dann wieder ausgeblendet“, gesteht Stumvoll beim Festsymposium der Universitätsmedizin Leipzig im Sommer vergangenen Jahres anlässlich des 20. Jahrestages der friedlichen Revolution. Mittlerweile hat es Stumvoll, der ursprünglich in den USA arbeiten wollte, nicht in den Westen, sondern in den Osten verschlagen. „Bei meiner Bewerbung 2004 hier in Leipzig war die Endokrinologie einfach perfekt aufgestellt“, erklärt der heutige Direktor der Klinik und Poliklinik für Endokrinologie und Nephrologie am Universitätsklinikum Leipzig seine Entscheidung, nach Ostdeutschland zu gehen.

An der Universität Leipzig, die im vergangenen Jahr ihren 600. Geburtstag feierte, sowie an deren Medizinischer Fakultät hat sich in den Jahren nach der politischen Wende 1989 sehr viel verändert, sowohl personell und strukturell als auch baulich. „Die Universitätsmedizin Leipzig hat vor 20 Jahren das Glück der Rückkehr in die weltweite Wissenschaftsgemeinschaft als einzigartige Chance genutzt“, bestätigt Prof. Dr. med. Joachim Thiery, amtierender Dekan der Medizinischen Fakultät Leipzig. Klinikum, Fakultät und vernetzte Leipziger Forschungsinstitutionen seien heute zu einem sichtbaren und attraktiven Wissenschaftsstandort geworden – auch international.

Erhielt nach der Wende auch baulich ein neues Gesicht: der Medizin-Campus Liebigstraße. An die Stelle der 1900 eröffneten Chirurgischen Klinik trat das 2003 in Betrieb genommene Operative Zentrum. Fotos: Universität Leipzig
Erhielt nach der Wende auch baulich ein neues Gesicht: der Medizin-Campus Liebigstraße. An die Stelle der 1900 eröffneten Chirurgischen Klinik trat das 2003 in Betrieb genommene Operative Zentrum. Fotos: Universität Leipzig
Erneuerung war notwendig
Noch vor etwa 20 Jahren wehte jedoch an der Leipziger Fakultät ein völlig anderer Wind. „Ich habe die Mangelwirtschaft in der Forschung noch kennengelernt“, erinnert sich Prof. Dr. med. Torsten Schöneberg, der erstmals als Schüler in Leipzig mit der Wissenschaft in Kontakt kam und von 1986 bis 1992 in Greifswald Medizin studierte. „Man musste sich arrangieren, Lösungen finden“, sagt er. „Aber diese Erfahrung möchte ich auch nicht missen. Was vor allem in der DDR fehlte, war die Triebkraft: die Wertschätzung von Leistung und der internationale Austausch.“ Schöneberg ging nach der Wende als Postdoc in die USA („Dort versteht man es, die Triebkräfte zu mobilisieren.“). Nach seiner Rückkehr entschloss er sich, in der alten Heimat zu bleiben und bewarb sich schließlich 2003 auf eine C-4-Professur für Molekulare Biochemie an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. „Leipzig ist inzwischen eine wissenschaftliche Boomtown und wissenschaftliche Wertschätzung ein hohes Gut an der Fakultät“, meint der heutige stellvertretende Direktor des Instituts für Biochemie der Medizinischen Fakultät Leipzig. „Diese Triebkraft darf nicht veröden.“

„Parteizugehörigkeit rangierte in der DDR oft vor fachlicher Kompetenz.“ Prof. Dr. med. Gottfried Geiler, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig in den Nachwende-Jahren. Foto: Archiv
„Parteizugehörigkeit rangierte in der DDR oft vor fachlicher Kompetenz.“ Prof. Dr. med. Gottfried Geiler, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig in den Nachwende-Jahren. Foto: Archiv
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Wie Stumvoll und Schöneberg prägen heute viele neue Hochschullehrer aus Ost und West, Nord und Süd das Gesicht der Medizinischen Fakultät Leipzig. Dass die Fakultät nach der Wende personell erneuert werden musste, auch wenn dies für manche einen schmerzlichen Schnitt bedeutete, davon ist Prof. Dr. med. Gottfried Geiler, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig von 1990 bis 1995, nach wie vor überzeugt. „Ein sogenannter sozialverträglicher Wechsel hätte bedeutet, dass man eine große Gruppe von Hochschullehrern belassen hätte, die der alten Ideologie verhaftet waren. Dies hätte jedoch keinen geistig-moralischen Erneuerungsprozess gebracht“, erklärt der heute 82-Jährige im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt.

Ein Blick auf den Alltag an den DDR-Universitäten verdeutlicht dies: Auch wenn es freiheitliche Nischen an den medizinischen Fakultäten gab, allein nach fachlicher und wissenschaftlicher Kompetenz wurden in der DDR keine Hochschullehrer ernannt. „Die Berufungen in der DDR waren eindeutig SED-gesteuert“, bestätigt Geiler. Besonders mit der dritten Hochschulreform im Jahr 1968
habe der Ideologisierungsprozess des „real existierenden Sozialismus“ an Schärfe gewonnen und an den Universitäten wie den medizinischen Fakultäten schweren Schaden angerichtet. „Die gesamte Berufungspolitik war sozialistisch geprägt“, berichtet Geiler auf dem Festsymposium zum Jahrestag der friedlichen Revolution in Leipzig. „Es gab keine Berufungskommissionen oder öffentliche Ausschreibungen. Außerdem rangierte sowieso Parteizugehörigkeit vor fachlicher Kompetenz.“

Defizite in der Forschung
An den neun medizinischen Fakultäten der DDR lehrten 1989 etwa 1 000 Hochschullehrer. Sie alle mussten sich nach der Wende zunächst einer inneren Evaluierung an den Universitäten und Hochschulen unterziehen, bei der die Personalkommissionen die Vertrauensfrage stellten, und später der äußeren Evaluierung durch die Landesregierung. Einige entzogen sich auch einer eingehenden Überprüfung, indem sie 1989 direkt die Hochschule verließen und eine eigene Praxis eröffneten oder eine Stelle in Westdeutschland oder im Ausland antraten.

Fakt ist: Nicht jeder Professor in der DDR war massiv belastet. Doch 40 Jahre SED-Herrschaft hatten bei der Auswahl der Hochschullehrer unbestreitbar deutliche Spuren hinterlassen. „Die personelle Neugestaltung erforderte viel Kraft, denn es herrschte an der Fakultät ein großes Ausmaß von Verunsicherung“, erklärt Geiler. 141 Hochschullehrerstellen schrieb er in seiner Amtszeit als Dekan aus. Zudem leitete er für die Kollegen, die trotz fachlicher Kompetenz während der DDR-Zeit nicht berufen worden waren, Berufungsverfahren zum außerordentlichen Professor ein. Rückblickend ist Geiler, dem 2007 für seine wissenschaftlichen Verdienste sowie sein Engagement für den demokratischen Erneuerungsprozess die Ehrendoktorwürde der Medizinischen Fakultät Leipzig verliehen wurde, zufrieden: „Es war ein schwieriger, aber notwendiger Erneuerungsprozess.“

Die Medizinische Fakultät Leipzig erreichte in den ersten Jahren nach der Wende eine Flut von Bewerbungen, besonders aus den alten Bundesländern, Österreich und der Schweiz, aber auch aus den neuen Ländern. Bei den Berufungsverfahren hätten damals durchaus westdeutsche Kollegen größere Chancen gehabt als ostdeutsche, räumt Geiler ein. „Dies ist aber das Ergebnis der DDR-Politik und nicht Schuld des neuen Systems.“ Zweit- oder drittklassige Westdeutsche seien nicht eingestellt worden, meint er. Der Grund für die hohe Rate der Berufungen aus Westdeutschland seien schlicht und einfach deren meist besseren wissenschaftlichen Leistungen gewesen. Dies ist nicht verwunderlich: „Im Bereich der Forschung haben bei den ostdeutschen Bewerbern einfach Defizite bestanden“, erklärt Geiler. „Sie waren von internationalen Tagungen ausgegrenzt und somit wissenschaftlich benachteiligt.“

In der Tat sind die wissenschaftlichen Karrieren von Ärztinnen und Ärzten in der DDR in keiner Weise mit den Werdegängen im Westen zu vergleichen. Denn für die Ostdeutschen war es nahezu unmöglich, wissenschaftlich einen internationalen Standard zu erreichen. Die wenigsten waren sogenannte Reisekader und hatten die Möglichkeit, internationale Kongresse und Tagungen zu besuchen. Bereits das Unterbringen einer Publikation war nicht frei von politischen Reglementierungen. „Was die klinisch-ärztliche Tätigkeit anbelangt, waren die ostdeutschen Bewerber jedoch mindestens vergleichbar gut, was die Lehre anbetrifft, sogar meist besser“, resümiert Geiler. In Leipzig stellte sich in den ersten Jahren nach der Wende schließlich ein personelles Gleichgewicht ein, das von „gegenseitigem Respekt geprägt war“, wie der gebürtige Leipziger es beschreibt. Als er sein Amt als Dekan der Medizinischen Fakultät Leipzig 1995 an seinen Nachfolger, Prof. Dr. med. Volker Bigl, übergab, stammte etwa die Hälfte der neu berufenen Professoren aus den neuen Bundesländern, die andere Hälfte aus den alten.

Mittlerweile spielt es in Leipzig keine Rolle mehr, aus welchem Bundesland man kommt. „Es ist an vielen Stellen zu sehen, dass sich die Unterschiede zwischen Ost und West auflösen“, meint Thiery, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin an der Medizinischen Fakultät Leipzig. Auch er ist ursprünglich ein „Wessi“, geboren im Saarland, nur wenige Kilometer entfernt vom Geburtsort von Erich Honecker. Schmunzelnd erklärt er: „Das ist so meine Verbindung zur DDR.“
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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