ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2010„The Exploding girl“: Ein Leben auf Distanz

KULTUR

„The Exploding girl“: Ein Leben auf Distanz

Dtsch Arztebl 2010; 107(19): A-944 / C-814

Lensing, David

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Fotos: Peripher
Fotos: Peripher
Sie ist jung, hübsch, verliebt – und gefangen in einer emotionalen Festung. Das Porträt einer 20-jährigen Epileptikerin

Weniger ist bekanntlich mehr. Diese Weisheit hat sich der amerikanische Regisseur Bradley Rust Gray bei seinem neuen Film „The Exploding Girl“ zu Herzen genommen. Die erste Einstellung des 80-minütigen Dramas zeigt ein Mädchen auf einem Beifahrersitz – gefilmt durch eine Windschutzscheibe, die mehr den blauen Himmel reflektiert, als die Sicht auf den Menschen dahinter zu ermöglichen. Hiermit ist die Rolle des Zuschauers klar definiert: Er ist (und bleibt) der distanzierte Beobachter der 20-jährigen Schülerin Ivy, die den Betrachter auch im weiteren Verlauf des Films nicht näher an sich heranlässt. Während sie ihre Sommerferien mit ihrem besten Freund Al bei ihrer Mutter in Brooklyn verbringt, sieht der Zuschauer sie meistens von der gegenüberliegenden Straßenseite oder als Spiegelbild im Schaufenster.

Ihren festen Freund Greg lernt man nur als Stimme am Telefon kennen – eine Stimme, die zunehmend desinteressierter und monotoner wird. Dieser Inszenierungsstil ist ein bemerkenswerter Schachzug, da er dem Zuschauer allein durch eine ausgefeilte Bildsprache einen Einblick in die Gefühlswelt der in sich gekehrten Hauptfigur gewährt. Denn Ivy leidet an juveniler myoklonischer Epilepsie, einer Krankheit, die sie in ihrem alltäglichen Leben stark einschränkt: Alkohol, zu viel Stress oder zu wenig Schlaf führen zu tonisch-klonischen Krämpfen. Deshalb gibt sich Ivy größte Mühe, ihre Gefühle zu kontrollieren, was auf Außenstehende bald apathisch wirkt. Dargestellt wird dieses Mädchen von der amerikanischen Schauspielerin Zoe Kazan, die zuletzt als Geliebte von Leonardo di Caprio in „Revolutionary Road“ zu sehen war.

In ihrer ersten Hauptrolle trumpft Kazan hier mit einem dezenten Mienenspiel auf, das ohne große Gesten ihr aufgewühltes Innenleben für den auf Distanz gehaltenen Zuschauer greifbar macht. Nichts lenkt den Zuschauer von Ivy ab, die sich im Laufe der Zeit von ihrem Freund Greg entfremdet und sich stattdessen in ihren Kumpel Al verliebt. Die beiden kennen und mögen sich seit der achten Klasse, und so kommt es während der gemeinsamen Streifzüge durch Brooklyn zu vorsichtigen Annäherungsversuchen. Um das Großstadtgetümmel und Ivys Gefühl von Verlorenheit in Szene zu setzen, hat sich der Regisseur für eine eigenwillige, aber umso effektivere Methode entschieden: Dank der „Red One“, einer digitalen Alternative zu herkömmlichen 35-mm-Kameras, war der Kameramann zuweilen einen ganzen Häuserblock von den Schauspielern entfernt, die gar nicht wussten, von wo aus sie überhaupt gefilmt werden. Durch das Bild laufen nicht Statisten, sondern Passanten – das Filmteam hat den hektischen Alltag einer Metropole eingefangen, ohne den Fokus von seinen Akteuren zu lassen.

Selbstschutz: Ivy ist stets darauf bedacht, ihre Gedanken und Gefühle unter Kontrolle zu halten.
Selbstschutz: Ivy ist stets darauf bedacht, ihre Gedanken und Gefühle unter Kontrolle zu halten.
Das Ergebnis schlägt sich in atmosphärischen Szenen nieder, die den Eindruck vermitteln, als stehe man mitten in Brooklyn und beobachte zufällig zwei junge Menschen im Straßen- und Gefühlschaos. Improvisation als bewusstes Stilmittel tut bei diesen Außenszenen ein Übriges, um die Authentizität des Films zu erhöhen. Als i-Tüpfelchen steht der Titel „The Exploding Girl“ in krassem Kontrast zu der wortkargen, geradezu zerbrechlich anmutenden Hauptfigur. Dieser Kniff verleiht dem Independent-Film eine konstante Spannung, die sich für den Zuschauer, der endlich sehen will, wie die schüchterne Ivy aus ihrer emotionalen Festung ausbricht, schlichtweg nicht erfüllt. Doch wer geneigt ist, genauer hinzuschauen und der Bildsprache zu lauschen, dem wird die Explosion mit Sicherheit nicht entgehen. Eben diesen Liebhabern der leisen Töne sei diese feinfühlige Charakterstudie einer jungen Frau, die sich mit ihrer Krankheit zu arrangieren versucht, sehr ans Herz gelegt.
David Lensing
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