ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2010Boehringer Ingelheim: Wachstumspause für den Primus

WIRTSCHAFT

Boehringer Ingelheim: Wachstumspause für den Primus

Dtsch Arztebl 2010; 107(19): A-947 / B-827 / C-815

Prenzel, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Das deutsche Familienunternehmen zählt seit Jahren zu den wachstumsstärksten Pharmaunternehmen weltweit. 2010 wird der Umsatz jedoch stagnieren und der Betriebsgewinn sinken.

Die Reise nach Ingelheim am Rhein führt vorbei an Weinstöcken und lieblichen Hängen. In diesem idyllischen Städtchen in Hessen steht seit 125 Jahren das Stammwerk des zweitgrößten deutschen Pharmaunternehmens: Boehringer Ingelheim. Blumenbeete und sauber geschnittene Sträucher umrahmen die kahlen Zweckbauten der Pharmaproduktion. Die Sonne brennt heiß ins schöne Rheintal.

„Ist es nicht schwierig, in dieser ländlichen Gegend hochqualifizierte Mitarbeiter zu finden?“, fragt ein Journalist aus Südkorea den Vorstand bei der Vorstellung der Jahreszahlen Mitte April. Es ist einer der wenigen Momente, in denen ein Lächeln in das sonst so reglose Gesicht von Andreas Barner, Sprecher der Geschäftsleitung und zuständig für Forschung, rutscht: „Nein!“ Die Antwort fällt leicht; zählt doch das Familienunternehmen Umfragen zufolge zu den beliebtesten Arbeitgebern der Branche. In der aktuellen Umfrage des Verbandes der angestellten Akademiker belegte Boehringer Ingelheim 2009 den ersten Platz, zum achten Mal hintereinander. Vom Wissenschaftsmagazin „Science“ befragte Forscher kürten Boehringer zum weltweit zweitbesten Arbeitgeber hinter dem US-Biotechunternehmen Genentech.

Patentabläufe und Sparpläne der Politik als Belastung
Weltweit arbeiten an 21 Standorten 41 000 Menschen für Boehringer, davon knapp 11 000 in Deutschland. Der Konzern gehört, gemessen am Umsatz, zu den 15 größten Pharmaunternehmen der Welt und ist der mit Abstand größte Arzneimittelhersteller, der als Familienunternehmen geführt wird – mit Erfolg. Im vergangenen Jahr steigerte Boehringer trotz der Wirtschaftskrise den Umsatz um zehn Prozent auf 12,7 Milliarden Euro und den Nettogewinn um knapp ein Viertel auf 1,8 Milliarden Euro. Damit war Boehringer das weltweit am schnellsten wachsende Pharmaunternehmen, zeigen Daten der Marktforscher von IMS Health.

Die Schönwetterlage wird in diesem Geschäftsjahr allerdings durch ein Tiefdruckgebiet gestört. Der Umsatz werde in diesem Jahr auf dem Niveau des Vorjahres stagnieren, sagte Barner bei der Bilanzpressekonferenz. Das Betriebsergebnis werde im Jahresvergleich sogar deutlich sinken. Allerdings erwartet er für 2011 schon wieder einen deutlichen Umsatzzuwachs.

Die diesjährige Wachstumsdelle beendet vorerst eine Ära: In den vergangenen sechs Jahren war der Erlös von Jahr zu Jahr gestiegen, zudem lag das Umsatzwachstum über dem Branchendurchschnitt. Ursachen für die Wachstumspause sind die Sparpläne von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler und der Ablauf von Patenten. Allein die geplanten Zwangsrabatte belasteten das Unternehmen mit etwa 55 Millionen Euro, schätzt Wolfram Carius, der in der Geschäftsführung für Personal und Biopharmazeutika zuständig ist.

Durch die Konkurrenz von Generikafirmen könnte Boehringer in diesem Jahr zusätzlich bis zu 1,5 Milliarden Euro Umsatz einbüßen. Allerdings sollen diese Verluste durch Umsatzsteigerungen anderer Medikamente ausgeglichen werden. „2009 haben wir uns für das etwas schwierige Geschäftsjahr 2010 gut vorbereitet“, sagt Barner. Das Geschäft mit verschreibungspflichtigen Medikamenten trug im vergangenen Jahr zu 95 Prozent des Konzernumsatzes bei. Am schwersten wiegt der Ablauf des Patentschutzes für das Prostatamittel Flomax sowie für das Parkinsonmittel Sifrol. 2009 war Flomax mit einem Umsatz von circa 1,4 Milliarden Euro das zweitwichtigste Produkt von Boehringer, Sifrol folgte mit 800 Millionen Euro auf Patz vier. An erster Stelle stand das Atemwegsmittel Spiriva für die Behandlung von COPD-Patienten mit 2,4 Milliarden Euro Umsatz. Der dritte Blockbuster – so werden Medikamente mit einem Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde US-Dollar genannt – war Micardis. Das Präparat gegen Bluthochdruck erlöste im vergangenen Jahr knapp 1,4 Milliarden Euro.

Diese vier Produkte generieren fast die Hälfte des Konzernumsatzes.
Für die Zukunft ruhen die Hoffnungen auf fünf Arzneimitteln, die in der letzten klinischen Entwicklungsphase beziehungsweise kurz vor der Zulassung stehen. Große Erwartungen knüpft das Unternehmen an den Blutgerinnungshemmer Pradaxa. Bisher ist das oral einzunehmende Medikament in Europa zur Thromboseprophylaxe nach Hüftoperationen zugelassen. Künftig soll es auch helfen, das Risiko von Schlaganfällen bei Patienten mit Vorhofflimmern zu verhindern – ein Problem, das bei etwa zehn Prozent der Menschen, die älter als 75 Jahre sind, auftritt. Experten sehen hier einen Markt, auf dem Milliardenumsätze erzielt werden können. Bisher ist die Gerinnungshemmung die Domäne der Wirkstoffe Phenprocoumon oder Wafarin, beides so genannte Vitamin-K-Antagonisten. Boehringer liefert sich im Wettlauf um die Zulassung für Pradaxa ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Konkurrenten Bayer. Der Leverkusener Konzern will unter dem Produktnamen Xarelto ein ähnliches Produkt auf den Markt bringen. Pradaxa werde Ende 2011 oder Anfang 2012 auf den Markt kommen, erwarten Experten. Bisher sieht es so aus, als ob Xarelto später zugelassen würde.

Zu den weiteren Hoffnungsträgern in Boehringers Forschungspipeline zählen ein Medikament zur Behandlung von vermindertem sexuellem Verlangen von Frauen mit Leidensdruck, zwei Krebsmittel sowie ein Diabetesmedikament. 2009 hat Boehringer den Etat für Forschung und Entwicklung um fünf Prozent auf 2,2 Milliarden Euro erhöht. Damit hat das Unternehmen 21 Prozent der Umsatzerlöse aus dem Geschäft mit verschreibungspflichtigen Medikamenten in die Forschung investiert.

Die Familien verzichten auf Gewinnentnahmen
Pradaxa, aber auch Spiriva entstanden unter der Ägide von Andreas Barner, der bereits seit 1999 für die Forschung verantwortlich ist. Barner, promovierter Arzt und promovierter Mathematiker, gilt als brillanter Forscher. „Ich liebe die Forschung und bin froh, dass sie kompliziert ist“, sagte er einmal in einem Zeitungsinterview. Barner verkörpert mit seiner zurückhaltenden Art die Werte des Familienunternehmens, das stolz darauf ist, aus eigener Kraft, nur ergänzt durch kleine Akquisitionen in Randbereichen, zu wachsen.

Gesellschafter des Familienunternehmens sind die Familien Boehringer und von Baumbach – inzwischen in der vierten Generation. Sie halten 100 Prozent der Stimmrechte von Boehringer Ingelheim. Christian Boehringer leitet seit 2007 den Gesellschafterausschuss, der vergleichbar einem Aufsichtsrat bei Aktiengesellschaften fungiert. Als erster Vertreter der Familienstämme ist Hubertus von Baumbach im Jahr 2008 in die operative Führung des Unternehmens eingestiegen und verantwortet die Bereiche Finanzen und Tiergesundheit. Freundlich lächelnd tritt er im eleganten Anzug mit blütenweißem Einstecktuch auf und erläutert den „sehr verehrten Damen und sehr geehrten Herren“ bei der Bilanzpressekonferenz, dass Boehringer mit starker Finanzausstattung in das Jahr 2010 gestartet sei. Die Familien hätten auf Gewinnentnahmen verzichtet, damit das Eigenkapital um ein Viertel auf 5,9 Milliarden Euro hätte erhöht werden können. Die Eigenkapitalquote liege nun bei knapp 40 Prozent. Der Rest der Familie bleibt unsichtbar.
Petra Prenzel


Die Historie
Noch während seines Chemiestudiums gründete Albert Boehringer 1885 in Nieder-Ingelheim das pharmazeutische Unternehmen „Boehringer Ingelheim“ mit 28 Mitarbeitern. Die Basis dazu legte er mit dem Kauf einer kleinen Weinsteinfabrik, die er mit Hilfe seines Bruders Ernst von einem Mainzer Unternehmer erwarb. Der Vater der Brüder leitete zu diesem Zeitpunkt die Chemie- und Arzneimittelfirma C. F. Boehringer & Söhne in Stuttgart, die sein Großvater gegründet hatte. Mehr als 100 Jahre existierten zwei chemisch-pharmazeutische Unternehmen namens Boehringer als eigenständige Einheiten: Ernst führte das elterliche Unternehmen, das später in den Besitz der Mannheimer Unternehmerfamilie Engelhorn gelangte, die es 1997 an den Baseler Roche-Konzern verkaufte. Alberts neu gegründetes Unternehmen in Ingelheim befindet sich dagegen noch immer im Familienbesitz.

Die Anfangsjahre waren für Alberts Unternehmen nicht einfach. Zunächst produzierte Boehringer organische Säuren. 1893 dann der Glücksfall: Beim Versuch, Zitronensäure herzustellen, entstand Milchsäure. Zwei Jahre später meldete das Unternehmen sein erstes Patent an: Backpulver auf Milchsäurebasis. Auch in anderen Bereichen – beispielsweise in Gerbereien, Druckereien oder als Lösemittel für die Arzneimittelherstellung – ließ sich Milchsäure einsetzen.

Anfang des 20. Jahrhunderts begann Boehringer mit der Herstellung sogenannter Alkaloide, pflanzlich basierter Arzneistoffe wie Codein oder Morphin. Ein Meilenstein auf dem Weg zum forschenden Pharmakonzern war die Zusammenarbeit mit dem Münchener Chemiker und späteren Nobelpreisträger Heinrich Wieland, der ab 1903 bis zu seinem Tod mit Albert und später mit seinen Söhnen zusammenarbeitete. Er half 1917 beim Aufbau einer wissenschaftlichen Abteilung zur Medikamentenentwicklung. Wieland isolierte das Alkaloid „Lobelin“, das als Mittel gegen Atemstillstand über Jahre das umsatzstärkste Medikament Boehringers war. In den1930er Jahren gelang mit dem Medikament „Sympatol“ der Einstieg in die Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 1939 starb Albert Boehringer.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema