ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2010Schach: Blind für Besseres

SCHLUSSPUNKT

Schach: Blind für Besseres

Dtsch Arztebl 2010; 107(19): [104]

Pfleger, Helmut

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Dr. med. Helmut Pfleger. Foto: Dagobert Kohlmeyer
Dr. med. Helmut Pfleger. Foto: Dagobert Kohlmeyer
Bei dem vor knapp zwei Wochen zu Ende gegangenen Ärzteschachturnier wurden natürlich wieder viele gelungene und einfallsreiche Kombinationen ausgeheckt, indes unserer menschlichen Beschränkung gemäß gar nicht selten auch an einseitigen Konzepten und Vorgehensweisen festgehalten. Zwar nicht gerade so blind wie „der Ochs vorm Berg“, aber doch war der Blick nicht mehr für andere Möglichkeiten frei. Der englische Philosoph und Staatsmann Francis Bacon führte dieses Phänomen schon Anfang des 17. Jahrhunderts näher aus: „Wenn der menschliche Verstand sich einmal eine Meinung gebildet hat, führt er alle möglichen Gesichtspunkte an, die diese stützen und damit übereinstimmen sollen. Mag es auch eine große Anzahl gewichtiger anderer Anhaltspunkte geben, so vernachlässigt oder geringschätzt er diese entweder oder weist sie sogar zurück, um durch diese verhängnisvolle Voreingenommenheit die Autorität seiner vorherigen Schlussfolgerung nicht zu gefährden.“

Der derzeit in Tübingen arbeitende Psychologe Dr. Merim Bilalic hat für seine Dissertation an der Universität Oxford „Why good thoughts block better ones“ (Warum gute Ideen bessere blockieren), die von der British Psychology Society ausgezeichnet und unter anderem in „Psychology Today“, „New Scientist“ und dem deutschen Magazin „Der Spiegel“ veröffentlicht wurde, den diesjährigen deutschen Schachwissenschaftspreis bekommen (auf „www.schachakademie-hockenheim.de/wip2009“ als kostenfreier Download).

Bei Versuchen an Schachspielern unterschiedlicher Spielstärke fand Bilalic eine wesentliche, neue Erkenntnis: „Nachdem wir gelernt haben, ein Problem auf eine Weise zu lösen, sind wir blind für effizientere Lösungsmethoden. Selbst wenn wir denken, dass wir einen anderen Lösungsweg einschlagen, ist unsere Aufmerksamkeit weiterhin beim gewöhnlichen. Diesen Effekt nennen wir ,Einstellungseffekt‘.“

Seinen Probanden, vom Amateur bis zum Großmeister, gab er Stellungen vor, in der sie das kürzeste Matt finden sollten. Danach bat er sie zu prüfen, ob es einen kürzeren Lösungsweg gäbe. Bis auf die ausgesprochenen Experten waren die Teilnehmer „blind“ für diese bessere Lösung. Dieser schädliche Einstellungseffekt lässt sich vermutlich vom Schach auf andere Gebiete übertragen.

Lösung: Nach den Auftaktzügen 1. De6+ Kh8 erzwingt 2. Dh6!! (der Bauer g7 ist gefesselt) unausweichlich matt im nächsten Zug: entweder durch 3. Dxg7 oder 3. Dxh7.
Lösung: Nach den Auftaktzügen 1. De6+ Kh8 erzwingt 2. Dh6!! (der Bauer g7 ist gefesselt) unausweichlich matt im nächsten Zug: entweder durch 3. Dxg7 oder 3. Dxh7.
Hier fanden die meisten das berühmte „Erstickte Matt“ mit 1.De6+ Kh8 2.Sf7+ Kg8 3.Sh6++ Kh8 4.Dg8+! Txg8 5.Sf7 matt. Doch – im Gegensatz zu Ihnen?! – waren bis auf die Meister alle blind für das kürzere Matt in nur drei Zügen. Wie geht’s?

Als „Lösungshilfe“ der in unseren schwierigen wirtschaftlichen Zeiten allerorten zitierte John Maynard Keynes: „Die Schwierigkeit liegt nicht in den neuen Ideen, sondern darin, den alten zu entrinnen, die sich in allen Ecken unseres Gehirns verzweigt haben.“

Lösung:
Nach den Auftaktzügen 1. De6+ Kh8 erzwingt 2. Dh6!! (der Bauer g7 ist gefesselt) unausweichlich matt im nächsten Zug: entweder durch 3. Dxg7 oder 3. Dxh7.
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