ArchivDeutsches Ärzteblatt36/1997Pulsierende Signal-Therapie: Alternativmethode als „finanzielles Zubrot“

POLITIK: Aktuell

Pulsierende Signal-Therapie: Alternativmethode als „finanzielles Zubrot“

Dtsch Arztebl 1997; 94(36): A-2236 / B-1904 / C-1788

Glöser, Sabine

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LNSLNS Zur Zeit sorgt die "Pulsierende Signal Therapie" (PST) unter Orthopäden für Gesprächsstoff. Patienten mit Arthrosen oder rheumatischen Erkrankungen können sich in mittlerweile 70 "Zentren" in Deutschland mit der PST behandeln lassen: Das betroffene Gelenk wird in einer Luftspule gelagert, die ein elektromagnetisches Feld erzeugt. Dabei soll die Übermittlung pulsierender Signale mit biologischer Frequenz eine Autoregeneration von Knorpel und Bindegewebe bewirken.
Methode der Wahl
oder Humbug?
In Deutschland ist die PST erstmals im Oktober vergangenen Jahres in München präsentiert worden. Seitdem wird das Verfahren auf Symposien und Workshops publik gemacht. Während die Verfechter der Therapie in der PST eine vielversprechende Methode sehen, halten Kritiker sie allenfalls für eine zusätzliche Einnahmequelle, mit der Kassenärzte ihr Honorar aufbessern können.
"Es liegen bereits klinische und wissenschaftliche Ergebnisse aus den USA vor, die auf eine sehr effektive Behandlung von Arthrosen, rheumatischen Erkrankungen sowie Sportverletzungen und Sportschäden hinweisen", sagt Prof. Dr. med. Horst Cotta aus Heidelberg, der die Methode propagiert. Die in den USA entwickelte Therapie sei in einem Zeitraum von sechs Jahren bei mehr als 10 000 Patienten erfolgreich angewandt worden. Inzwischen, erläuterte Cotta, deute auch die in den deutschen Behandlungszentren beobachtete Schmerzminderung oder sogar Beseitigung arthrotischer Reizzustände auf die Wirksamkeit der PST bei Arthrosepatienten hin.
Demgegenüber hat Professor Dr. med. Jürgen Krämer, Direktor der Orthopädischen Klinik in Bochum, eine äußerst kritische Einstellung gegenüber der in der vertragsärztlichen Versorgung nicht anerkannten Alternativtherapie. "Eine allgemeine Anwendung der Pulsierenden Signal-Therapie ist nicht zu empfehlen", bekundete Krämer seine Bedenken gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Solange die Wirksamkeit der Methode nicht nachgewiesen ist, sei die Anwendung der PST "höchst problematisch".
Die PST-Handels GmbH mit Sitz in München plant gleichwohl, bis Ende dieses Jahres ein flächendeckendes Netz von Therapiezentren in Deutschland aufzubauen. Ärzte, vor allem Orthopäden, die "diese neuartige biophysikalische Behandlungsmethode" einsetzen wollen, leasen die Geräte und bezahlen Gebühren für Wartung und Installation. Sie verpflichten sich, die Behandlungen mit einem speziellen Computerprogramm zu dokumentieren.
Daß es bei der propagierten Methode nicht zuletzt um handfeste ökonomische Motive geht, dürfte kaum bestritten werden. So wird die PST den Orthopäden als "zweites Standbein" in der Arztpraxis angedient. Vor dem Hintergrund der Neuerungen im Gesundheitswesen und den Auswirkungen des EBM ist das Verfahren nach Ansicht der PST-Handels GmbH für die Kassenärzte eine Bereicherung. Ziel sollte es - so die Werbung des Unternehmens - sein, den Umsatz mit "sinnvollen Ergänzungen" zu steigern.
Eine PST-Behandlung setzt sich aus neun jeweils einstündigen Sitzungen zusammen. Der Preis: 1 300 DM. Generell zahlen die Patienten dies aus eigener Tasche. Und offenbar gibt es viele, die diese stattliche Summe in Kauf nehmen, denn: "Die Pulsierende Signal-Therapie findet große Resonanz bei den Patienten", berichtet Professor Dr. med. Heinz Gierse, der die Therapie seit kurzem in seiner Praxis anbietet.
Die privaten Kran­ken­ver­siche­rungen kämen teilweise für die Behandlungskosten auf, sagt Harald Martin, ärztlicher Leiter des PST-Zentrums in München. Da die Pulsierende Signal-Therapie eine vom Bundesausschuß der Ärzte und Krankenkassen nicht anerkannte Methode ist, darf sie in der kassenärztlichen Versorgung nicht angewendet werden. Doch auch einige gesetzliche Krankenkassen, so Martin, würden ihren Patienten einen Teil der Kosten abnehmen: "In bestimmten Regionen beteiligen sich die Barmer Ersatzkasse und die Deutsche Angestellten-Krankenkasse mit 400 bis 600 DM an den Behandlungskosten."
Nur eine Variante der
Magnetfeldtherapie
Daß es sich bei der PST um keine "neue" Methode handelt, steht offenbar schon fest. Der Medizinische Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung in München erstellt momentan ein Gutachten über das Alternativverfahren. Die Pulsierende Signal-Therapie sei eine Variante der Magnetfeldtherapie, lautet die vorläufige Einschätzung. In den Richtlinien über die Einführung neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden hat der Bundesausschuß der Ärzte und Krankenkassen die Magnetfeldtherapie "nicht anerkannt". Dr. Sabine Glöser
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