SEITE EINS

113. Deutscher Ärztetag: Dresdner Nachrichten

Dtsch Arztebl 2010; 107(20): A-953 / B-833 / C-821

Stüwe, Heinz

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Heinz Stüwe. Chefredakteur
Heinz Stüwe. Chefredakteur
Konfrontation und Krach sind Selbstläufer in den Medien. Dass auch ohne diese Zutaten über den 113. Deutschen Ärztetag in Dresden breit berichtet wurde, ist deshalb bemerkenswert. Mit Ausnahme eines maschinenstürmerisch-emotionalen Aussetzers bei der elektronischen Gesundheitskarte verliefen die Beratungen in Dresden sachlich und konstruktiv. Das Generalthema des Ärztetags und der vorausgehenden Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) war die Frage, wie angesichts der demografischen Veränderungen und des sich verschärfenden Ärztemangels eine gute flächendeckende medizinische Versorgung zu sichern ist. Die erste Dresdner Nachricht dazu lautet: Das ist kein Zukunftsproblem mehr, Politik und Ärzteschaft sind sich einig, dass die Lösungen heute gefunden werden müssen.

Garant einer ambulanten medizinischen Versorgung für Versicherte aller Kassen von Aachen bis Frankfurt (Oder), von Flensburg bis Garmisch ist bisher die Kassenärztliche Vereinigung. Diese Aufgabe kann sie nicht mehr erfüllen, wenn die hausärztliche Versorgung außerhalb der KV abgewickelt wird. Die Politik hat versäumt, klare Wettbewerbsregeln für das Nebeneinander von Kollektiv- und Selektivverträgen aufzustellen. Ein weiteres Mal hat die KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung deshalb eindringlich gefordert, Selektivverträge nicht als Ersatz, sondern in Ergänzung des Kollektivvertrags zuzulassen, um bessere Versorgungsmodelle zu erproben. Zudem hat sich die KBV das Ziel gesetzt, bundesweit die gleiche Vergütung für die gleiche Behandlung zu realisieren, und zwar innerhalb von fünf Jahren. Das bedingt in den kommenden Jahren eine ungleiche Verteilung etwaiger Honorarzuwächse.

Konsens besteht bei den Delegierten von KVen und Ärztekammern darüber, dass die derzeitigen Planungsinstrumente nicht geeignet sind, einer Unterversorgung in ländlichen Regionen und in städtischen sozialen Brennpunkten wirksam zu begegnen. Gemeinsam tritt man für eine sektorenübergreifende Analyse des medizinischen Bedarfs und der Morbiditätsentwicklung ein. Einmütig plädiert die Ärzteschaft dafür, dass sich KV, Kammer, Krankenhausgesellschaft, Landesministerium, Kassen und Patientenvertreter zusammensetzen, um regionale Versorgungsprobleme gemeinsam anzugehen. Der Ärztetag hat bekräftigt, dass die niedergelassenen Fachärzte nicht nur nicht entbehrlich sind, sondern für die Versorgung eher wichtiger werden. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass sich erst der Marburger Bund und dann das Parlament der Ärzteschaft mit großer Mehrheit gegen die Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung ausgesprochen haben, wie sie heute gesetzlich geregelt ist. Einer konstruktiven Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Fachärzten und Krankenhausfachärzten ist nach Ansicht des Ärztetags eher gedient, wenn das ursprüngliche Ziel des Gesetzgebers wieder in den Blickpunkt rückt: die Ergänzung der ambulanten Versorgung durch Kliniken bei hochspezialisierten Leistungen, seltenen Erkrankungen und Erkrankungen mit besonderem Verlauf. Ein konkreter Formulierungsvorschlag für den § 116 b SGB V, der eine Einbeziehung der ärztlichen Selbstverwaltung in die Entscheidungen über die Öffnung von Kliniken sowie den Vorrang der persönlichen Ermächtigung von Krankenhausärzten vor der institutionellen Öffnung vorsieht, liegt den Politikern vor.

In Kliniken und Praxen fehlen schon heute Ärzte. Deshalb stand der ganze Strauß von Vorschlägen, der eine kurative Tätigkeit für Absolventen des Medizinstudiums attraktiver machen soll, in Dresden zur Diskussion. Die Selbstverwaltung ist aufgefordert, die Evaluation der Weiterbildung nicht nur fortzusetzen, sondern ihr auch konkrete Verbesserungen folgen zu lassen. Zu den guten Nachrichten aus Dresden gehört, dass eine gründliche Überarbeitung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung fest zugesagt ist. Der weitere Wunschzettel ist lang: Medizinstudierende sollen frühzeitig an die Berufsrealität herangeführt werden, die Arbeitszeiten sollen familienfreundlicher und die Führungskultur in den Kliniken kollegialer werden. Nicht zuletzt sollen die Arzneimittelregresse mit ihrer Abschreckungswirkung auf Niederlassungswillige fallen. Manches klingt nach frommen Wünschen. Immerhin diskutieren Politiker und Ärzte inzwischen über die gleichen Themen.
Heinz Stüwe
Chefredakteur
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige