ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2010(Muster-)Weiter­bildungs­ordnung: Keine Polemik, bitte!

DEUTSCHER ÄRZTETAG

(Muster-)Weiter­bildungs­ordnung: Keine Polemik, bitte!

Dtsch Arztebl 2010; 107(20): A-968 / B-847 / C-835

Hibbeler, Birgit; Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der Ärztetag hat den Facharzt für Allgemeinmedizin wieder eingeführt. Außerdem beschlossen die Delegierten eine Art Meldepflicht für Ärzte in der Weiterbildung, damit die Ärztekammern diese bei künftigen Befragungen direkt ansprechen können.

Ich bitte darum, dass im hohen Hause nicht polemisiert wird“, appellierte Prof. Dr. med. Bernd Haubitz, Niedersachsen, an den Deutschen Ärztetag. „Sonst ist die Weiterbildung verloren.“ Er sprach offenbar den meisten Delegierten aus dem Herzen, denn derart sachorientiert und unaufgeregt wie dieses Mal verliefen die Debatten um Änderungen an der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung (MWBO) in den vergangenen Jahren selten.

In Dresden standen zwei Punkte auf der Tagesordnung: eine Bilanz der ersten bundesweiten Umfrage zur Situation in der Weiterbildung und eine Überarbeitung der MWBO. Dabei sei allerdings keine grundsätzliche Neufassung vorgesehen, betonte der stellvertretende Vorsitzende der Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, der zugleich Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Schleswig-Holstein ist. „Es geht um die Anpassung in einzelnen Punkten.“

Zwar ist eine grundlegende Überarbeitung der MWBO geplant und Bartmann zufolge „überfällig“, bis 2013, wie vielfach gefordert, sei das aber kaum zu leisten. Die Weiterbildungsgremien befürworten demnach, die Weiter­bildungs­ordnung in ein modulares System zu überführen. Das würde bedeuten, dass man für die einzelnen Fachgebiete Grundkenntnisse definiert, zu denen Module dazukommen, die im einen Fachgebiet freiwillig abgeleistet werden können und im anderen verpflichtend sind. „Da kann man sich dann je nach Facharztintensität entscheiden: Das muss ich erwerben, das kann ich erwerben, das ist nichts für mich“, hatte der Vorsitzende der BÄK-Weiterbildungsgremien, Dr. med. H. Hellmut Koch, bereits im Vorfeld des Ärztetags im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt erläutert. Schwerpunkte und Zusatzbezeichnungen würden entfallen – und damit auch die Diskussionen darüber. Stattdessen wären die Module führungsfähige Bezeichnungen. „Ein modulares System könnte viele der derzeitigen Probleme beheben“, betonte auch Bartmann jetzt in Dresden. „Die Zeit für die Umsetzung dieser Idee scheint gekommen.“

Julian Veelken forderte mehr Engagement der Ärztekammern: „Sie müssen das Gefühl vermitteln, dass sie die Weiterzubildenden während ihrer Weiterbildung begleiten.“
Julian Veelken forderte mehr Engagement der Ärztekammern: „Sie müssen das Gefühl vermitteln, dass sie die Weiterzubildenden während ihrer Weiterbildung begleiten.“
Die wichtigste Änderung beschlossen die Delegierten ohne größere Diskussion: die Wiedereinführung des „Facharztes für Allgemeinmedizin“. Dieser war erst 2003 im „Facharzt für Innere Medizin und Allgemeinmedizin“ aufgegangen. Mit der Verschmelzung beider Fächer hatte der Deutsche Ärztetag damals nach zähem Ringen den Weg für eine einheitliche Hausarztqualifikation frei gemacht. Ziel war es, dass künftig Fachärzte für Innere und Allgemeinmedizin die hausärztliche Versorgung sicherstellen und Internisten mit Schwerpunkt die fachärztliche. Der Allgemein-Internist wurde abgeschafft. Europarechtliche Vorgaben führten jedoch dazu, dass der Ärztetag im Jahr 2007 die Weiterbildungsnovelle von 2003 revidierte und den Facharzt für Innere Medizin ohne Schwerpunkt wieder einführte.

In Dresden erhielten jetzt auch die Allgemeinmediziner wieder ihr eigenständiges Gebiet. Denn einzelne Lan­des­ärz­te­kam­mern waren nie dem 2002 in Rostock vorbereiteten und dann 2003 in Köln bestätigten Kompromiss gefolgt, den Hausarzt neuer Prägung in ihren Weiter­bildungs­ordnungen umzusetzen. So beschlossen Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, den Facharzt für Allgemeinmedizin beizubehalten. Das uneinheitliche Vorgehen rief die Europäische Kommission auf den Plan, die Korrekturen forderte – ganz abgesehen davon, dass auch die Ärzte in Weiterbildung nicht froh darüber sein können, dass zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Bayern unterschiedliche Regeln gelten. In Dresden mahnte deshalb Dr. med. Volker Pickerodt, Berlin: „Wenn wir Änderungen beschließen, appelliere ich an Sie, diese auch einheitlich umzusetzen.“ Den jungen Kollegen werde sonst die Migration erschwert.

Vittoria Braun, leidenschaftliche Allgemeinmedizinerin, appellierte: „Wir sollten wieder unser eigenes Fach bekommen, so wie jeder seinen Namen braucht für seine Identität.“
Vittoria Braun, leidenschaftliche Allgemeinmedizinerin, appellierte: „Wir sollten wieder unser eigenes Fach bekommen, so wie jeder seinen Namen braucht für seine Identität.“
Anzeige
Mehr Einheitlichkeit und Transparenz erhoffte sich Weiterbildungsexperte Bartmann durch das sogenannte zweistufige Normsetzungsverfahren. Es soll die Gremien auf Landesebene besser in die Entscheidungsprozesse einbinden und auf diese Weise eine einheitliche Umsetzung der Ärztetagsbeschlüsse gewährleisten. In die zur Abstimmung stehenden Änderungen der MWBO seien die Vorschläge von 195 Berufsverbänden und Fachgesellschaften eingeflossen ebenso wie die aller 17 Lan­des­ärz­te­kam­mern. Bartmann bat deshalb die Delegierten, über darüber hinausgehende Anträge – auch mit Blick auf die grundlegende Novellierung der MWBO nach 2013 – nicht zu entscheiden, sondern diese zur weiteren Beratung in die Weiterbildungsgremien zu überweisen. Dazu gehörte unter anderem der Antrag, statt des Facharztes für Allgemeinchirurgie künftig nur noch den Facharzt für Allgemeine und Viszeralchirurgie anzuerkennen. Bartmann warnte vor „Turbulenzen im Versorgungsgeschehen“ und Schwierigkeiten mit der Anerkennung auf europäischer Ebene, sollten die Delegierten dem zustimmen.

Rudolf Henke sieht die Evaluation der Weiterbildung als Instrument der Qualitätssicherung: „Die Weiterbilder müssen die Weiterbildung zu ihrer Sache machen und die Ergebnisse in ihrer Abteilung besprechen.“
Rudolf Henke sieht die Evaluation der Weiterbildung als Instrument der Qualitätssicherung: „Die Weiterbilder müssen die Weiterbildung zu ihrer Sache machen und die Ergebnisse in ihrer Abteilung besprechen.“
Der Ärztetag folgte Bartmann und überwies die meisten der circa 60 Änderungsanträge zur Weiter­bildungs­ordnung an den BÄK-Vorstand. Viele Delegierte standen, wie Dr. med. Hans-Peter Hoffert, Berlin, offenbar noch unter dem Eindruck des Scheiterns in Sachen Allgemein- und Innere Medizin. Hoffert forderte mit Blick auf die Kammern: „Wir müssen aus dem Scheitern von Rostock Konsequenzen ziehen und unsere Beschlüsse geschlossen umsetzen.“ Prof. Dr. med. Uwe Köhler, Sachsen, mahnte: „Nutzen wir nicht die (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung und den Deutschen Ärztetag, um Partikularinteressen durchzusetzen.“ Es dürfe diesmal keine Schnellschüsse geben, und Änderungen müssten möglichst einheitlich umgesetzt werden. „Der Föderalismus in der Weiter-bildungsordnung ist einfach nicht mehr zeitgemäß“, so Köhler.

„Das zweistufige Normsetzungsverfahren scheint auf Akzeptanz zu stoßen und Akzeptanz zu schaffen“, erklärte Bartmann am Ende der Beratungen. „Es ist zwar mühsam, aber vermutlich lohnt es sich.“ Denn auf dem Spiel stehe auch die Handlungsfähigkeit der Selbstverwaltung. „Die Weiterbildung ist ureigene Aufgabe der Ärzteschaft.“ Sie dürfe nicht zur Disposition stehen, weil es an Einigkeit mangele und Kompromisse nicht einheitlich umgesetzt würden.

„Viele verstehen den Föderalismus falsch“, hatte zuvor auch der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien Koch kritisiert, der wegen einer Erkrankung nicht am Ärztetag in Dresden teilnehmen konnte. Föderalismus bedeute nicht, dass jeder mache, was er wolle, sondern: „Wir machen etwas Gemeinsames unter heimischem Aspekt.“

Koch und Bartmann wiesen in diesem Zusammenhang auf einen weiteren Konflikt hin: den mit den Kassenärztlichen Vereinigungen. Diese definierten im Rahmen von Verträgen mit den Krankenkassen immer häufiger Qualitätsstandards für die Versorgung, die Ärztinnen und Ärzte dann zusätzlich zu den Anforderungen aus der Weiter­bildungs­ordnung erfüllen müssten. Das würde entbehrlich, wenn die Kammern sich besser und schneller auf solche Qualitätskriterien einigen könnten, ist Koch überzeugt. „Schließlich sind die Ärztekammern für Qualität und Weiterbildung zuständig.“

Franz-Joseph Bartmann kündigte für die Zukunft eine grundlegende Novellierung der Weiter­bildungs­ordnung an: „Ein modulares System könnte viele der derzeitigen Probleme beheben.“
Franz-Joseph Bartmann kündigte für die Zukunft eine grundlegende Novellierung der Weiter­bildungs­ordnung an: „Ein modulares System könnte viele der derzeitigen Probleme beheben.“
Bartmann bekräftigte, die Weiter­bildungs­ordnung sei eine Bildungsordnung. Sie habe nicht die Aufgabe, die Berufsausübung zu regeln. Eine Rückkehr zur Kleinteiligkeit, wie dies viele Berufsverbände forderten, sei nicht der richtige Weg um Konflikte mit dem Sozialrecht zu lösen. Sie gefährde vielmehr die Transparenz und die Glaubwürdigkeit der Weiter­bildungs­ordnung.

Transparenz sollte auch die im vergangenen Jahr erstmals von der BÄK und den Lan­des­ärz­te­kam­mern durchgeführte Evaluation der Weiterbildung (www.evaluation-weiterbildung.de) schaffen. Für BÄK-Vorstandsmitglied Bartmann war sie ein Erfolg. Die Ergebnisse belegten, dass die Weiterbildung in Deutschland grundsätzlich gut sei. In der Gesamtbeurteilung hatten die Assistenzärzte ihre Weiterbildung durchschnittlich mit einer 2,5 nach dem deutschen Schulnotensystem bewertet (siehe auch „Evaluation der Weiterbildung – Ein erster Schritt“, DÄ, Heft 10/2010). Allerdings hätten sich in den Einzelauswertungen auch Defizite gezeigt, räumte Bartmann ein: 48 Prozent der Assistenzärzte hätten angegeben, keinen strukturierten Weiterbildungsplan zu haben, bei 39,5 Prozent seien keine Lernziele vereinbart worden. Trotzdem müsse man sehen, was durch die Evaluation erreicht worden sei. Ziel sei es gewesen, Stärken und Schwächen auszuloten und darzustellen, inwiefern sich die Rahmenbedingungen negativ auf die Qualität der Weiterbildung auswirkten. „Die Zahlen sind das erste Ergebnis einer ersten Umfrage. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen und dann überlegen, was wir verändern können“, sagte Bartmann.

Als problematisch empfanden zahlreiche Delegierte die geringe Teilnahmerate der Ärzte in Weiterbildung von etwa 33 Prozent. Viele Assistenzärzte hätten von der Evaluation nichts gewusst, erklärte Christine Hidas, Hessen. Eine wichtige Ursache dafür ist aus ihrer Sicht die Tatsache, dass die Ärzte in Weiterbildung die Zugangscodes für die Online-Befragung von ihren Chefs erhielten. „Wenn wir die Assistenten nicht direkt ansprechen, wird die Beteiligung beim nächsten Mal genauso sein“, prognostizierte Hidas.

Keine Schnellschüsse: Der Ärztetag diskutierte sachorientiert und überwies Anträge, die nicht mit den Landesärztekammern abgestimmt waren, in die Weiterbildungsgremien.
Keine Schnellschüsse: Der Ärztetag diskutierte sachorientiert und überwies Anträge, die nicht mit den Lan­des­ärz­te­kam­mern abgestimmt waren, in die Weiterbildungsgremien.
Die Delegierten sprachen sich deshalb für eine Art Meldepflicht der Weiterzubildenden aus. Künftig sollen die Lan­des­ärz­te­kam­mern bei ihren Mitgliedern den Status ihrer Weiterbildung abfragen – etwa einmal jährlich mit dem Meldebogen zur Beitragsveranlagung. Die Kammern könnten sich dann für die Evaluation direkt an die Ärzte in Weiterbildung wenden. Für die Weiterbildungsbefugten wird die Teilnahme an der Evaluation und an anderen Qualitätssicherungsmaßnahmen der Ärztekammern zur Pflicht.

Die Ergebnisse der Befragung lassen viel Raum für Spekulationen. Schließlich ist denkbar, dass es zu einer Vorselektion kam, weil vor allem die vorbildlichen Weiterbildungsbefugten die Codes an ihre Assistenten weitergaben. Zweifel wurden auch an der Methodik geäußert. „Der Mittelwert allein sagt nichts aus“, kritisierte Prof. Dr. med. Wulf Dietrich, Bayern, die Darstellung der Ergebnisse. Wichtig sei eine differenzierte Darstellung, die auch die Verteilung von Häufigkeiten oder Beteiligungsquoten betrachte. Einem entsprechenden Antrag stimmten die Delegierten mit großer Mehrheit zu. Bei der nächsten Evaluation sollen die Assistenzärzte zudem direkt auf die Ergebnisse in den Befugtenberichten zugreifen können.

Im Großen und Ganzen waren sich die Delegierten jedoch einig, dass die Evaluation der Weiterbildung ein Schritt in die richtige Richtung ist. Erwartungsgemäß stimmte der Ärztetag deshalb auch der Fortsetzung des Projekts zu. Die nächste Erhebung ist für das Frühjahr 2011 geplant.

Außerdem forderte das Ärzteparlament die Lan­des­ärz­te­kam­mern zum Handeln auf: „Der Deutsche Ärztetag fordert und fördert die Gewährleistung einer umfassenden und im Alltag praktizierten ärztlichen Weiterbildung durch Maßnahmen der Ärztekammern.“ Deutlich wurde in der Diskussion, wie wichtig es ist, die Qualität der Weiterbildung zu verbessern – auch um die Akzeptanz der Ärztekammern bei ihren Mitgliedern zu steigern. „Die Kollegen draußen müssen sehen: Wir tun etwas für sie“, forderte Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Scholz, Hessen. Dem stimmte Dr. med. Julian Veelken, Berlin, zu. Bei den Weiterbildungsassistenten sei das Image der Kammern schlecht. Diese würden eher als Prüfungsbehörden empfunden. Deshalb müsse man klarmachen, dass die Ärztekammern die Weiterbildung begleiteten und sich für ihre Mitglieder einsetzten. „Dieses Bewusstsein ist bei jungen Ärztinnen und Ärzten nicht vorhanden.“
Dr. med. Birgit Hibbeler, Heike Korzilius


In Kürze
Die wichtigsten Beschlüsse zum Thema Weiterbildung:

• Die Allgemeinmedizin ist wieder ein eigenständiges Gebiet. Der „Facharzt für Allgemeinmedizin“ ersetzt den „Facharzt für Innere Medizin und Allgemeinmedizin“.

• Der „Facharzt für Allgemeine Chirurgie“ heißt jetzt „Facharzt für Allgemeinchirurgie“. Eine Entscheidung über die Neuordnung der Chirurgie (Zusammenfassung der Allgemein- und Viszeralchirurgie) wurde vertagt.

• Für die Weiterbildungsbefugten ist künftig die Teilnahme an der „Evaluation der Weiterbildung“ verpflichtend.

• Die Lan­des­ärz­te­kam­mern sollen bei ihren Mitgliedern den Status der Weiterbildung erheben – etwa mit dem Meldebogen für den Kammerbeitrag. Ziel ist es, die Assistenzärzte bei der Evaluation der Weiterbildung direkt anzuschreiben. Sie erhalten den Zugangscode dann nicht mehr von ihrem Chef.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema