ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2010Sterbehilfe: Offener diskutieren
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Das Unbehagen Schweizer Kolleginnen und Kollegen ist ein wohlüberlegtes Unbehagen. Und bei allem berechtigten Hinweis auf die Verzweiflung als Erfahrungshintergrund suizidaler Ansichten sollte man das Kind dennoch nicht mit dem Bade ausschütten. Denn die „tiefen Ambivalenzen“ begründen sich aus der eigenwilligen Struktur der suizidalen Erfahrung. Deren zentrales Merkmal ist gerade, dass der Mensch in seiner ihm überaus bewussten Ohnmacht, in irgendeiner Hinsicht irgendetwas an seiner Verzweiflung verändern zu können, die Möglichkeit des Suizids für sich entdeckt. Es ist, in der Sicht des Betroffenen, die letzte wirksame Handlung, welche hinsichtlich der Änderung der eigenen Verzweiflung nicht folgenlos bleiben wird. Ein gewisses Maß an Selbstbestimmung kann dem Menschen, der sich tötet, also nicht abgesprochen werden (bei aller Enge seiner reflexiven Vergewisserung, die durch seine Verzweiflung vorgezeichnet ist). Dieser eigenwilligen Struktur der suizidalen Erfahrung entspricht nicht nur, dass eine vom Betreffenden zunächst ungeahnte Hilfe oftmals möglich ist, welche dann die Option des Suizids aus dem näheren Blickfeld entschwinden lässt (wie es neben der palliativen Medizin am Lebensende insbesondere auch die Psychiatrie beziehungsweise Psychotherapie zeigt). Sondern hierzu passt auch, dass die Suizidprophylaxe in unserer Gesellschaft letztlich ein Angebot (und keine Verpflichtung) ist. Dass eine Sterbehilfe in gewissen Fällen geboten sein kann (Stichwort: palliative Sedierung), ändert nichts daran, dass derjenige, der sich sein Leben nehmen will, dies letztlich selbst tun muss. Angesichts dieser besonderen Struktur der suizidalen Erfahrung brauchen auch wir in Deutschland eine offenere Diskussion über die Größe und Gestalt der „Schlupflöcher“ unserer Praxis der Suizidverhütung beziehungsweise -gewährung, statt im Verweis auf die ärztliche Garantenstellung ein (praxisfernes) Entweder-oder zu fordern. Die Schweizer Kollegen könnten hier durchaus ein Vorbild sein.
Priv.-Doz. Dr. med. Jann E. Schlimme M.A., Christian-Doppler-Klinik Salzburg, Universitätsklinikum der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität, A-5020 Salzburg
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema