ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2010Börsebius: Verdammtes Spekulantenpack!

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Börsebius: Verdammtes Spekulantenpack!

Dtsch Arztebl 2010; 107(20): A-1034 / B-910 / C-898

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LNSLNS Gut so. Die Kleinigkeit von 750 Milliarden Euro wird ja wohl reichen, den Spekulanten endlich das Handwerk zu legen. So die Idee der Politiker, um endlich den Euro wieder das sein zu lassen, was er sein soll: eine harte stabile Währung zum Wohle der Europäer, zum Wohle von uns allen.

Was haben wir in den letzten Wochen und Monaten nicht alles über diese nichtsnutzigen Spekulanten erfahren müssen, die nichts anderes im Sinn haben, als Kohle zu machen. So richtig gesehen hat ihn bisher noch keiner, aber alle – vor allem die Spezies der Politiker – wissen, dass es ihn gibt, den maßlosen, gierigen und alles fressenden Spekulanten, gerade so wie das Ungeheuer von Loch Ness. Erst Griechenland verspeisen, dann den Euro zum Nachtisch, so sind die Spekulanten eben, da läuft es einem so schön schaurig den Rücken runter. Nichts davon ist wahr. Ja, es gibt sie natürlich, die Hedgefonds, aber die nutzen nur bereits vorhandene Fehlentwicklungen aus, legen quasi den Finger in fundamentale Wunden. Es ist eine wohlgenährte Falschmeldung, Hedgefonds hätten sich etwa im Februar „verabredet“, um Griechenland zu Fall zu bringen. Genau besehen, erfüllen Hedgefonds volkswirtschaftlich eine wichtige Funktion, nämlich Ungleichgewichte erstens zu erkennen und zweitens durch ihr Verhalten am Markt abzustellen. Eine andere Sache ist freilich, dass Hedgefonds mangels Kontrolle ziemlich intransparent agieren können, und hier muss dringend (!) eine Menge getan werden.

Kurzum: Das gigantische Rettungspaket musste nicht wegen der Spekulanten geschnürt werden – die haben es, wenn überhaupt, nur beschleunigt –, sondern weil die Politik jahrelang dem wirtschaftspolitischen Schlendrian und der Schuldenmacherei Vorschub geleistet hat. Eben höre ich in den „Tagesthemen“ von Wirtschaftsprofessor Bofinger, die Politik habe angesichts der Probleme einfach den Kopf in den Sand gesteckt. Ja, aber doch erst, nachdem jahrelang diskret oder möglicherweise sogar wider besseres Wissen weggesehen wurde, wie etwa Griechenland die EU belogen hat. Wer sonst noch alles?

Ob das gewaltige Rettungspaket wirklich greift, ist ziemlich offen. Beschädigt sind auf jeden Fall schon einmal die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank und wohl auch der Euro. Wer Schrottanleihen aufkauft und dafür Euro hergibt – was fehlt, wird eben nachgedruckt –, braucht sich am Ende nicht zu wundern, wenn eine gewaltige Inflation am Horizont aufzieht.

Die wahren Spekulanten in diesem grausamen Spiel sind wohl eher die Politiker. Sie spekulieren auf puren Machterhalt, und die von ihnen eingesetzten Mittel sind Maßlosigkeit, Eigennutz, Selbstdarstellung und das Hoffen auf das kurze Gedächtnis der Wähler. Das vielpropagierte Wohl des Volkes bleibt dabei nur allzu oft auf der Strecke. Verdammt noch mal.
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