ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2010Von schräg unten: Multitasking

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Multitasking

Dtsch Arztebl 2010; 107(20): [72]

Böhmeke, Thomas

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Das Grün in den Augen meiner Frau blitzt mich an, die Pupillen sind randvoll mit Zorn. Rasch lege ich das Diktiergerät, das Mobilfunktelefon und den Notizblock beiseite und beende meine Selbstgespräche, während ich in den vierten Gang schalte. „Musst du immer verschiedene Dinge gleichzeitig machen, du passt nicht auf den Verkehr auf, du bringst uns in Lebensgefahr!“, schimpft sie. Mea culpa, mea maxima culpa, aber ich kann nicht anders. Denn, so erläutere ich ihr, dieses Multitasking ist nun mal zutiefst durch meine berufliche Tätigkeit in mir verankert.

Um allen ärztlichen Pflichten auch nur ansatzweise Genüge zu tun, bleibt nichts anderes übrig, als Verschiedenes gleichzeitig zu erledigen. Das ist das Produkt aus Zeitvorgaben für Untersuchungen, zusammengepfercht durch den vollen Terminkalender und potenziert durch die Qualitätsanforderungen. Daher ist es zwingend erforderlich, beispielsweise während einer Ultraschalluntersuchung gleichzeitig Rezepte zu überprüfen und zu unterschreiben, mit dem linken Ohr Telefonate entgegenzunehmen und mit dem rechten Ohr auf meine Medizinische Fachangestellte zu hören, die mir anderweitige Patientenprobleme schildert. Par- allel brüte ich über der Differenzialdiagnostik des Patienten, der sich im Nebenraum befindet. Die noch übrigen Gyri hinterfragen die Korrektheit der eben durchgeführten Aufklärung und die noch bestehenden Reserven des Frontalhirns das Medikamentenbudget. Was dann noch an Neuronen übrig bleibt, repetiert die zuletzt veröffentlichen Studien und memoriert die Vorgeschichte des Patienten, der als Nächster vor dem Sprechzimmer sitzt.

Diese Synchronarbeiten gehen acht, zehn oder auch mal zwölf Stunden lang und lassen sich nicht abschütteln wie ein Blutstropfen an der Kanülenspitze. Daher möge sie mir verzeihen, dass ich beim Autofahren Telefonate führe, Schriftsätze diktiere und Skizzen anfertige. „Wenn ich deine Patientin wäre, würde ich mich über diese frakturierte Aufmerksamkeit beschweren!“ Mag sein, so sind nun mal die Vorgaben, so will es die Politik: Immer schneller, immer besser, immer billiger, immer kürzer, immer gleichzeitiger, da muss ich mich anpassen. Und gebe Vollgas. Schon werde ich geblitzt. „Die Politik soll schuld sein? Von wegen! Grade hat dir die Exekutive eins draufgegeben!“ Es gibt aber keine Blitzampeln in den Praxen, die das Multitasking einbremsen. Sonst würde unser Gesundheitssystem an die Wand fahren.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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