ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2010Entschliessungen zum Tagesordnungspunkt II: Versorgungsforschung

DOKUMENTATION: Deutscher Ärztetag

Entschliessungen zum Tagesordnungspunkt II: Versorgungsforschung

Dtsch Arztebl 2010; 107(20): A-998 / B-874 / C-862

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LNSLNS Konsolidierung des Erfolgs der Förderinitiative zur Versorgungsforschung der Bundes­ärzte­kammer
Ausgehend vom Erfordernis, die Vielfalt des Versorgungsgeschehens im Gesundheitswesen kontinuierlich zu analysieren und rational zu steuern, bekräftigt der Deutsche Ärztetag die Notwendigkeit der Versorgungsforschung (vgl. Beschlüsse des 108. Deutschen Ärztetages 2005, Drucksache III-01).

Die Ärzteschaft sieht sich vor dem Hintergrund der forschungspolitischen Absicht der neuen Bundesregierung, nach der dieser Forschungszweig einer besonderen Unterstützung bedarf, bestätigt, die Versorgungsforschung nachhaltig zu fördern.

Das lebhafte Interesse weiter Teile der wissenschaftlichen Fachöffentlichkeit an den Ausschreibungen und Ergebnissen der Förderinitiative der Bundes­ärzte­kammer und an den durchgeführten Symposien zu ausgewählten Themen belegen den erheblichen Bedarf und die Erwartungen sowohl von wissenschaftlicher Seite als auch gerade seitens der Ärzteschaft an tragfähigen und sachlichen Analysen und praktischen Konsequenzen zu kritischen Fragen des Versorgungsgeschehens.

Der Deutsche Ärztetag erachtet insbesondere die Bearbeitung wichtiger Themenfelder, wie z. B. ärztliche Arbeitszufriedenheit oder Bedarfsplanung, mittels Fachsymposien, die die Basis für die Reporte zur Versorgungsforschung bilden, und mittels Expertisen (Typ-III-Projekte) als beispielhaft für eine zeitnahe, überschaubare und die betroffene Fachöffentlichkeit auch erreichende Arbeitsweise.

Die Vielzahl der bereits abgeschlossenen Vorhaben ist gut nachvollziehbar in den Publikationen und Abschlussberichten sowie in den Kurzübersichten, letztere in Form sogenannter Visitenkarten, dokumentiert (vgl. www.baek.de/versorgungsforschung). Diese Veröffentlichungen spiegeln die Aspektvielfalt der zahlreichen Projekte wider, die sowohl Fragen der Verbesserung des Versorgungsgeschehens für die verschiedenen Institutionen und Steuerungsebenen aufzeigen, nicht zuletzt aber auch der Ärzteschaft rationale Antworten auf versorgungsrelevante Fragen ermöglichen.

Vor diesem Hintergrund hält der Deutsche Ärztetag eine Fortsetzung der Bemühungen um eigene Beiträge zur Versorgungsforschung für erforderlich und befürwortet eine im Lichte der bisherigen Erfahrungen angepasste Fortsetzung der Förderinitiative.

Maßgebliche Eckpunkte sind:

• Die Aktivitäten der Bundes­ärzte­kammer zur Versorgungsforschung sollten ohne Einbuße an Wissenschaftlichkeit fortgesetzt werden.
• Forschungsfragen sollten besonders im Hinblick auf ärztlich relevante Versorgungsaspekte schärfer konturiert und konzipiert werden (rationale, kritische Themenauswahl).
• Eine Folgeprogrammatik sollte – auch angesichts der beginnenden breiteren institutionellen Förderung durch die Bundesregierung – finanziell an die Möglichkeiten der Bundes­ärzte­kammer angepasst und damit enger als bisher ausgestaltet sein.

Unter Vorgabe dieses Rahmens bittet der Deutsche Ärztetag die Bundes­ärzte­kammer, für den nächsten Deutschen Ärztetag eine Konzeption zur Fortentwicklung der Förderinitiative einschließlich eines Finanzierungsrahmens zu erstellen.

Leistungs- und Abrechnungsdaten der Krankenkassen stärker für Versorgungsforschung nutzen
Der Deutsche Ärztetag fordert den Gesetzgeber auf, die gesetzlichen Grundlagen dafür zu schaffen, dass alle von den Krankenkassen erhobenen Leistungs- und Abrechnungsdaten der Versorgungsforschung zugänglich gemacht werden. Dazu ist § 303 e SGB V dahingehend zu ändern, dass die Möglichkeit der Stichprobenerhebung gem. § 303 Abs. 1 SGB V zugunsten einer generellen Vollerhebung der Daten gestrichen wird.

Die von der Versorgungsforschung gewonnenen Erkenntnisse bilden die Grundlage für eine zielgerichtete, am tatsächlichen Bedarf orientierte Versorgung. Dazu bedarf es einer verstärkten wissenschaftlichen Nutzung von Routinedaten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. Je höher der Grad der Vollständigkeit, umso aussagefähiger die Datengrundlage.

Gem. § 303 f SGB V können die bei der Datenaufbereitungsstelle nach § 303 d SGB V gespeicherten Daten u. a. von Institutionen der Gesundheitsversorgungsforschung verarbeitet und genutzt werden.

Aktuell besteht jedoch gem. § 303 e Abs. 1 SGB V die Möglichkeit, die durch die Krankenkassen zu übermittelnden Daten auf Stichproben zu beschränken. Um die Datengrundlage für die Versorgungsforschung zu verbreitern und daraus aussagefähigere Forschungsergebnisse zu erzielen, bedarf es einer umfassenden Datenbasis.

Finanzierung von Leitlinien
Der 113. Deutsche Ärztetag fordert die Bundesregierung auf, die erforderlichen Leitlinien der Fachgesellschaften finanziell zu fördern.

Einfluss der pharmazeutischen Industrie auf wissenschaftliche Ergebnisse und Publikationen
Aufgrund der Ergebnisse der Expertisen zum Einfluss der pharmazeutischen Industrie auf die wissenschaftlichen Ergebnisse und die Publikation von Arzneimittelstudien, vorgelegt von der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (Prof. Dr. Wolf Ludwig, Prof. Dr. Klaus Lieb) am 01. 12. 2008, fordert der 113. Deutsche Ärztetag eine Arzneimittelforschung, die sich schrittweise befreit von den Einflüssen der pharmazeutischen Industrie. Dazu müssen die Forschungsmittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) entsprechend aufgestockt werden.

Der 110. Deutsche Ärztetag hat 2007 eine Expertise in Auftrag gegeben, die den „Einfluss der pharmazeutischen Industrie auf die wissenschaftlichen Ergebnisse und die Publikation von Arzneimittelstudien“ untersuchen sollte. Am 01. 12. 2008 hat die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (Vorsitzender: Prof. Dr. Ludwig) das Ergebnis dieser 38-seitigen Studie vorgelegt und auf dem Deutschen Ärztetag 2009 in Mainz vorgestellt.

Im Fazit (Seite 23) kommt die Expertise zum Ergebnis: „Publizierte Arzneimittelstudien, die von pharmazeutischen Unternehmen finanziert werden oder bei denen ein Autor einen finanziellen Interessenkonflikt hat, haben häufiger ein für das pharmazeutische Unternehmen günstiges Ergebnis als aus anderen Quellen finanzierte Studien.“ Die Studienergebnisse von Prof. Ludwig und Prof. Lieb wurden im Deutschen Ärzteblatt Nr. 16 und 17 am 23. und 30. 04. 2010 publiziert und haben entsprechende Medienresonanz erfahren.

Nachdem diese Studienergebnisse die Basis für die Leitlinienerstellung der ärztlichen Therapie darstellen und zugleich maßgebend sind für die Arzneimittelzulassung, ist eine Förderung unabhängiger Studien unumgänglich.
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