ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1996Menschenrechte: Neutralität fraglich
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LNSLNS Bedauerlicherweise wird die Tätigkeit des Arztes als Helfer in diesem Artikel idealisiert und nur eine ganz pauschale Beziehung zur ärztlichen Berufspraxis hergestellt. Meines Erachtens sind drei Berufsfelder der ärztlichen Tätigkeit angesprochen, die einer differenzierten Betrachtungsweise wert sind.
•¿ Es gibt Ärzte, die eine wissenschaftliche Karriere mit Forschungen an Konzentrationslagerinsassen oder an Hingerichteten gemacht haben oder machen und die damit ethisch angreifbar sind. Heutzutage ist Forschungstätigkeit an Kranken (Medikamentenerprobung) stark reglementiert, so daß die Einhaltung ethischer Maßstäbe durch Verordnungen gesichert ist. In Deutschland sind die diesbezüglichen Vorschriften bekanntermaßen sehr streng, so daß sich gelegentlich ein wissenschaftlich tätiger Kollege ins Ausland begibt. In diesem Tätigkeitsbereich ist leicht vorstellbar, daß der Forschungsdrang oder der Karrierewunsch in Konflikt mit der ärztlichen Ethik gerät.
À Bekleidet der Arzt ein Amt und wird er im Rahmen seiner Tätigkeit von seinem Dienstherrn an Hinrichtungen, Folterungen beteiligt, handelt es sich um Pflichterfüllungen, die ihn mit der ärztlichen Ethik in Konflikt bringen können, so daß er moralisch berechtigt wäre, den Dienst zu verweigern. Die disziplinarischen Konsequenzen (zum Beispiel Entlassung) muß er allerdings allein tragen. Kollege Bloche kann sie ihm nicht abnehmen. In diesem Tätigkeitsbereich ist also ein Konflikt zwischen Ethik und Sicherheitsdenken . . . denkbar, der in armen Ländern wohl eher zugunsten des sicheren Arbeitsplatzes entschieden werden wird. Moral läßt sich bekanntlich immer gut vertreten, wenn man selbst nicht von derartigen Konflikten betroffen ist.
Á Die Erstellung eines ärztlichen Gutachtens im Auftrag von Gerichten ist in Deutschland eine staatsbürgerliche Pflicht, der sich der Beauftragte nur mit besonderen Begründungen entziehen kann. Der Gutachter hat keinen Behandlungsauftrag, und er unterliegt nicht der ärztlichen Schweigepflicht dem Auftraggeber gegenüber. Dies teilt er dem zu Begutachtenden im Rahmen einer Belehrung vor seiner Untersuchung mit. Für die rechtlichen Folgerungen, die aus dem Ergebnis seines Gutachtens gezogen werden, ist der Gutachter nicht verantwortlich. Er stellt eine Symptomatik fest und zieht Schlußfolgerungen hinsichtlich bestimmter Fähigkeiten, die durch die Symptomatik beeinträchtigt sind (Arbeitsfähigkeit, Einsichtsfähigkeit, Erwerbsfähigkeit, in einzelnen Staaten der USA offenbar auch Hinrichtungsfähigkeit). Für die Konsequenzen, zum Beispiel Freispruch wegen Schuldunfähigkeit, Rentengewährung oder die Hinrichtung ist der Gesetzgeber, also in demokratischen Staaten das Volk, das diesen wählt, verantwortlich.
Wenn Bloche hier eine andere Meinung vertritt, geht dies an der Realität vorbei, auch wenn er vom Standpunkt der Moral "recht" hat.
Die Tätigkeit der PHR (Physicians for Human Rights) in Bosnien könnte sehr lobenswert sein. Es ist zu hoffen, daß die dort ausgeübte Dokumentations- und Gutachterfunktion auch neutral und objektiv wahrgenommen wird, sonst wäre sie nicht verwertbar oder würde zu falschen Ergebnissen führen. Kollege Bloche hebt für meine Erfahrung den moralischen Zeigefinger so intensiv, daß seine Neutralität für Sachverständigenaufgaben leicht in Frage gestellt werden könnte. Damit läuft er Gefahr, daß er beziehungsweise Mitarbeiter der PHR als Sachverständige in Verfahren des Europäischen Gerichtshofs mit Erfolg wegen Befangenheit abgelehnt werden und er das Gegenteil dessen erreicht, was er beabsichtigt.
Dr. med. Thomas Gabbert, Sieglindestraße 3, 12159 Berlin
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