ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2010Bakterium mit künstlichen Genom erschaffen

AKTUELL: Akut

Bakterium mit künstlichen Genom erschaffen

Dtsch Arztebl 2010; 107(21): A-1046 / B-922 / C-910

Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Wieder einmal gelang dem amerikanischen Biochemiker Craig Venter ein aufsehenerregender biotechnologischer Durchbruch: In der neuen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Science“ präsentiert er eine „synthetische Zelle“, ein Bakterium mit einem künstlichen, am Computer entworfenen Genom. Während bislang Biotechnologen nur einzelne Gene im Erbgut von Mikroorganismen veränderten, tauschten Venter und sein Team das komplette Erbgut eines Bakteriums durch ein künstliches Genom aus.

Als Vorlage für das Genom diente Venter die DNS des Bakteriums Mycoplasma mycoides. Die Wissenschaftler bildeten kleinere DNS-Sequenzen im Reagenzglas nach und vermehrten sie, um eine genaue Kopie des Genoms herstellen zu können. Um zu zeigen, dass das auf diese Weise synthetisierte Erbgut tatsächlich seine natürlichen Eigenschaften erhält, verpflanzten sie es in die leere Zelle eines anderen Bakteriums, und zwar in die von Mycoplasma capricolum. Das Experiment gelang: Die Zelle teilte sich und produzierte die Proteine von Mycoplasma mycoides und nicht die des Wirts. Mit seinen neuen Erkenntnissen möchte Venter Umwelt- und Energieprobleme lösen. Er plant beispielsweise, Algen herzustellen, die Kohlendioxid absorbieren können, und neuartigen Kohlenwasserstoff für die Produktion von Biosprit zu generieren.

In der Branche wird Venters Durchbruch begeistert gefeiert. Für Prof. Dr. med. Frank Emmrich, Direktor des Translationszentrum für Regenerative Medizin in Leipzig kommt er jedoch nicht unerwartet: „Der erste komplett im Labor erschaffene Organismus, der sich tatsächlich auch vermehren kann, ist zweifellos wissenschaftstheoretisch und wissenschaftsphilosophisch ein großer Schritt“, erklärt er gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Dennoch seien lediglich bereits bis ins Detail bekannte biologische Vorgänge von dem Forscherteam nachgezeichnet worden, relativiert er. Von einem Nutzen für die regenerative Medizin könne keine Rede sein. Man sei trotz dieser Ergebnisse noch meilenweit davon entfernt, Ersatzgewebe für Menschen im Labor zu entwerfen. Dazu sei die Steuerung von Zellverbänden viel zu komplex.

Gleichzeitig zerstreut Emmrich mögliche Befürchtungen von experimentell hergestellten „Killerkeimen“ oder „Frankenstein-Tieren“. „Ich sehe keine Gefahr, dass neue Biologien entstehen“, betont Emmrich, der seit der Gründung im Jahr 2008 Mitglied des Deutschen Ethikrats ist. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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