ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2010Medizinstudium: Die Realität
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Wieder wird politischer Wirbel um das Medizinstudium gemacht, wir suchen „gute Ärzte“. Es fehlten eine Festlegung, was ein „guter Arzt“ ist, und eine Methode, wie diese Eigenschaft gemessen wird. Stattdessen werden unscharfe Begriffe wie „Sozialkompetenz“, „Kommunikationsfähigkeit“ oder „Begeisterung für den Arztberuf“ instrumentalisiert.

Die Realität ist anders. Über Auswahlgespräche oder Landarztquoten werden im Zweifel diejenigen zugelassen, die über die Abiturnote keinen Studienplatz bekommen; das Bestehen des Staatsexamens korreliert dagegen mit der Abiturnote, so dass diese Studenten nach etlichen Jahren vorklinischem Studium herausgeprüft werden. Auch der „Medizinertest“ ist nur im Modul „naturwissenschaftliche Kenntnisse“ prädiktiv für das Bestehen des ersten Staatsexamens, nicht für die Ausbildung eines „guten Arztes“; ein medizinspezifischer „Wissenstest“ wird als „Abiturersatz“ diskreditiert und oft juristisch verboten. Das bisherige schriftliche Staatsexamen selektiert stark auf Studenten, die schnell und effektiv viele Fakten lernen können („Bulimielernen“), Kommunikationsfähigkeit kommt allenfalls im mündlichen Examen zum Tragen. Wozu dient dann Sozialkompetenz, wenn diese Studenten statistisch am Staatsexamen scheitern werden?

Auch die Diskussion darüber, in welchem Ausmaß das Medizinstudium eine Berufsausbildung ist, und in welchem Ausmaß ein akademisches Studium gewährleistet sein muss, wird gescheut. Das schriftliche Staatsexamen prüft bestenfalls die Berufsausbildung, das mündliche Staatsexamen im Idealfall die Praxisfähigkeit. Akademisches Denken wird allenfalls in der Dissertation gefordert und gefördert, welches jedoch nicht zum Studium gehört.

Sollte die Sozialkompetenz – neben einem guten Fachwissen – eine größere Rolle spielen, muss sie quantifiziert und als Parameter für den Studienerfolg gewertet werden; im Zweifelsfall müssen nichtsozialkompetente Studenten aus diesem Grund auch durchfallen können (unklar ist, was die Rechtsprechung hierzu sagen kann oder will). Ansonsten werden alle Fakultäten und die Gesellschaft die Ärzte ernten, die durch die Staatsexamina selektioniert werden . . .
Prof. Dr. med. Johannes Schulze,
61352 Bad Homburg
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