ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2010Haupt­ver­samm­lung der Bayer AG: Der Dinosaurier vom Rhein

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Haupt­ver­samm­lung der Bayer AG: Der Dinosaurier vom Rhein

Dtsch Arztebl 2010; 107(21): A-1082 / B-953 / C-941

Prenzel, Petra

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Foto: dpa
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Bayer ist eines der letzten großen Chemie-Konglomerate und vereint drei Geschäftssparten unter einer Holding. Nach dem schwierigen Jahr 2009 soll es jetzt wieder aufwärtsgehen.

Es ist acht Uhr Vormittag. Am Eingang zum Congress-Centrum der Kölner Messe stehen die ersten Bayer-Aktionäre. Sie sind früh aufgestanden, um vor der großen Masse zur Haupt­ver­samm­lung in die riesige Messehalle Nummer sieben zu gelangen. Den Demonstranten vor der Eingangstür schenken sie wenig Beachtung. Junge Frauen von der Vereinigung „Coordination gegen Bayer-Gefahren“ halten ein Spruchband in der Hand und klagen an: „Die Pille fordert Opfer!“ und „Stoppt den geplanten Bau der Kohlenmonoxid-Pipeline durch Nordrhein-Westfalen!“. Daneben stehen Aktivisten vom Umweltbund und protestieren gegen das „Bienen-Sterben“, an dem Insektizide aus der Bayer-Produktion Schuld seien. Aber die Anteilseigner schauen weg. Geduldig passieren sie die Sicherheitsschleusen und lassen ihre Taschen kontrollieren.

Dann heißt es warten. Im riesigen „Bistro“ gibt es Bananen und Laugenbrezeln. Um Punkt zehn Uhr tritt dann Bayer-Vorstandschef Werner Wenning an das Rednerpult, zum letzten Mal. Ende September verabschiedet er sich in den Ruhestand. Hinter ihm sitzen auf einer großen, blau illuminierten, etwa 60 Meter langen Bühne nebeneinander aufgereiht die Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsrat. „Wir sind optimistisch für die Zukunft“, sagt Wenning und „wir wollen in diesem Jahr wieder wachsen.“ Die Aktionäre leisten gedämpften Beifall.

Hinter ihnen liegt ein schwieriges Jahr 2009. Der Umsatz des Konzerns sank um circa fünf Prozent auf 31,2 Milliarden Euro, und das Konzernergebnis brach um knapp 21 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro ein. Bayer hat viele Belastungen auf einmal in die Bilanz gepackt: Kosten für Restrukturierungen und die Integration des Pharmaunternehmens Schering, das Bayer 2006 für 17 Milliarden Euro gekauft hat, sowie Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten, beispielsweise mit Generikafirmen in Indien. Diese Sondereinflüsse summierten sich auf 766 Millionen Euro.

Der Umsatz soll jährlich um fünf Prozent wachsen
Dieses Jahr soll alles besser werden. Das Restrukturierungsprogramm sei „abgeschlossen“, sagt Wenning und formuliert ein neues Ziel: Bis 2012 soll der Umsatz jährlich um fünf Prozent steigen. Das Ergebnis je Aktie soll um durchschnittlich zehn Prozent auf dann fünf Euro klettern. Die Zahlen für das erste Quartal zeigen in die richtige Richtung. Der operative Konzerngewinn stieg um fast ein Viertel auf 1,3 Milliarden Euro. Ursache dafür ist vor allem die Erholung im Kunststoffgeschäft.

Der scheidende Vorstandschef, Werner Wenning, präsentiert den 4 000 Aktionären das Jahresergebnis. Foto: picture alliance/Sven Simon
Der scheidende Vorstandschef, Werner Wenning, präsentiert den 4 000 Aktionären das Jahresergebnis. Foto: picture alliance/Sven Simon
Wenning versteht es, den richtigen Blickwinkel zu wählen. Im vergangenen Jahr sei der Kurs der Bayer-Aktie um 40 Prozent gestiegen. Die jährliche Performance lag in den vergangenen fünf Jahren – die Dividende mit einbezogen – bei durchschnittlich 22 Prozent. In beiden Zeiträumen entwickelte sich die Aktie besser als der Deutsche Aktienindex (DAX) und besser als der EuroStoxx 50. Ende 2009 war der Konzern mit einer Marktkapitalisierung von 46 Milliarden Euro die Nummer drei im DAX.

Die Aktionäre belohnen ihren Vorstand für diese Nachrichten mit Beifall. Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, die sich als Anlegerschützerin versteht, wird Wenning dafür während der Fragerunden für die Aktionäre sogar den Titel „Warren Buffet vom Rhein“ verleihen.

Doch es gibt auch eine andere Sichtweise. Betrachtet man die Veränderung der Marktkapitalisierung, addiert dazu die gezahlten Dividenden sowie den Wert von Aktienrückkäufen und zieht davon Kapitalerhöhungen ab, dann hat Bayer für seine Aktionäre seit Anfang 2000 nur etwa 13 Milliarden Euro an Zusatzwert geschaffen. Damit liegt Bayer im Vergleich zu anderen DAX-Industriekonzernen nur auf Rang sechs, nach Eon, Siemens, BASF, RWE und VW. Bayer steht vergleichsweise schlecht da, weil das Unternehmen viel Geld für Akquisitionen ausgegeben hat. Für Aktienrückkäufe blieb nichts übrig, und auch die Dividende wächst nicht in den Himmel. Für 2009 liegt sie bei 1,40 Euro und stagniert damit auf dem Niveau des Vorjahres.

Künftig will Bayer vor allem in wachstumsstarke Schwellenländer investieren. Für Forschung und Entwicklung sollen in diesem Jahr 2,9 Milliarden Euro ausgegeben werden – so viel wie nie zuvor in der Geschichte der Konzerns. Bayer forscht im Wettlauf mit dem Konkurrenten Boehringer Ingelheim mit Hochdruck an seinem neuen Hoffnungsträger Xarelto: Das Medikament soll in Zukunft zur Schlaganfallprophylaxe bei Vorhofflimmern und für die Behandlung tiefer Beinvenenthrombosen eingesetzt werden. Bisher ist es in mehr als 80 Ländern zur Thromboseprophylaxe bei erwachsenen Patienten nach geplanten Hüft- oder Kniegelenkersatzoperationen zugelassen. Die Zulassung für die anderen Indikationen erwartet Bayer im zweiten Halbjahr dieses Jahres.

Bayer braucht dringend einen neues starkes Medikament. Unter den Top-Ten-Produkten des Konzerns verbucht nur das Krebsmittel Nexavar noch zweistellige Umsatzwachstumsraten. Bei den früheren Bestsellern, dem Multiple-Sklerose(MS)-Präparat Betaferon und den hormonellen Verhütungsmitteln der Yasmin-Produktgruppe, ging der Absatz im ersten Quartal zurück. Der Patentschutz für Betaferon ist abgelaufen, neue biotechnisch hergestellte Generika drängen auf den Markt. Zudem haben Novartis und die Merck-Gruppe die Zulassung für neue MS-Mittel beantragt, die nicht mehr injiziert werden müssen.

Auch andere frühere Gewinnbringer wie das Herzmittel Adalat oder das Antibiotikum Ciprobay haben seit Jahren keinen Patentschutz mehr und verlieren zunehmend an Umsatz. Die Produkte der Yasmin-Gruppe sind durch Diskussionen um ein mögliches erhöhtes Schlaganfall- und Embolierisiko belastet.

Die Umstrukturierungen in der Ära Wenning
Nach einer Stunde ist Wennings Vortrag vorbei. Die Zuhörerreihen in der großen Messehalle haben sich inzwischen gelichtet. Es ist elf Uhr, im Bistro gibt es jetzt Bockwürste und Frikadellen mit Brötchen. Die Aktionäre sind zufrieden mit Wenning, der seit 44 Jahren bei Bayer arbeitet – die letzten acht Jahre als Vorstandsvorsitzender.

Im Saal geht es inzwischen ohne Pause weiter: Wenning habe Bayer ein neues Gesicht gegeben, würdigt der Aufsichtsratsvorsitzende, Manfred Schneider, die Leistung des Vorstandsvorsitzenden. Wenning hatte seinen Vorstandsposten in harten Zeiten angetreten: Bayer musste den für seine gefährlichen Nebenwirkungen berüchtigten Cholesterinsenker Lipobay vom Markt nehmen, und zudem lahmte die Chemiekonjunktur. Dann begann Wenning umzustrukturieren: Während seiner Amtszeit wurden 43 Milliarden Euro für Käufe und Verkäufe hin- und herbewegt. Zu den größten Veränderungen zählen der Kauf von Schering und die Ausgliederung eines Teils des Chemiegeschäfts, der unter dem Namen Lanxess 2005 an die Börse gebracht wurde.

Verblieben sind unter dem Dach einer Holding die eigenständigen Konzerne Pharma, Agrochemie und Kunststoff. Mehr als 100 000 Mitarbeiter arbeiten in mehr als 300 Gesellschaften. Theoretisch ließe sich dieses Geflecht leicht zerschlagen. Die Agrosparte Bayer Crop Science könnte an die Börse gebracht werden oder der Kunstoffbereich Material Science verkauft werden. Insbesondere der Bereich Kunststoffe ist sehr konjunkturanfällig. Es gibt immer wieder Stimmen, die eine Konzentration auf die Pharmabranche fordern. Konkurrenten wie Novartis, Roche oder Sanofi-Aventis haben sich bereits in reine Gesundheitskonzerne gewandelt.

Wennings Werk ist auch die neue Gewichtung der einzelnen Geschäftssparten. Der Anteil der ertragsstarken und wenig konjunkturanfälligen Bereiche Gesundheit und Agrochemie ist auf etwa 73 Prozent gestiegen. Anfang der 90er Jahre lag er noch bei circa 43 Prozent. Inzwischen generiert der Gesundheitsbereich die Hälfte des Umsatzes.

Branchenkenner erwarten, dass der neue Vorstandsvorsitzende, der Niederländer Marijn Dekkers, den Kunststoffbereich abspalten wird. Bayer selbst betont allerdings stets, dass alle Sparten erhalten bleiben sollen. Dekkers war im Januar in den Vorstand eingetreten und wird das Unternehmen ab Oktober führen. Der Manager ist in den USA aufgewachsen. In Deutschland hat er bisher noch nicht gearbeitet. Er gilt als Umstrukturierer, angenehm im Umgang, hart in der Sache.

Zuletzt hat er den Laborausrüster Thermo Electron geleitet und das in Dutzende Teilgesellschaften zersplitterte Unternehmen auch durch die Übernahme des größeren Konkurrenten Fisher Scientific auf Kurs gebracht. Der Umsatz des Unternehmens stieg unter seiner Leitung um das Fünffache.

International betrachtet gibt es noch Aufholbedarf
Die Erwartungen an Dekkers sind hoch. Wenning hat zwar die Kehrtwende geschafft und das Unternehmen wieder auf das Ertragsniveau der späten 90er Jahre gehievt. Bayer verdient zudem besser als die meisten deutschen Industriekonzerne. Aber im Vergleich zu internationalen Konkurrenten sind die Wachstumsraten und die Ertragskraft der einzelnen Bereiche noch steigerungsfähig.

Um 19.27 Uhr erklärt der Aufsichtsratsvorsitzende, Manfred Schneider, den Haupt­ver­samm­lungsmarathon für beendet. Nur wenige der insgesamt 4 000 Aktionäre, die Ende April die Bayer-Haupt­ver­samm­lung besuchten, haben bis zum Schluss ausgehalten und alle drei Fragerunden verfolgt. Trotz der circa 30 kritischen Redebeiträge von Aktionären und diverser Gegenanträge wurde der Vorstand wie erwartet entlastet.
Petra Prenzel
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