ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2010Trainingszentren für Medizinstudierende: Der Gummiarm spürt keinen Schmerz

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Trainingszentren für Medizinstudierende: Der Gummiarm spürt keinen Schmerz

Dtsch Arztebl 2010; 107(21): A-1085 / B-957 / C-945

Diwo, Sabine

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LNSLNS In Skills Labs trainieren Studierende ihre praktischen und kommunikativen Fähigkeiten. Das bereitet sie besser auf die Berufsrealität vor.

Einmal ist immer das erste Mal – und es soll möglichst wenig Schmerzen verursachen. Jan studiert Medizin im fünften Semester und will heute zum ersten Mal ein Blutgefäß punktieren. Beherzt sticht er in die Vene. Er kann hier niemandem wehtun. Denn der Arm, in den er sticht, sieht zwar menschlich aus, ist aber aus Kunststoff. So wie der weibliche Unterleib, der Thoraxtorso und die anderen Objekte und Modelle, an denen die Studierenden hier in Ruhe üben können.

Foto: Sabine Diwo
Foto: Sabine Diwo
Wegen der Novellierung der ärztlichen Approbationsordnung im Jahr 2002 sind die Universitäten zu mehr praktischen Elementen in den medizinischen Lehrplänen verpflichtet. Nur ein Teil davon kann direkt am Krankenbett stattfinden. Zunehmend werden deshalb praktische Übungen an Modellen angeboten. Die kommunikativen Tätigkeiten – beispielsweise Anamneseerhebung und das Überbringen schlechter Nachrichten – üben die Studierenden zunächst mit Schauspiel- oder Simulationspatienten. Als logische Konsequenz wurden neue Prüfungsformen implementiert, damit diese „hard“ und „soft skills“ erfasst und beurteilt werden können. Dies geschieht etwa in einer „OSCE“ (objective structured clinical evaluation), bei der an hintereinander geschalteten Stationen der Prüfling seine „skills“ unter Beweis stellen kann und benotet wird.

In den vergangenen Jahren wurden an den Universitätskliniken im deutschen Sprachraum (34 deutsche, drei schweizer, fünf österreichische) sogenannte Skills Labs gegründet – Studierendentrainingszentren recht unterschiedlicher Art.

Übung am nichtlebenden Objekt – die Studierenden schätzen das Training ohne Druck und Leistungsstress.
Übung am nichtlebenden Objekt – die Studierenden schätzen das Training ohne Druck und Leistungsstress.
Einige dieser Trainingszentren sind in die curriculare Lehre integriert, werden für die Kurse der verschiedenen Fachbereiche benutzt und bieten zentral eine große Palette an Modellen jeglicher Art für die Übungen. Teilweise sind regelrechte „Lehr- und Lernkrankenhäuser“ entstanden, wie zum Beispiel in Mannheim (Thesima) oder Münster (Studienhospital). Diese Skills Labs werden für die Vorbereitung von OSCEs und für die Prüfung selbst genutzt. Meist steht ihnen ein Pool von Schauspielpatienten zur Verfügung. Das Team des Skills Lab rekrutiert und trainiert die Simulationspatienten, die je nach Krankheitsbild eine sehr detaillierte Rollenbeschreibung einüben. Sie werden in Anamnese- oder Untersuchungskursen, aber auch bei praktischen Prüfungen eingesetzt.

Andere Skills Labs präsentieren sich unabhängig vom Curriculum. Sie bieten den Studierenden in erster Linie ungestörte Übungsmöglichkeiten. Eine Gelegenheit, das, was in Kursen zuvor erlernt wurde in aller Ruhe eigenständig zu üben – ohne Druck und Leistungsstress. Damit dabei alles gutgeht, stehen den Kommilitonen studentische Tutoren zur Seite. Teilweise sind es diese „studentischen Hilfskräfte“, die Skills Labs gegründet haben (Freiburg) und teilweise auch noch führen (Mainz, Frankfurt). Ihrer Initiative ist es an mehreren Universitäten zu verdanken, dass Studiengebühren dafür investiert werden.

Die Resonanz bei den Studierenden ist in der Regel ausgesprochen positiv. Das schlägt sich nieder in der Besucherzahl, den Evaluationen und auch im studentischen Engagement in diesen Einrichtungen.

Das fünfte Jahrestreffen derer, die sich in deutschsprachigen Skills Labs engagieren, fand Ende März in Münster im „Studienhospital“ statt. Dieses Lehr- und Lernkrankenhaus wurde Ende 2007 eröffnet und zeigt, wie man das Medizinstudium effizient und praxisnah gestalten kann. Jeweils zwei Krankenzimmer sind von einem Raum, der zwischen ihnen liegt, über Spiegelglasscheiben einsehbar. Ob die Tätigkeit mit einem Schauspielpatienten oder an einer Simulatorpuppe geübt wird, ob die Studierenden das dabei gedrehte Video auf einem Speichermedium mitnehmen (und später daheim kritisch betrachten) oder ob eine Notfallsituation in einem Setting lebensgroßer realistisch wirkender Projektionen an der Wand mit authentischer Geräuschkulisse simuliert wird – der Lernerfolg ist quasi garantiert.

Erst Anfang 2010 wurde ein weiteres großes Projekt im Kreise der Skills Labs eröffnet, das KISS (Kölner interprofessionelles Skills Lab und Simulatorzentrum). Der ärztliche Leiter des Zentrums, Dr. med. Patrick Boldt, stellte es in Münster vor. Nach Jahren der Provisorien und häufigen Umzüge wurde in Köln innerhalb kurzer Zeit ein eigenes dreistöckiges Gebäude errichtet, in dem viele praktische Fähigkeiten trainiert werden können. Für die curricularen Kurse und Seminare kommen die Kölner Studierenden nun hierher. Aber auch Ärzte und medizinisches Assistenzpersonal können dort geschult werden.

Eine Win-win- Situation – Lehrende, Lernende und und hoffentlich auch Patienten profitieren von den praktischen Übungen.
Eine Win-win- Situation – Lehrende, Lernende und und hoffentlich auch Patienten profitieren von den praktischen Übungen.
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STudiTZ, das Freiburger Skills Lab (studentisch gegründet, seit 2007 unter ärztlicher Leitung, www.studitz-freiburg.de) gehört zu denen, die (noch) nicht über eigene Räume verfügen. In einem Lehrgebäude bauen die Tutoren für die Öffnungszeiten am späten Nachmittag ihr Angebot täglich auf und ab. Es finden hier keine curricularen Veranstaltungen statt. Aber an den zahlreichen Modellen ist freies Üben möglich, begleitet von studentischen Tutoren. Häufig ausgebucht ist die Station für die Venenpunktion, der Auskultationssimulator und vor den OSCE-Prüfungen zum Beispiel die gynäkologischen Modelle. Das Angebot hier umfasst aber auch spezielle Kurse, bei denen die Studierenden unter ärztlicher Obhut ihre Fähigkeiten bei der Sonographie des Abdomens, chirurgischen Nahttechniken, endotrachealer Intubation sowie Reanimationsmaßnahmen in aller Ruhe optimieren können.

Insgesamt profitieren Lehrende, Lernende und letztlich auch die Patienten von den Skills Labs. Manche Fakultäten suchen noch Sponsoren oder Stiftungen zur Finanzierung der Trainingszentren.
Dr. med. Sabine Diwo,
Ärztliche Leitung des STudiTZ Freiburg

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