ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2010Arztgeschichte: Das Stipendium

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Arztgeschichte: Das Stipendium

Reinhard, Helge

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Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner
„Nun hatte ich die praktische Seite der Medizin für mich gewählt, und jetzt sollte ich mich der Forschung verschreiben?“

Als sehr junger Assistenzarzt war ich in einem gemütlichen Kreiskrankenhaus in ländlicher Gegend tätig. Auf der Station wurde eine alte Patientin betreut, deren wettergegerbtes Gesicht und knochig-schwielige Hände davon zeugten, dass sie ein Leben lang als Landwirtin schwere Arbeit geleistet hatte. Sie schien einfach, dennoch war sie irgendwie eine Persönlichkeit. Am Vortag ihrer Entlassung bat sie jeden von uns einzeln zu sich und bedankte sich für die Pflege. Die Stationsschwester bekam Pralinen, die Schwestern eine Tafel Schokolade und die Pfleger eine Schachtel Zigaretten. Und mir, der ich als Letzter zu ihr gerufen wurde, drückte sie zu meinem Erstaunen als Dank für die wochenlange Betreuung fünf Mark in die Hand. Ich bedankte mich sehr, wies aber das Geschenk zurück und sagte, dass mir mein Tun keine Pflicht, sondern eine außergewöhnliche Freude gewesen sei, dass ich als Assistent hier im Hause gut verdiene und dass sie das Geld bitte an meiner Stelle in die Sparbüchse ihrer Enkel stecken möge.

Die Patientin zeigte sich keinesfalls beleidigt, im Gegenteil, ich meinte, in ihren Augen so etwas wie ein triumphierendes Aufblitzen bemerkt zu haben. Am nächsten Tag übergab mir der Pförtner einen angeblich wichtigen Brief, den die alte Dame beim Verlassen des Hauses für mich abgegeben hatte. Dieser Brief enthielt nicht fünf, sondern 500 D-Mark und ein gewichtiges, mit ungelenker Hand verfasstes Begleitschreiben folgenden Inhalts: Der Betrag sei nicht für mich persönlich gedacht, sondern für die Arbeit, die nötig sei, „um endlich den Krebs zu besiegen“. Ich war sprachlos! Nun hatte ich die praktische Seite der Medizin für mich gewählt, und jetzt sollte ich mich der Forschung verschreiben? Nein! Ich schickte das Geld mit seiner eindeutigen Bestimmung an den Vorstand einer studentischen Vereinigung, der ich bis heute angehöre, mit dem Vorschlag, den Betrag demjenigen Studenten zur Verfügung zu stellen, der das beste Zeug zur Bewältigung der schier unerfüllbaren Aufgabe mitbrächte. Die hier geschilderte Geschichte ist so lange her, dass ich Jahrzehnte nicht mehr an sie gedacht habe.

Seit längerem nehme ich mit großem Interesse im Kreise von alten Studienfreunden an dem Jahr für Jahr stattfindenden historischen Rundgang durch unsere Universitätsstadt teil. Und abends sitzen wir dann im Freundeskreis beim Wein und reden von alten Zeiten. Bei dieser Gelegenheit stieß jemand zu uns, den die anderen genauso fröhlich begrüßten wie mich. Nur, diesem Jemand war ich noch nie begegnet. Also ging ich auf ihn zu und sagte: „Wir kennen uns nicht, mein Name . . .“ „Doch!“, unterbrach er mich, nannte mich korrekt bei Vor- und Nachnamen und spulte zur Vervollkommnung seiner Kenntnisse herunter, wo, wie und wann ich mein Examen gemacht und in welchen Ländern und Häusern ich meine berufliche Laufbahn begonnen hatte. Ich war wiederum sprachlos. Des Rätsels Lösung: Dieser Jemand war nämlich derjenige, auf den vor Jahrzehnten das Los mit der übergroßen Aufgabe gefallen war. Wir beide saßen noch viele Stunden zusammen. Er habe sich im Studium und seiner gesamten Ausbildung besonders um die Diagnose und Therapie von Malignomen bemüht.

Wir treffen uns jetzt häufiger, auch unsere Ehefrauen haben sich angefreundet. Und wann immer wir zusammensitzen, gedenken wir dankbar der alten Dame als mildtätiger Stifterin für aufstrebende Mediziner und als unserer großen Trösterin, wenn wir die von uns selbst auferlegten Aufgaben nicht erfüllen oder die von anderen vorgegebenen Ziele nicht erreichen können.
Helge Reinhard
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