ArchivDeutsches Ärzteblatt37/1997Kritik der Gefäßchirurgen: Es werden zu viele Beine amputiert

SPEKTRUM: Akut

Kritik der Gefäßchirurgen: Es werden zu viele Beine amputiert

Bördlein, Ingeborg

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LNSLNS Eine große Anzahl von Beinamputationen wäre vermeidbar, wenn die Patienten rechtzeitig an einen gefäßchirurgischen Spezialisten überwiesen würden. Dies war Kritikpunkt bei der 13. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie (DGG) in Heidelberg. Prof. Hans Schweiger (Neustadt/Saale) faßte das Problem in Zahlen: "Nach realistischer Schätzung sind in Deutschland in den letzten fünf Jahren zirka
50 000 Beine unnötig amputiert worden." Laut Schweiger besteht zur Zeit bei etwa 80 000 Patienten eine kritische Extremitätenischämie. 25 000 Beinamputationen werden in Deutschland je Jahr vorgenommen. Dies sind, so Schweiger, 10 000 Extremitäten zuviel. Besonders Diabetiker zählen zu der Hochrisikogruppe für eine drohende Amputation. Ihr Risiko ist um den Faktor 15 erhöht.


Auch die Welt­gesund­heits­organi­sation vertritt die Ansicht, daß die Beinamputationsfrequenz bei Diabetikern um mehr als die Hälfte gesenkt werden könnte. 1990 haben sich die europäischen Ge­sund­heits­mi­nis­ter in der SanVincente-Deklaration dieser Auffassung angeschlossen. Diabetiker-Selbsthilfegruppen warnen ihre Mitglieder davor, in eine Beinamputation einzuwilligen, bevor nicht die Notwendigkeit dieser Maßnahme durch einen Gefäßspezialisten überprüft worden sei. Diese Möglichkeit werde viel zuwenig genutzt. Als Ursachen hierfür sieht die DGG den Mangel an gefäßchirurgischen Spezialisten und die - auch unter Ärzten - verbreitete Unkenntnis über die Möglichkeiten einer gefäßchirurgischen Intervention. Nicht zuletzt werde "aus Gründen der Marktabschottung" so lange wie möglich versucht, Patienten mit einer Extremitätenischämie konservativ zu behandeln, formulierte Schweiger.


Zur Wiederherstellung der Durchblutung kommen interventionelle und operative Methoden in Betracht. So können kurzstreckige Gefäßverschlüsse durch Aufdehnung mittels Ballonkatheter oder durch Atherektomiekatheter beseitigt werden. Längerstreckige Stenosen werden durch Bypässe umgangen. Die Lasertechnik hat man nach Aussage der Experten wegen ungünstiger Ergebnisse inzwischen wieder verlassen. Prof. Jens Allenberg (Heidelberg) beklagte einen eklatanten Mangel an gefäßchirurgischen Behandlungs- und Forschungszentren in Deutschland. Der Gefäßspezialist werde zumeist erst am Ende einer langen Behandlungsstrecke in das Therapiekonzept einbezogen. Der Angiologe müsse jedoch frühzeitig an den therapeutischen Entscheidungen beteiligt werden. Voraussetzung hierfür sei, daß an den Schwerpunktkrankenhäusern der Regelversorgung flächendeckend qualifizierte Personalstellen eingerichtet werden. Ingeborg Bördlein

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