SPEKTRUM: Leserbriefe

Hirntod: Chance vertan

Wodarg, Wolfgang

Zu dem Beitrag "Passivrauchen: Halb so schlimm?" von Dr. Sabine Glöser in Heft 28-29/1997; ein Leserbrief ist bereits in Heft 34-35/1997 erschienen: Zu dem "Seite eins"-Beitrag in Heft 27/1997 "Transplantationsgesetz: Endlich Rechtsklarheit" von Gisela Klinkhammer:
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LNSLNS Als Koordinator derjenigen Abgeordneten, die sich in ihrem gemeinsamen Antrag gegen eine rechtliche Gleichsetzung des "Hirntodes" mit dem Tod des ganzen Menschen ausgesprochen haben, möchte ich zu Ihrem Bericht folgendes zu bedenken geben: Nach einer langen und engagiert geführten Debatte ist nun Gesetz geworden, was vorher Praxis war. Die Folgen sind absehbar. Das weitverbreitete Unwohlsein, ja Mißtrauen in der Bevölkerung gegenüber der gegenwärtigen Praxis der Organgewinnung hatte Gründe, die mit dem Transplantationsgesetz nicht beseitigt werden. Wie auch? Schreibt es doch genau jene Verfahrensweisen fest, die Auslöser der bisherigen Skepsis sind . . . Weshalb hat sich die Ärzteschaft nicht mehr für das "heilige" treuhänderische Verhältnis zwischen Patient und Arzt eingesetzt? Weshalb nimmt die Mehrzahl der Mediziner billigend in Kauf, daß behandelnde Ärzte auf den Intensivstationen nunmehr per Gesetz verpflichtet werden, ihre ihnen anvertrauten Patienten für einen fremdnützigen Zweck zur möglichen Explantation an Dritte weiterzumelden? Ärztliches Ethos? Heiligt der Zweck die Tat?
Mit der Organübertragung hat die Medizin ein Gebiet betreten, in dem ärztliche Ethik offenbar überfordert ist. Um so bedauerlicher ist es, daß vor allem die Transplanteure der Politik souffliert haben, was Recht sein soll. Strittig bei der Transplantation ist doch nicht die Versorgung der auf Organe Wartenden, sondern die Entnahme der Organe bei Sterbenden. Es ging um die Unschuld der Intensivmedizin!
Der Hirntod als sicheres Zeichen für die Unumkehrbarkeit des Sterbens wird als Entnahmekriterium allseits akzeptiert. Ein darauf gestützter gesellschaftlicher Konsens würde jenes Vertrauen schaffen, auf das wir Ärzte um so mehr angewiesen sind, je weiter uns unser Können an die Grenzen menschlichen Fühlens und Begreifens bringt. Was wir also dringend gebraucht hätten, damit in Zukunft mehr kranken Menschen durch die Übertragung eines gespendeten Organs geholfen werden kann, sind unzweideutige Offenheit, Sicherheit und Vertrauen. Der Gesetzgeber hat am 25. Juni eine Chance vertan. Er hat dem medienwirksamen Druck einer kurzsichtigen Transplantationslobby nachgegeben. Die Lobby der "Hirntoten" war schwächer. Es ist ihr nicht gelungen sicherzustellen, daß nichts gegen den Willen ihrer Patienten geschehen kann - auch nicht in den Stunden größter Hilflosigkeit.
Der Bundestag hat es jetzt per Gesetz Angehörigen auferlegt, stellvertretend für Sterbende zu entscheiden. Uns und unseren Patienten bleibt deshalb zu raten:
Denken Sie an Ihre Angehörigen, damit diese im Fall des Falles nicht in schwere Gewissensnot geraten.
Sprechen Sie mit ihnen über den Tod.
Hinterlegen Sie Ihre Willenserklärung zur Organspende bei einer Person Ihres Vertrauens!
Dr. med. Wolfgang Wodarg, MdB (SPD), Bundeshaus, 53113 Bonn
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