THEMEN DER ZEIT: Aufsätze

Die medizinische Dissertation: Sinnvolle Ergänzung - oder Ablenkung vom Studium?

Dtsch Arztebl 1997; 94(37): A-2314 / B-2004 / C-1862

Pabst, Reinhard

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Die Qualität von medizinischen Dissertationen wird oft als sehr gering angesehen. Man könne den Dr. med. für die Aufarbeitung einer Kasuistik erhalten, wird behauptet. Verstauben die Ergebnisse medizinischer Dissertationen in den Archiven von Bibliotheken, oder werden sie in Zeitschriften und bei Kongressen publiziert? Eine repräsentative Befragung von 248 Doktorandinnen und Doktoranden an der Medizinischen Hochschule Hannover brachte überraschende Ergebnisse und widerlegte weitverbreitete Meinungen über die medizinische Dissertation.
Die Presse berichtete im letzten Jahr häufig über den Titelkauf bei angeblichen "Promotionsberatern", und der medizinische Doktorgrad wurde oft in diesem Zusammenhang erwähnt. Auch die Debatte, ob es weiterhin sinnvoll sei, während des Medizinstudiums zu promovieren, verstummt ebensowenig wie diejenige, ob der Titel nicht mit dem Staatsexamen vergeben werden sollte, wie es in einigen Ländern geschieht. Von den Kritikern der Vergabepraxis in Deutschland wird häufig angeführt, die medizinischen Doktorarbeiten hätten häufig ein Niveau, das unterhalb einer naturwissenschaftlichen Diplomarbeit liege. Auch der Wissenschaftsrat äußerte sich in ähnlicher Weise. Zweifelsohne promovieren in der Medizin viel mehr Studierende als in anderen Universitätsstudiengängen. Von den Delegierten des 99. Deutschen Ärztetages in Köln waren 94 Prozent promoviert. Unter allen 411 Ärztinnen und Ärzten, die sich im Jahr 1996 in Niedersachsen niedergelassen haben, waren 60 Prozent promoviert, ohne daß es Unterschiede zwischen Ärztinnen und Ärzten gab. Bei diesem noch immer hohen Prozentsatz von Promotionen stellt sich die berechtigte Frage, wie stark die Promotion die Studierenden von den Vorlesungen, Kursen und Prüfungsvorbereitungen ablenkt. In welchen Fächern promovieren die Studierenden, und welche Dissertationsthemen sind typisch und dominieren? Brechen wirklich so viele Studierende ein Thema ab und promovieren erst mit dem zweiten oder dritten Thema, wie das manchmal behauptet wird? Wie wird die Betreuung während der verschiedenen Phasen der Doktorarbeit eingeschätzt? War die Promotionsarbeit im Rückblick Zeitverschwendung oder Ablenkung vom eigentlichen Studium oder eine sinnvolle Phase? Um die Diskussion über die Fragen zur Dissertation in der Medizin auf eine solide Grundlage zu stellen, wurde folgende Umfrage vorgenommen: Alle Studierenden und Ärztinnen und Ärzte, die zwischen dem 1. Januar und 31. Dezember 1996 im Rektorat der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ihre Doktorarbeit für den Dr. med. oder Dr. med. dent. einreichten, erhielten einen Fragebogen und ein erläuterndes Anschreiben. Die Doktoranden zum Dr. rer. biol. hum. und Doktoranden, die ihr Examen im Ausland abgelegt haben, wurden nicht in diese Untersuchung einbezogen.
Es lagen 248 Antworten zur Auswertung vor, was einer Rücklaufquote von 96,1 Prozent entspricht. Diese erfreulich hohe Antwortrate ermöglicht repräsentative Aussagen für die Situation an der MHH. Entsprechende Erhebungen aus anderen medizinischen Fakultäten in Deutschland oder dem Ausland sind nicht bekannt, so daß bisher kein Vergleich mit anderen Fakultäten möglich ist. Vergleichbar viele Frauen (49,2 Prozent) und Männer (50,8 Prozent) beteiligten sich.
Die Ergebnisse der Befragung sind im Lehrbericht 1996 der Medizinischen Hochschule dokumentiert. 14 Prozent gaben an, ihre Arbeit in Instituten der theoretischen und 17 Prozent der klinisch-theoretischen Medizin, 56 Prozent in den Kliniken der MHH und 13 Prozent außerhalb der MHH angefertigt zu haben. Knapp 80 Prozent der Befragten erklärten, daß es sich bei ihrer Dissertation um das erste, 17 Prozent um das zweite und vier Prozent um das dritte Thema gehandelt habe. Überraschend waren die Antworten auf die Frage, wie die Doktoranden von dem Dissertationsthema erfahren haben: 73 Prozent durch eigene Erkundigungen, 11 Prozent durch Hinweise von Kommilitonen, acht Prozent durch Aushänge und sieben Prozent auf andere Arten.
Bei einer Analyse der Häufigkeit der Arten der Dissertation fällt auf, daß nur in sechs Prozent tierexperimentelle Themen bearbeitet, in 20 Prozent reine Laborversuche durchgeführt wurden und in 28 Prozent Patientenuntersuchungen im Vordergrund standen. Die Dauer der Experimente betrug im Median 1,5 Jahre, und bis zum Einreichen, nach der Auswertung und dem Schreiben der Arbeit vergingen 3,5 Jahre (Median). Dabei fällt die große Schwankungsbreite von zwei bis zehn Jahren auf. Das oft von Vertretern anderer Fächer verbreitete Vorurteil, eine Doktorarbeit in der Medizin sei in einigen Wochen oder höchstens Monaten zu erstellen und damit in der zeitlichen Belastung höchstens einer Diplomarbeit, zum Beispiel in der Biologie von sechs Monaten, vergleichbar, läßt sich mit den hier erhobenen Daten nicht belegen.
Viel diskutiert wird auch die Qualität der Betreuung. Mehr als 80 Prozent der Befragten fühlten sich in allen Phasen der Arbeit sehr gut, gut oder befriedigend betreut. Man sollte aber auch der Frage nachgehen, warum sich fast jeder fünfte Student nur ausreichend oder schlecht betreut fühlte. Beinahe 50 Prozent der Befragten gaben an, die Doktorarbeit hätte zu einem reduzierten Vorlesungsbesuch, 35 Prozent zu geringerer Vorbereitung auf Kurse und Praktika geführt, und fast 30 Prozent gaben an, die Vorbereitung auf das Staatsexamen sei durch die Dissertation behindert worden. An der Medizinischen Hochschule finden im neunten Semester nur ganz wenige und im zehnten Semester gar keine Pflichtveranstaltungen statt, um den Studierenden die Möglichkeit zu geben, selbst Studienschwerpunkte durch die Wahl von Spezialvorlesungen und Kursen oder die Ableistung von Famulaturen zu setzen. Ziel dieses "wahlfreien Jahres" ist es aber auch, anspruchsvollere Dissertationen zu ermöglichen. Diese Praxis wurde von 52 Prozent als hilfreich für die Anfertigung ihrer Doktorarbeit angesehen. Über die Hälfte der Studierenden (52 Prozent) gab an, durch die Dissertation sei ihr Studium nicht verlängert worden. Überraschenderweise gaben zwei Drittel der Studierenden an, daß die Doktorarbeit die Wahl des Weiterbildungsfaches nicht beeinflußt habe. Ausbildungsmängel
Für das Erlernen von Literatursuche und das Lesen und Interpretieren von Originalarbeiten hatte die Dissertation eine große Bedeutung (siehe Grafik). Offensichtlich sind für die Mehrzahl der Studierenden Skripte und Lehrbücher für Studium und Examensvorbereitung ausreichend. Die kritische Auseinandersetzung mit Orginalliteratur ist jedoch unverzichtbarer Bestandteil des wissenschaftlichen Studiums, eine Qualifikation, die jedoch offensichtlich unter der gültigen Approbationsordnung für Ärzte nur unzureichend erlernt wird. Die Anfertigung einer Doktorarbeit scheint diesen offensichtlichen Ausbildungsmangel, zumindest teilweise, kompensieren zu können. Publikation als Qualitätskriterium
25 Prozent der Befragten gaben an, daß eine Veröffentlichung geplant sei, und 42 Prozent, daß die Ergebnisse bereits publiziert seien. Die Veröffentlichung erfolgte zu 40 Prozent als Orginalarbeit, zu 46 Prozent als Vortrag und zu 13 Prozent als Poster. Etwa 46 Prozent der Doktoranden waren Erstautoren und 30 Prozent Zweitautoren der Publikation. Bei den Zahlen zur Veröffentlichung muß noch berücksichtigt werden, daß in vielen Instituten die Arbeit eingereicht wird und erst später, nach Abschluß des formellen Verfahrens, an eine Veröffentlichung gedacht wird, so daß sich die genannten Zahlen sicherlich noch erhöhen werden. Die Ergebnisse widerlegen die oft pauschal vorgetragenen Einschätzungen von der geringen Qualität medizinischer Dissertationen. Mehr als 90 Prozent der Befragten würden jüngeren Kommilitonen raten, eine Doktorarbeit zu schreiben, 68 Prozent würden ein vergleichbares Thema und 62 Prozent den eigenen Betreuer empfehlen. Die ab-schließende Frage lautete: "War es aus Ihrer jetzigen Sicht für Sie persönlich sinnvoll, eine Doktorarbeit anzufertigen?" Bei diesem Resümee unter Abwägungen aller zeitlichen Belastungen und Einschränkungen für das Studium gegenüber den schon erfahrenen und sicher auch in der Zukunft erwarteten Vorteilen sagten 90 Prozent, die Anfertigung der Dissertation habe sich als sinnvoll erwiesen. Aufschlußreich ist der Vergleich mit den Ergebnissen einer Umfrage unter Medizinern am Ende der Weiterbildung zur gleichen Fragestellung: Hier meinten 76 Prozent der Befragten, die Promotion sei sinnvoll gewesen (Pabst, Rothkötter, 1996).
Am Schluß des Fragebogens war die Möglichkeit zu Meinungsäußerungen zu Verbesserungen im Hinblick auf die Anfertigung an der MHH gegeben. Vorrangig wurden mehr Informationen zu Planung, Methoden, Auswertung und Statistik von medizinischen Dissertationen gewünscht (n = 20), eine zentrale Registrierung beziehungsweise der Aushang von Dissertationsthemen (n = 13) und eine zentrale Anlaufstelle zu Fragen der theoretischen Vorbereitung oder der Auswertung (n = 8) erbeten. Offensichtlich haben viele Doktoranden die Ankündigungen zu der seit mehreren Jahren am Beginn des Wintersemesters gemeinsam vom Rektor, den Prorektoren, ASTA und Bibliothek durchgeführten Veranstaltung genau zu diesen Themen nicht erfahren oder sind sich der Bedeutung noch nicht bewußt gewesen. Verschiedene Publikationen und Bücher zur Thematik der medizinischen Dissertation sind diesen Studierenden offensichtlich auch nicht bekannt gewesen.
l Es ist sicher interessant, eine vergleichbare Befragung nach Abschluß des ganzen Begutachtungsverfahrens und nach einigen Jahren Berufstätigkeit erneut durchzuführen und vergleichbare Erhebungen an anderen medizinischen Fakultäten anzuregen. Bei der aktuellen Diskussion um die Reform des Medizinstudiums mit den geplanten Änderungen der Bundesärzteordnung und Approbationsordnung für Ärzte sollte bedacht werden, wo in der Ausbildung und/oder Weiterbildung zukünftiger Ärztegenerationen Zeit für eine wissenschaftliche Arbeit gelassen wird. Auch in Fragen der medizinischen Ausbildung sollten persönliche Eindrücke, Erfahrungen und Hypothesen durch solide Daten untermauert werden, wozu diese Befragung anregen sollte.
Anschrift für die Verfasser Prof. Dr. med. Reinhard Pabst
Abteilung Funktionelle und Angewandte Anatomie
Medizinische Hochschule Hannover Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover


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