ArchivDeutsches Ärzteblatt37/1997Medizindidaktisches Pilotprojekt Düsseldorf: Mehr Praxis im Studium

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Medizindidaktisches Pilotprojekt Düsseldorf: Mehr Praxis im Studium

Seidel, Marc

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LNSLNS Dem Medizinstudium - darüber sind sich nicht nur Studenten einig - fehlt Praxis. Die Entlassung der "Frischlinge” in das Praktische Jahr entspricht dem sprichwörtlichen Sprung ins kalte Wasser. Ausnahme: Ein paar vom Land Nordrhein-Westfalen geförderte "Leuchtturmprojekte" zeigen, daß ein Studium durchaus Berufsnähe vermitteln kann. Das größte medizinbezogene Projekt dazu gibt es an der medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Hier werden Computertomographie-, Endoskopie- und Sonographiepraktika angeboten, und das nicht für einen Bruchteil der Studenten, sondern in Semesterstärke.
Die Kritik der deutschen Medizinstudenten wendet sich in erster Linie gegen große Gruppen in den Praktika des Pflichtcurriculums und die damit verbundene Anonymität eines "Massenstudiengangs". Außerdem beklagen die Studenten zu wenig Praxisrelevanz des vorklinischen Studienabschnitts und der klinischen Fächer des zweiten Studienabschnitts.
Eine Sonderstellung nehmen die Kenntnisse und Beherrschung bildgebender Verfahren ein: Während Sonographie, Endoskopie und Computertomographie (CT) in den letzten Jahren einen rasant zunehmenden Stellenwert in der klinischen Patientenversorgung eingenommen haben, finden sie jedoch kaum Berücksichtigung in der Ausbildung zukünftiger Ärzte. Immer wieder äußern sich vorklinische Medizinstudenten frustriert über die mangelnde Transparenz, wofür sie zum Beispiel den umfangreichen anatomischen Lernstoff "auswendig lernen".
Auch im klinischen Studienabschnitt ergaben Umfragen eine hohe Unzufriedenheit darüber, die vorgenannten diagnostischen Verfahren nicht anwenden zu können. Selbst Studenten im Praktischen Jahr beklagen, noch nicht einmal die normale Anatomie in den betreffenden Bildern erkennen zu können. "Leuchtturmprojekte"
Wie auch bei anderen Studienfächern werden derzeit neue Möglichkeiten des Hochschulstudiums erarbeitet. In einzelnen "Leuchtturmprojekten" (siehe Kasten) werden dabei in Nordrhein-Westfalen verschiedene Modelle getestet. Zu diesen gehört auch das "Medizindidaktische Pilotprojekt Anatomie in den bildgebenden Verfahren" an der medizinischen Fakultät der Uni in Düsseldorf. Hier werden sowohl parallel zum vorklinischen Anatomiekurs als auch für höhere Fachsemester freiwillige Zuatzpraktika eingerichtet. Kleingruppen (1,5 Stunden pro Woche) von jeweils vier bis fünf Studenten werden an einem diagnostischen Arbeitsplatz von einem speziell ausgebildeten Tutor betreut. Beim Ultraschallkurs sonographieren sich die Studenten gegenseitig unter Anleitung und erlernen systematisch die Handhabung des Gerätes, den adäquaten Umgang mit dem Patienten und die Schnittbildanatomie. Die Endoskopiekurse finden an aufwendigen und dem menschlichen Körper nachempfundenen Phantommodellen statt. Das Endoskopiebild wird dabei von Chipkameras auf einen Monitor übertragen, damit mehrere Studenten gleichzeitig die aktuellen Positionen des Endoskops und den Befund mit ihrem Betreuer diskutieren können. Die CT-Diagnostik wird an ausgewählten Bildbeispielen am Leuchtschirm ebenfalls systematisch erarbeitet und mit Besuchen eines CT in der Klinik kombiniert.
Studenten lehren Studenten
"Ein großes Problem war", so Dr. med. M. Hofer, Leiter des Projektes in Düsseldorf, "qualifiziertes Lehr-personal in ausreichendem Umfang bereitzustellen." Daher wurde ein zweistufiges Betreuungskonzept entwickelt:
Als Tutoren (Betreuer der I. Stufe) werden sehr engagierte Studenten höherer Fachsemester ausgewählt, die zuvor ein spezielles Ausbildungsprogramm durchlaufen: Das notwendige Fachwissen erwerben sie als anatomische Vorpräparanden und im Rahmen individuell konzipierter Famulaturen. Die didaktische und soziale Kompetenz für den späteren Kleingruppenunterricht wird in Rhetorik- und Kommunikationsschulungen vermittelt. Videounterstützte Rollenspiele bereiten auf Unterrichts- und auch auf typische Konfliktsituationen in Kleingruppen vor.
Als II. Betreuungsstufe steht für drei bis vier parallellaufende Kleingruppen mit ihren Tutoren ein erfahrener wissenschaftlicher Assistent oder ein Dozent zur Verfügung, der zwischen den Gruppen pendelt. Dieses Konzept stellt an die Tutoren hohe zeitliche und fachliche Anforderungen. Die fünfjährige Erfahrung zeigt jedoch ein enormes Engagement der Tutoren: Neben dem Spaß an der Lehre und dem Zusatzverdienst sind vor allem die überdurchschnittlichen Kenntnisse im Hinblick auf spätere Bewerbungsvorteile und der eigene Beitrag zur Verbesserung der Studienbedingungen wichtige Motivationsfaktoren.
Das Echo auf die Art der Wissensvermittlung ist ausgezeichnet. In verschiedenen Evaluationen in Zusammenarbeit mit dem Interdisziplinären Zentrum für Hochschuldidaktik in Bielefeld (ISHD) wird den Tutoren ein hohes Maß an Fachwissen bescheinigt. Auch die Didaktik, das Engagement und die Vorbereitung stießen seitens der Studenten auf große Zustimmung; ebenso das gesamte Kursangebot. Obwohl alle Veranstaltungen am späten Nachmittag plaziert sind, nutzt ein Großteil der Medizinstudenten in Düsseldorf die Möglichkeit der praxisbezogenen Wissensvermittlung. Besonders erwähnenswert ist die große Anzahl an Kursplätzen, die nicht nur für wenige Studenten ausreicht, sondern die gesamte Semesterstärke abdeckt. Zur Vorbereitung der Unterrichtseinheiten wurde in der Anatomie eine Lernsammlung mit über 300 medizinischen Unterrichtsfilmen, Bildmaterial und interaktiven Lernprogrammen eingerichtet, die Studenten ausleihen oder an drei Rechnern/Videoeinheiten nutzen können. Eine Live-Demonstration im Hörsaal veranschaulicht das jeweilige Wochenprogramm und beinhaltet pathologische Fallbeispiele. Außerdem wurden zu den Themen Sonographie und CT zwei interaktive Lehrbücher erarbeitet, die deutlich unter dem Durchschnittspreis sonst üblicher Fachliteratur liegen (SONO Grundkurs: 24,80 DM, Thieme Verlag, CTKursbuch: 34,80 DM, Verlag DIDAMED).
Kosten
Zunächst muß zwischen jährlich neu wiederkehrenden Tutorengehältern und einmaligen Anschaffungskosten unterschieden werden. Geht man davon aus, daß das Kursangebot für circa 300 Studenten pro Jahr ausreichen soll, entstehen rund 45 000 DM an Tutorengehältern jährlich. Da die vorhandenen Geräte mit der Patientenversorgung meist ausgelastet sind, entstehen zusätzlich einmalige Anschaffungskosten in Höhe von etwa 150 000 DM für Sonographiegeräte, Leuchtschirme und die Lernsammlung, die in Düsseldorf aus Mitteln des Programms "Qualität der Lehre" des Landes bestritten werden konnten. Die Endoskopiegeräte mit Videoausrüstung und die Farbduplexgeräte wurden dagegen unentgeltlich von Firmen als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Auf diese Weise können jährlich je 300 Studenten an einem Sonographie- und einem CT-Bildinterpretationskurs sowie je 70 Studenten an einem interdisziplinären Farbduplexsonographie- und an einem EndoskopiePhantomkurs teilnehmen.
In Düsseldorf geht man davon aus, daß das Modell mit geringem Kostenaufwand auf andere medizinische Fakultäten übertragen werden kann. Weitere Informationen: Dr. med. M. Hofer c/o Institut für diagnostische Radiologie, Heinrich-Heine-Universität, Postfach 10 10 07, 40001 Düsseldorf. Marc Seidel
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