ArchivDeutsches Ärzteblatt37/1997Frauenheilkunde in Großbritannien: Praktische und solide Weiterbildung

THEMEN DER ZEIT: Blick ins Ausland

Frauenheilkunde in Großbritannien: Praktische und solide Weiterbildung

Schild, Ralf L.

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LNSLNS Eine längerfristige Weiterbildung in Großbritannien kann aufgrund der besonderen Praxisorientierung und qualitativ hochwertiger Examina die Jobchancen auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt verbessern. Dr. med. Ralf Schild hat knapp drei Jahre seiner Weiterbildung in Frauenheilkunde in Großbritannien absolviert. Er beschreibt im folgenden seine Erfahrungen mit dem britischen System.
Die britische Weiterbildung in der Frauenheilkunde unterscheidet sich in vielen Punkten von der deutschen. Nach einem zwölfmonatigen Dienst als House Officer, der mit dem deutschen AiP vergleichbar ist, mußten die Weiterbildungskandidaten bislang ein Jahr in einem der Frauenheilkunde nahen Fach ihrer Wahl (zum Beispiel Pädiatrie, Chirurgie, Allgemeinmedizin, Radiologie) ableisten. Das "Wahljahr" konnte zu jedem Zeitpunkt der Ausbildung absolviert werden. Eine weitere Vorgabe für die Weiterbildung war eine je zwöfmonatige Tätigkeit in Geburtshilfe und Gynäkologie. Mit der Ausbildungsnovelle von 1996 entfällt das Wahljahr sowie die bisher erforderliche ausführliche schriftliche Ausarbeitung eigener Fälle und Kommentare. Letzteres soll künftig durch eine längere Abhandlung eines Fachthemas der Wahl ersetzt werden. Gefordert sind außerdem Kenntnisse in der Familienplanung, wozu eigens Kurse angeboten werden.
Die britische Prüfung besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist ein Multiple-choice-Test über die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Frauenheilkunde, der bereits vor Antritt der Weiterbildung absolviert werden kann. Voraussetzung für die Teilnahme am zweiten Teil der Prüfung ist, daß die vorgeschriebenen Weiterbildungsabschnitte absolviert wurden. Die Prüfung besteht aus einem schriftlichen, einem praktischen und einem mündlichen Abschnitt. Im schriftlichen Examen müssen vier vorgegebene Aufsatzthemen (je zwei in Gynäkologie und Geburtshilfe) innerhalb von je einer Stunde ausgearbeitet werden. In Zukunft wird dieser Abschnitt durch mehrere schriftlich zu beantwortende Aufsatzfragen ersetzt werden. Außerdem sind klinisch relevante Multiple-choice-Fragen zu beantworten. Das Ergebnis des schriftlichen Teils entscheidet über die Zulassung zu den weiteren Prüfungsabschnitten, die etwa 10 Wochen danach stattfinden. Praktische Ausbildung
Im praktischen Examen müssen von je einer gynäkologischen und geburtshilflichen Patientin der Aufnahmestatus erhoben, eine körperliche Untersuchung vorgeführt und Fragen zum Fall beantwortet werden. Den Abschluß bildet der mündliche Abschnitt mit Fragen aus dem gesamten Fachgebiet.
Die Durchfallquote ist mit durchschnittlich 60 bis 65 Prozent für deutsche Verhältnisse erschreckend hoch. Wird nur ein Abschnitt des zweiten Prüfungsteils nicht bestanden, muß der gesamte zweite Teil wiederholt werden. Die Zahl der Wiederholungsmöglichkeiten ist zwar unbegrenzt, jedoch ein kostspieliges Unterfangen, da für jeden neuen Versuch eine saftige Prüfungsgebühr zu entrichten ist. Nach bestandenem zweitem Prüfungsteil wird in einer feierlichen Zeremonie der Titel MRCOG (Member of the Royal College of Obstetricians and Gynaecologists) verliehen.
Ein Grund, den Schritt auf die britische Insel zu wagen, kann die Aussicht auf eine umfassende und gute praktische Ausbildung sein. Bewerber, die eine Stelle als Senior
House Officer (SHO) suchen, können sich direkt an ein Krankenhaus wenden oder sich von einer Agentur vermitteln lassen. Üblicherweise werden die vakanten Stellen allerdings wöchentlich im British Medical Journal ausgeschrieben (auch über das Internet zugänglich). In Großbritannien ist es üblich, daß der künftige Arbeitgeber gegen ein geringes Entgelt ein Zimmer im Personalwohnheim zur Verfügung stellt. Auf diese Weise entfällt die schwierige Wohnungssuche vor Arbeitsbeginn. Außerdem sind die Krankenhäuser, die zum Vorstellungsgespräch einladen, verpflichtet, sowohl Anfahrts- als auch Unterbringungskosten innerhalb des Landes zu erstatten. !
Als Senior House Officer arbeitet man in einer firm, die sich aus Consultant (Chefarzt), Registrar (Oberarzt) und gegebenenfalls Senior Registrar (Leitender Oberarzt) zusammensetzt. Das Team wechselt im Regelfall alle sechs Monate. Ein halbjährlicher oder jährlicher Wechsel des Krankenhauses gilt als selbstverständlich. Die Fluktuation ist groß, was den Vorteil bietet, daß mehrere "Schulen" durchlaufen werden. Ein SHO ist zuständig für die Aufnahme und Untersuchung der Patienten sowie die allgemeine Stationsarbeit. Der Aufgabenbereich ist mit dem eines Assistenzarztes in Deutschland vergleichbar. Im Rutherglen Maternity Hospital in Glasgow existiert beispielsweise ein Schichtsystem, was bedingt, daß die Assistenzärzte abwechselnd je eine Woche im Kreißsaal, im Stationsdienst oder in der Poliklinik sowie eine Woche im Nachtdienst arbeiten.
Operationskatalog
füllt sich schnell
Die körperliche Untersuchung der Schwangeren steht in britischen Krankenhäusern wie dem Rutherglen Maternity Hospital (RMH) mehr im Vordergrund als in vielen deutschen Kliniken. Nach einer Eingewöhnungsphase werden die SHOs meist zügig an operative Entbindungen herangeführt. Aufgrund der Zahl an Entbindungen (3 500 pro Jahr im RMH) füllt sich der Operationskatalog rasch. Die Eingriffe beschränkten sich nicht nur auf Kaiserschnitte, sondern beinhalteten auch Vakuumextraktionen, Forzeps- und Beckenendlagenentbindungen.
Nach Bestehen des ersten Teils des britischen Fachexamens erhielt ich im Victoria Infirmary und im RMH, beide in Glasgow, eine Stelle als Senior House Officer 3 (Funktionsoberarzt) in der Gynäkologie und Geburtshilfe. In der Gynäkologie wechselte die Tätigkeit zwischen Stationsdienst, Poliklinik sowie ambulanten als auch stationären Operationen. Jede firm hatte eine eigene wöchenliche Operationsliste für ambulante und stationäre Patientinnen. Im Durchschnitt wurden pro OPTag zwei bis drei größere Operationen wie Hysterektomien und mehrere kleinere Eingriffe wie diagnostische Laparoskopien vorgenommen. Die Liste ambulanter Eingriffe konnte bis zu zehn Fälle aufweisen. Operiert wurde zusammen mit dem Consultant, der im Wechsel assistierte oder den Eingriff selbst vornahm.
Während der Zeit als Funktionsoberarzt bewarb ich mich um eine Registrar-Stelle. Bei Bewerbungen bedarf es der Angabe von zwei bis drei Referenzadressen, wobei mindestens eine Referenz vom Consultant des Krankenhauses stammen sollte, in dem man zum Zeitpunkt der Bewerbung tätig ist. Besteht Interesse von seiten der stellensuchenden Abteilung, wird eine vertrauliche Beurteilung des Kandidaten von den Referenzadressen angefordert. Für jede ausgeschriebene Stelle gibt es nur einen Vorstellungstermin, zu dem mehrere Kandidaten eingeladen werden. Die Entscheidung wird unmittelbar nach Abschluß der Interviews gefällt und mitgeteilt.
Anerkennungsverfahren
hat Haken und Ösen
Nach einigen Vorstellungsgesprächen in London und Schottland erhielt ich eine auf drei Jahre befristete Registrar-Stelle, jeweils für 18 Monate im District General Hospital in Luton und im Hammersmith Hospital in London. In Luton liegt die jährliche Geburtenrate bei 4 500 mit einer vergleichsweise hohen Zahl an operativen gynäkologischen Eingriffen. Die Arbeitsbelastung ist mit sieben bis acht Diensten im Monat bei einem stets geschäftigen Kreißsaal relativ hoch. Zudem ist Luton ein perinatologisches Zentrum für die Region mit Zuweisungen von Hochrisikoschwangerschaften. Allerdings wird in Luton wie überall in Großbritannien der diensthabende Arzt nur bei geburtshilflichen Problemen gerufen. Die überwiegende Mehrzahl der normalen Geburten wird von Hebammen ohne ärztliche Präsenz geleitet.
Die britische Ausbildung ist sehr pragmatisch, bildgebende Verfahren und laborchemische Untersuchungen werden zurückhaltender als in Deutschland eingesetzt. Die großen Patientenzahlen erlauben jedoch eine solide praktische Ausbildung. Ein Nachteil ist allerdings, daß das Fach Senologie nicht Ausbildungsgegenstand in der Frauenheilkunde ist, sondern der allgemeinen Chirurgie zugeordnet wurde. Diese Erfahrungen müssen in der Regel bei einer Rückkehr nach Deutschland dort erworben werden. Nach Vorlage aller Tätigkeitsnachweise wird die englische Ausbildung in Deutschland ohne Probleme angerechnet. Zulassungsbedingung für die Gebietsarztprüfung ist allerdings, daß mindestens ein Jahr in einer deutschen Frauenklinik gearbeitet wurde. Innerhalb der Europäischen Union besteht jedoch bei der gegenseitigen Anerkennung des Facharzttitels noch Nachholbedarf. Das britische Membership-Examen wird nicht als Äquivalent zum deutschen Facharzt eingestuft. Als gleichberechtigt anerkannt ist nur das CCST (Certificate of Completion of Specialist Training), das man nach neuer britischer Regelung erst nach fünf Jahren Tätigkeit als Specialist Registrar erhält. Der Haken ist, daß man mit dem CCST im Vergleich zum deutschen Gebietsarzt wesentlich qualifizierter ist und sich damit bereits für einen Consultant-Posten in Großbritannien bewirbt.
Trotz aller Vorzüge des britischen Systems muß vor allzu übertriebenen Vorstellungen über die Weiterbildung in Großbritannien gewarnt werden. Kurzfristige Abstecher in ein britisches Krankenhaus, um seinen Operationskatalog auf die Schnelle aufzustocken, sind zum Scheitern verurteilt. Wer richtig zum Zuge kommen will, sollte länger als sechs oder besser zwölf Monate im Land bleiben. Wer sich außerdem den Mühen der britischen Examina unterwirft, verbessert seine Chancen auf eine gute Anstellung und damit bessere Ausbildung immens.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1997; 94: A-2320-2323
[Heft 37]


Anschrift des Verfassers
Dr. Ralf L. Schild, MRCOG
Roermonder Straße 117
52072 Aachen

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