ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1996Lange überfällig – endlich konkret: Eine Krankenkasse für die Heilberufe

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Lange überfällig – endlich konkret: Eine Krankenkasse für die Heilberufe

Wittek, Lothar; Krimmel, Lothar

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LNSLNSLNSLNS Für Techniker und Kaufleute ist sie seit langem ebenso selbstverständlich wie für Gärtner, Buchdrucker, Seeleute und Binnenschiffer: die "eigene" Krankenkasse. Sie soll demnächst nun auch für die Angehörigen der Heilberufe Realität werden.


KBV und Kassenärztliche Vereinigungen haben am 9. Februar 1996 in Köln die Bildung einer Krankenkasse für die Heilberufe ausdrücklich begrüßt. Damit wird erstmals eine gesetzliche Krankenkasse geschaffen, die einen auf die Risikostrukturen und Versorgungsnotwendigkeiten der Heilberufe zugeschnittenen Versicherungsschutz zu einem adäquaten Beitragssatz anbietet.
Möglich wurde diese bereits zuvor schon häufiger diskutierte Initiative erst durch das Gesundheitsstrukturgesetz. Seit dem 1. Januar 1996 können sich Betriebskrankenkassen zur Intensivierung des Kassenwettbewerbs über ihren bisherigen Mitgliederkreis hinaus auch für andere Versicherte öffnen. Von dieser Möglichkeit haben im Bundesgebiet bisher 50 der rund 600 Betriebskrankenkassen Gebrauch gemacht.


Attraktiver Beitragssatz
Durch einen glücklichen Umstand ergab sich nun die Möglichkeit, eine BKK für die Heilberufe ohne ein aufwendiges Errichtungsverfahren zu gründen. In Köln faßte die Betriebskrankenkasse der zum ColoniaKonzern gehörenden Nordstern-Versicherung in Abstimmung mit Repräsentanten der Ärzteschaft den Beschluß, sich zum 1. Juli 1996 für andere Versichertengruppen zu öffnen. Den bisherigen NordsternMitarbeitern steht es frei, zur Betriebskrankenkasse des Mutterkonzerns zu wechseln. Die verbleibende Betriebskrankenkasse wird sich nunmehr im Leistungs- und Serviceangebot spezifisch auf die Versorgungsanliegen der Heilberufe ausrichten. Dies wird sich mit Sicherheit auch in dem noch zu findenden neuen Namen dieser Betriebskrankenkasse niederschlagen.
Die Betriebskrankenkasse für die Heilberufe wird nach den vorliegenden versicherungsmathematischen Kalkulationen mit einem sehr attraktiven Beitragssatz von 11,9 Prozent starten können. Dies sind fast zwei Prozentpunkte weniger als der für 1996 erwartete Durchschnittssatz in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung, der bei 13,7 Prozent liegen dürfte. Für einen Großteil der in Heilberufen Tätigen wird ein solch attraktiver Beitragssatz von großem Interesse sein, bedeutet er doch eine jährliche Beitragsersparnis von 300 bis 500 DM. In gleicher Höhe werden die Arbeitgeber entlastet, was angesichts der in den meisten Heilberufen rückläufigen Betriebsergebnisse bei gleichzeitig steigender Steuerbelastung eine willkommene Perspektive darstellen dürfte.
Allerdings ist die Öffnung einer Krankenkasse für neue Versichertengruppen eine schwierige Aktion – vor allem dann, wenn zur Aufrechterhaltung des attraktiven Beitragssatzes die Kosten weiterhin niedrig bleiben sollen. Die Verwaltungsstrukturen der Kasse und insbesondere der personelle Unterbau müssen daher sukzessive aufgebaut werden, damit einerseits der Service stimmt, andererseits aber kein bürokratischer Wasserkopf entsteht. Deshalb ist beabsichtigt, die Krankenkasse für die Heilberufe im Rahmen eines Stufenplans aufzubauen. So sollen ab dem 1. Juli dieses Jahres zunächst die gesetzlich krankenversicherten Mitarbeiter der Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen sowie der Ärztekammern und der ärztlichen Verbände für einen Beitritt zur Krankenkasse für die Heilberufe gewonnen werden (siehe Tabelle).
Ab dem Zeitraum 1997/98 sollen dann Zug um Zug auch die Mitarbeiter in den Arzt- und Zahnarztpraxen für einen Wechsel in die Heilberufs-BKK gewonnen werden. Auch die gesetzlich krankenversicherten Ärzte sind in der neuen Krankenkasse für die Heilberufe willkommen. Die neue Betriebskrankenkasse wird die jeweiligen Berufsgruppen nach und nach ansprechen und ihnen die Vorzüge des Eintritts darlegen und dabei insbesondere auf das umfassende Service- und Leistungsangebot hinweisen.

Beitragseinsparung im Vordergrund
In einem wird die neue Betriebskrankenkasse aber sicher nicht mit den meisten anderen Krankenkassen konkurrieren: Es sollen keine Versichertenbeiträge für hanebüchenen Werbe-Unsinn verschleudert werden. Während viele andere Kassen den Wettbewerb über Zuschüsse für Beach-Parties, Indoor-Climbing und Bauchtanzkurse austragen wollen, dürfte die Krankenkasse für die Heilberufe auf sinnvolle, umfassende Versorgungsangebote setzen, in denen sich auch chronisch Kranke nicht ausgegrenzt fühlen müssen. Die Unterstützung von KBV und Kassenärztlichen Vereinigungen für eine Öffnung der heutigen Betriebskrankenkasse Nordstern zur Krankenkasse für die Heilberufe ist insofern auch ein klares Signal dafür, daß der jenseits jeder medizinischen Notwendigkeit ausgetragene Werbespuk der Krankenkassen bei klar begrenzten Finanzmitteln nunmehr ein Ende finden muß.
Der Hauptbeweggrund für die Unterstützung zum Aufbau einer Heilberufskasse liegt dagegen auf einer ganz anderen Ebene: Nicht nur die Kassenärzte, sondern die Angehörigen der Heilberufe insgesamt sind wie keine andere Berufsgruppe im vergangenen Jahrzehnt Opfer drakonischer Sparmaßnahmen geworden. Dies hat zwischenzeitlich dazu geführt, daß nahezu alle Arbeitnehmer in diesem Bereich, von der Arzthelferin bis zur Logopädin, im Verhältnis zur eigenen persönlichen Arbeitsleistung am unteren Ende der Einkommensskala stehen. Für die Heilberufe bedeutet daher jeder eingesparte Beitragssatzpunkt in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung eine deutliche und notwendige Verbesserung des dramatisch abgesunkenen Realeinkommens.

Kassenproteste sind abwegig
Vor dem dargestellten Hintergrund ist es unverständlich und abwegig, daß die großen Kassenverbände sich angesichts der Bildung einer Krankenkasse für die Heilberufe mit ablehnenden bis zynischen Stellung-nahmen gegenseitig überboten haben. Insbesondere der Vorwurf, die Kassenärzte wollten mit der Unterstützung der Gründung einer Heilberufskrankenkasse Einfluß nehmen auf die internen Entscheidungsprozesse der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung, entbehrt einfach jeder Grundlage. Der "Marktanteil" der Betriebskrankenkassen an allen gesetzlich Krankenversicherten liegt heute lediglich bei etwa 11 Prozent. Diese 11 Prozent wiederum sind auf insgesamt 600 einzelne Betriebskrankenkassen aufgeteilt. Die Krankenkasse für die Heilberufe wird eine unter diesen 600 Betriebskrankenkassen im Bundesgebiet sein, so daß es unsinnig ist, von einer Einflußnahme dieser einzelnen Kasse auf die Vertragslandschaft im Bundesgebiet zu reden. Derartige Gedanken sind im übrigen bereits deswegen abwegig, weil die Betriebskrankenkasse für die Heilberufe als Körperschaft des öffentlichen Rechts in ihrer paritätisch besetzten Selbstverwaltungsstruktur absolut eigenständig bleiben wird.
Die Probleme der Krankenkassenverbände liegen daher offensichtlich auf einem ganz anderen Gebiet: In dem auf unsinnige Leistungsangebote ausgelegten Wettbewerbschaos um gesunde Versicherte macht sich jeder verdächtig, der auf sinnvolle Leistungsangebote und nicht auf Mittelverschwendung für fragwürdige Marketingmaßnahmen setzt. Ausgerechnet die Ersatzkassen, die in den vergangenen Jahren stets das Wort von der Notwendigkeit eines "Aufbrechens der Monopole" in der GKV im Munde geführt haben, zeigen mit ihren ebenso lautstarken wie fadenscheinigen Protesten, daß die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung in ihrer Gesamtheit offensichtlich selbst der eigentliche Monopolist im Gesundheitswesen ist, der Wettbewerb und Weiterentwicklung hemmt. Wenn von den Ersatzkassenverbänden also seit Jahren monoman das "Aufbrechen der Monopole" gefordert wird, so soll dies offensichtlich überall anders ansetzen, nur nicht bei den mißbräuchlichen Auswüchsen der Monopolstellung des GKV-Kartells.


Dr. med. Lothar Wittek
Dr. med. Lothar Krimmel
Kassenärztliche Bundesvereinigung
Herbert-Lewin-Straße 3
50931 Köln

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