ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2010Honorararztstudie: Mehr Geld und mehr Flexibilität

POLITIK

Honorararztstudie: Mehr Geld und mehr Flexibilität

Dtsch Arztebl 2010; 107(22): A-1093 / B-965 / C-953

Teske, Alexander

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LNSLNS Honorarärzte sind nicht überall beliebt. Aus der Patientenversorgung sind sie mittlerweile aber nicht mehr wegzudenken. Eine Studie liefert nun erstmals Daten über ihre Motive und Arbeitsbedingungen.

Honorarärzte sind in Deutschland ein relativ neues Phänomen, wohingegen dieses Berufsbild in anderen Ländern seit langem etabliert ist – etwa in Großbritannien unter der Bezeichnung „locum doctors“, in Frankreich als „médecins remplaçants“ und in der Schweiz als „Vikarärzte“. Im Zuge der Diskussionen um den Ärztemangel rücken sie auch hierzulande zunehmend in den Fokus des öffentlichen Interesses.

Honorarärzte bieten ihre Arbeitskraft außerhalb eines Angestelltenverhältnisses oder einer Tätigkeit als niedergelassener Arzt an. Angesichts des vor allem im ländlichen Gebiet vermehrt spürbaren Mangels an erfahrenen Fachärzten greifen vor allem Krankenhäuser immer häufiger auf ihre Dienste zurück. Nach aktuellen Schätzungen des Bundesverbandes der Honorarärzte (BV-H) sind in Deutschland zurzeit circa 4 000 Ärztinnen und Ärzte hauptberuflich oder in Teilzeit als Honorarärzte tätig.

Viele Honorarärzte waren vorher in Leitungsfunktion

Daten zu Biografie und Motivation, zu Tätigkeitsschwerpunkten und Honoraren lagen bisher nicht vor. Deshalb führen der BV-H und das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin seit September 2009 eine Online-Befragung der in Deutschland tätigen Honorarärzte durch. Ziel dieser bis Juli 2010 laufenden Honorararztstudie ist es, Selbsteinschätzungen der Honorarärzte zu gewinnen und für die gesundheitspolitische Diskussion zur Verfügung zu stellen.

Das mittlere Alter der befragten Honorarärzte liegt mit 47,9 Jahren deutlich über dem mittleren Alter der Krankenhausärzte (2009: 43,4 Jahre). Mehr als zwei Drittel der Studienteilnehmer (72,8 %) sind Ärzte, etwas weniger als ein Drittel (27,2 %) Ärztinnen. Knapp 90 Prozent gaben an, einen Facharzttitel zu führen. Die Mehrzahl der sich noch in Weiter-
bildung befindenden Honorarärzte hat die Qualifikation zum Facharzt nahezu beendet (zumeist viertes bis sechstes Weiterbildungsjahr). Etwa 30 % der Nichtfachärzte sind bereits seit dem dritten Weiterbildungsjahr als Honorarärzte tätig. Wer sich noch in Weiterbildung befindet, ist meist in der Inneren Medizin (32,4 %), der Allgemeinmedizin (29,7 %), der Chirurgie (8,1 %) oder der Anästhesie (6,7 %) tätig.

Die Mehrzahl der Befragten sind Fachärzte für Anästhesiologie (41,4 %), gefolgt von Allgemeinmedizinern (11,7 %), Internisten (11,3 %), Gynäkologen (8,2 %) und Allgemeinchirurgen (7,9 %) sowie Pädiatern (2,3 %), Psychiatern (2,3 %), Orthopäden/Unfallchirurgen (1,7 %) und Dermatologen (1,3 %). Die Fachärzte verfügen im Durchschnitt über 14 Jahre Berufserfahrung.

Bei der geografischen Verteilung zeigt es sich, dass viele Honorarärzte in den alten Bundesländern, wie Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder Rheinland-Pfalz, leben. Die meisten Aufträge erhalten sie jedoch aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.

Bei der Befragung wurde unterschieden zwischen „Honorarärzten“, die ausschließlich auf Honorarbasis arbeiten, und „honorarärztlicher Tätigkeit“, bei der die Ärzte zusätzlich in einer Klinik oder Praxis angestellt arbeiten. Nur 44,3 % der Befragten gaben an, ausschließlich als Honorararzt ohne Festanstellung tätig zu sein, und zwar im Mittel seit 3,6 Jahren.

78,9 % der ausschließlich auf Honorarbasis arbeitenden Ärzte hatten direkt vor dem Wechsel in die freiberufliche Tätigkeit als Angestellte in einem Krankenhaus gearbeitet, 12,7 % in einer eigenen Praxis. Drei Viertel der Krankenhausärzte waren zu diesem Zeitpunkt weitergebildet, fast 40 % hatten eine leitende Funktion als Chefarzt oder Oberarzt inne. Im Durchschnitt waren sie dabei 52 Stunden in der Woche tätig. Als Honorarärzte arbeiten sie nun nach eigenen Angaben im Durchschnitt etwa 40 Stunden pro Woche.

Von den nebenberuflich als Honorararzt tätigen Kollegen waren annähernd 60 % in einem Krankenhaus angestellt, 27 % arbeiteten in einer Praxis oder Gemeinschaftspraxis und 6 % im Rettungswesen. Im Rahmen ihrer Haupttätigkeit arbeiten die Teilzeit-Honorarärzte durchschnittlich 35,3 Wochenstunden. 15,6 Stunden pro Woche sind sie im Durchschnitt zusätzlich honorarärztlich tätig. Somit haben sie eine durchschnittliche Gesamtwochenarbeitszeit von fast 51 Stunden.

Reiz der Arbeit: Eher Teilzeit, mehr Autonomie
Ein Schwerpunkt der Studie ist es, die Motivation der Honorarärzte und die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit zu erfassen. So begründeten zahlreiche Studienteilnehmer ihre derzeitige Berufsausübung damit, mit den Strukturen im deutschen Gesundheitssystem unzufrieden zu sein, zum Beispiel wegen fehlender Autonomie und kaum vorhandener Möglichkeiten, in Teilzeit zu arbeiten. Als Vorteile der Tätigkeit als Honorararzt wurden unter anderem die besseren Verdienstmöglichkeiten mit voller Vergütung aller geleisteten Arbeitsstunden, der Zugewinn an Autonomie bei als selbstbestimmt empfundenem Arbeiten sowie die flexibleren Arbeitszeiten genannt.

Nachteilig bei der honorarärztlichen Tätigkeit erscheinen vor allem die Abwesenheit von der Familie, die unsichere Rechtslage (Gefahr der Scheinselbstständigkeit) sowie die Unklarheit hinsichtlich der Mitgliedschaft im ärztlichen Versorgungswerk und in den Ärztekammern. Es fehlen einheitliche Regelungen, ob man sich bei jeder Ärztekammer, in deren Einzugsgebiet man als Honorararzt tätig wird, gesondert anmelden muss. Auch die Unsicherheit bei Versicherungsfragen und die fehlende Akzeptanz der Honorarärzte innerhalb der Ärzteschaft empfinden die Studienteilnehmern als negativ.

Dementsprechend bezogen sich die dringlichsten Wünsche auf die Lösung des Problems der Scheinselbstständigkeit (91 %), der Ärztekammer- beziehungsweise Ärzteversorgungszugehörigkeit (86,1 % favorisieren eine Monomitgliedschaft nach dem Wohnortprinzip) und auf die haftungsrechtliche Gleichstellung mit festangestellten Ärzten (85 %).

Die Mehrzahl der Studienteilnehmer (60,5 %) arbeitet honorarärztlich in der stationären Versorgung. Demgegenüber werden Notarztdienste nur von einer Minderheit häufig oder sehr häufig übernommen (29,4 %), noch seltener Praxisvertretungen (17,8 %). Dabei werden im Mittel folgende Bruttostundenhonorare erzielt: für Einsätze in der stationären Krankenversorgung circa 71 Euro, für Tätigkeiten in ambulanten OP-Zentren 74 Euro, für gutachterliche Tätigkeiten 78 Euro, für Praxisvertretungen 56 Euro und für die Arbeit in Medizinischen Versorgungszentren 58 Euro. Am schlechtesten vergütet werden Notdienste (41 Euro) und die Arbeit als Notarzt (32 Euro).

Die Hälfte der nebenberuflich tätigen Honorarärzte gab an, diesen Berufsschwerpunkt im Zeitverlauf ausgebaut zu haben. Lediglich bei 12,2 Prozent der Studienteilnehmer hat sich der Anteil der honorarärztlichen Tätigkeit verringert.
Alexander Teske


Anschrift für die Verfasser der Studie:
cand. med. Alexander Teske, Breslauer Straße 11, 66424 Homburg, E-Mail: info@honorararztstudie.de

@Langfassung der Studienergebnisse: www.aerzteblatt.de/101093


www.honorararztstudie.de
Die Honorararztstudie läuft noch bis zum Juli dieses Jahres. Vorgestellt werden an dieser Stelle erste Ergebnisse der im September 2009 begonnenen standardisierten Online-Befragung. Die vorläufige Auswertung (Stand: 15. 4. 2010) beruht auf den Angaben von 764 Teilnehmern in 590 komplett beantworteten Fragebögen.

Vorbild für die Konzeption der Befragung ist die Studie „The demography, career pattern, and motivation of locum tenens physicians in the United States“ von Simon und Alonzo (2). Um möglichst viele Studienteilnehmer zu gewinnen, bat das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin die Lan­des­ärz­te­kam­mern um Unterstützung. Zehn Ärztekammern erklärten sich daraufhin bereit, auf die Studie in ihren Publikationsorganen und Webauftritten hinzuweisen. Auch vier der annähernd 30 Agenturen, die auf die Vermittlung von Honorararztstellen spezialisiert sind, unterstützten die Studie.

Für interessierte Ärztinnen und Ärzte besteht die Möglichkeit, sich an der Befragung über die Internetadresse www.honorararztstudie.de zu beteiligen. Dort kann man auch den Studienfragebogen einsehen.
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1.
Ludwig U, Schmid B: Ärzte auf Montage. Der Spiegel 2009; 53: 42–3.
2.
Simon AB, Alonzo AA: The demography, career pattern, and motivation of locum tenens physicians in the United States. J Healthcare Management 2004; 49: 363. MEDLINE
3.
Bundes­ärzte­kammer. Tätigkeitsbericht 2009. Berlin, 2010.
1. Ludwig U, Schmid B: Ärzte auf Montage. Der Spiegel 2009; 53: 42–3.
2. Simon AB, Alonzo AA: The demography, career pattern, and motivation of locum tenens physicians in the United States. J Healthcare Management 2004; 49: 363. MEDLINE
3. Bundes­ärzte­kammer. Tätigkeitsbericht 2009. Berlin, 2010.

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