ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2010Interview mit Dr. med. Nicolai Schäfer, Vorsitzender des Bundesverbandes der Honorarärzte: „Die Wut entlädt sich in der Suche nach einer wirklich freien Berufsform“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Nicolai Schäfer, Vorsitzender des Bundesverbandes der Honorarärzte: „Die Wut entlädt sich in der Suche nach einer wirklich freien Berufsform“

Dtsch Arztebl 2010; 107(22): A-1095 / B-967 / C-955

Osterloh, Falk; Rieser, Sabine

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LNSLNS Nicolai Schäfer über zu viele unbezahlte Überstunden, zu wenig Krankenhäuser, die zugeben, dass sie Honorarärzte beschäftigen, und über gute Fortbildung

Herr Dr. Schäfer, vor etwa zwei Jahren haben Sie begonnen, die Unorganisierten zu organisieren, wie Sie damals sagten. Sie gründeten den Bundesverband der Honorarärzte. Heute hat man das Gefühl: Davon gibt es immer mehr.
Schäfer: Das Thema wird derzeit aufgebauscht. Allerdings ist der Markt schon geradezu explodiert, und es gründen sich stetig neue Vermittlungsagenturen. Wir sollten eine fundierte Diskussion über das Phänomen Honorarärzte führen, deshalb auch die Studie.

Was soll sie genau bringen?

Schäfer: Sie soll vor allem klären helfen, wer die Honorarärzte sind. Ich hoffe, dass man sich auf Ba-sis der Ergebnisse faktenbezogen mit Honorarärzten auseinandersetzt und wegkommt von so manchem falschen Bild.

Honorarärzte sind Ärzte ohne Ideale, die schnell viel Geld verdienen wollen – so sieht eines der Bilder aus.
Schäfer: Viele nennen als Hauptmotiv die gefühlte Unabhängigkeit und Freiheit, über das Maß ihrer Arbeit zu bestimmen. Das gilt auch für mich. Man wird doch nicht nur Honorararzt wegen des Geldes, sondern weil man vorher im System gelitten hat. Unter den Honorarärzten sind genug Kollegen, die dem deutschen Gesundheitswesen jahrelang eine Menge Geld in Form von unbezahlten Überstunden und viel Engagement geschenkt haben. Einen Teil davon dürfen die sich gern wiederholen.

In der Studie ist von Stundenlöhnen zwischen 30 und 70 Euro die Rede. Manche Kliniken zahlen angeblich mehr. Sorgt das für böses Blut bei den angestellten Klinikkollegen?
Schäfer: Erst einmal: Es fehlen heute an Kliniken erfahrene Fachärzte mittleren Alters. Das war absehbar. Man hätte schon vor zehn Jahren etwas dagegen tun können. Diesem Mangel ist die heutige Situation geschuldet: Auf einmal fehlen Kollegen, es müssen Honorarärzte her. Dann wird zum Teil eben viel gezahlt.

Der Marburger Bund meint: Solange Geld für Honorarärzte da ist, muss auch Geld für eine Lohnerhöhung der Festangestellten da sein.
Schäfer: Man kann erst einmal nichts dagegen sagen. Natürlich muss man fragen, warum erst in Personal und in Wertschätzung von Mitarbeitern investiert wird, wenn der Zug schon abgefahren ist. Der Marburger Bund hat völlig recht.

Sie gucken, als ob ein „Aber“ folgt.
Schäfer: Wenn wir über Geld reden, sollten wir auch darüber reden, wer alles kräftig mitverdient. Das sind ja beileibe nicht allein ein paar Honorarärzte. Fragen Sie doch mal, was Krankenhäuser für Juristen oder betriebswirtschaftliche Berater ausgeben. Honorarärzte gehören zu denen, die vorne stehen und Patienten versorgen. Die verkrümeln sich nicht in ihr Büro. Deshalb sollten wir besser keine Neiddiskussion unter Ärzten führen. Vielleicht sollte der Marburger Bund mal fragen, warum manche Honorarärzte sein wollen. Da geht es sicher nicht nur ums Geld.

Worum geht es noch?
Schäfer: Um innerärztliche Strukturen. Es waren doch nicht immer Ulla Schmidt oder die Globalisierung schuld. Ich denke an die Zeiten, als viele Kollegen als Assistenzärzte auf einer halben Stelle saßen, aber voll arbeiten mussten. Diese Wut, die sich damals aufgestaut hat, auch gegen die eigene Zunft, die entlädt sich jetzt in der Suche nach einer wirklich freien Form des ärztlichen Berufs.

Warum reden Kliniken nicht gern über Honorarärzte ?
Schäfer: Krankenhäuser haben ein Imageproblem. Sie stellen sich gern als moderne Dienstleister dar. In ihren Broschüren gibt es nur lachende Ärzte und Patienten. Doch die Kliniken können wichtige Stellen nicht besetzen. Wenn man das offen kommunizierte, würde das zu einem negativen Image führen. Deshalb gibt es kaum ein Krankenhaus, das sagt: „Natürlich arbeiten auch Honorarärzte bei uns.“

Welche Folgen hat das?
Schäfer: Das ist zum Beispiel ein Problem für die Qualitätssicherung. Wenn die Krankenhäuser offen über Honorarärzte sprechen würden, könnten sie sich auch gegenseitig Honorarärzte empfehlen, die gute Arbeit geleistet haben.

Wie kann man sicherstellen, dass die Qualität der Arbeit stimmt, wenn ein Arzt immer wieder anderswo arbeitet?
Schäfer: Auch Honorarärzte unterliegen den ganz normalen Weiterbildungs- und Fortbildungsvorgaben. Ich bin sehr dafür, dass die Fortbildungsverpflichtungen auch für Honorarärzte gelten. Vorstellbar wäre langfristig auch ein Zertifikat für Honorarärzte, in dem deren Referenzen zusammengefasst sind.

„Wir sollten besser keine Neiddiskussion unter Ärzten führen.“ Fotos: Georg J. Lopata
„Wir sollten besser keine Neiddiskussion unter Ärzten führen.“ Fotos: Georg J. Lopata
Wer könnte solche Zertifikate ausstellen?
Schäfer: Wir stehen in Kontakt mit dem Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin, das sich generell aufgeschlossen zeigt. Aber zuvor brauchen wir mehr Erkenntnisse über Honorarärzte.

Aus der Studie geht hervor, dass ein Teil der Honorarärzte noch gar keine abgeschlossene Weiterbildung hat. Ist die Qualität der Patientenversorgung doch durch Honorarärzte gefährdet?
Schäfer: Dazu muss man wissen, dass etliche Kollegen Notarzteinsätze fahren, und dafür braucht man formal keine abgeschlossene Weiterbildung. Ansonsten bin ich der Meinung: Eine abgeschlossene Weiterbildung muss sein. Wie wollen Sie sonst Ihr Fachgebiet selbstständig und eigenverantwortlich als Honorararzt ausüben?

Apropos Weiterbildung: Manche merken an, dass die Beschäftigung von Honorarärzten die Weiterbildung junger Ärzte gefährden könnte. Entweder hätten Honorarärzte daran kein Interesse, oder sie erledigten die Arbeit der Kollegen in Weiterbildung.
Schäfer: Leider gibt es auch dazu überhaupt keine Daten. Ich glaube, dass die Qualität der Weiterbildung insgesamt ein Problem ist, so dass man nicht erst wegen der Honorarärzte darüber nachdenken muss. Richtig ist: Wenn ich ein Fachgebiet nur noch mit Honorarärzten ausfüllte, wäre das das Ende jeder vernünftigen Weiterbildung.

In den Antworten im Rahmen der Studie klingt an, dass es eine Reihe von rechtlichen, steuerlichen und organisatorischen Problemen für Honorarärzte gibt. Schon vor zwei Jahren hatten Sie gehofft, es werde schnell Lösungen geben. Wie sieht es damit aus?
Schäfer: Wir wünschen uns nach wie vor eine Monomitgliedschaft in den Lan­des­ärz­te­kam­mern nach dem Wohnortprinzip. Noch melden sich viele Kollegen in mehreren Kammern an, wenn sie in mehreren Bundesländern arbeiten. Das ist aber ein großer bürokratischer Aufwand. Dazu kommt, dass man so auch nur Minianwartschaften in den ärztlichen Versorgungswerken begründet. Da würde ich mir mehr Aufgeschlossenheit für unsere Argumentation wünschen. Manche Kammer würde sich aber offenbar am liebsten gar nicht mit dem Thema Honorarärzte befassen. Eine hat mir sinngemäß geschrieben, man sei gegen Honorarärzte, weil sie nicht dazu beitrügen, den Ärztemangel zu beseitigen. Das haben wir auch nie behauptet. Wir sind eine Folge des Mangels.
Das Interview führten Falk Osterloh und Sabine Rieser.

@Eine Langfassung des Interviews im Internet: www.aerzteblatt.de/101095
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