ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2010Tagung der Bundes­ärzte­kammer: Prävention ohne Gesetz

POLITIK

Tagung der Bundes­ärzte­kammer: Prävention ohne Gesetz

Dtsch Arztebl 2010; 107(22): A-1098 / B-969 / C-957

Osterloh, Falk

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LNSLNS Das Präventionsgesetz ist tot – es lebe die Prävention. Auf einer Tagung der Bundes­ärzte­kammer machten Experten deutlich, dass es keines Gesetzes bedarf für eine gute Prävention, wohl aber einer Vergütung für die Präventionsberatung.

Zweimal hatte es Ulla Schmidt versucht. Und zweimal war sie gescheitert mit ihrem Versuch, die Gesundheitsvorsorge in Gesetzesform zu gießen. Die schwarz-gelbe Koalition will es dabei bewenden lassen.

„Die Bundesregierung wird den vom Bundesministerium für Gesundheit in der vergangenen Legislaturperiode erarbeiteten Entwurf eines Präventionsgesetzes nicht weiterverfolgen“, heißt es in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion im Februar dieses Jahres (Drucksache 17/845). Stattdessen will sie eine Präventionsstrategie entwickeln, die „Vorhandenes bewerten und aufeinander abstimmen, nationale und internationale Erfahrungen und Erkenntnisse analysieren sowie auf bewährten Programmen und Strukturen aufbauen, diese weiterentwickeln und in die Fläche bringen“ soll, wie es im Koalitionsvertrag heißt. Bis es so weit ist, wird angesichts anderer gesundheitspolitischer Themenschwerpunkte wohl noch einige Zeit vergehen.

„Die Ärzteschaft muss nicht traurig sein, dass das Präventionsgesetz gescheitert ist, hätte es Ärzte doch weiterhin zu Bittstellern der Krankenkassen gemacht“, resümierte Dr. med. Max Kaplan, Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), bei der 3. Präventionstagung der BÄK Ende Mai in Berlin. Welch großen Stellenwert die Prävention auch ohne Gesetz bei den Ärzten hat, verdeutlicht die hohe Teilnehmerzahl dieser Tagung, auf der unter anderem über Gesundheitsvorsorge durch Ernährungsberatung, Bewegungsförderung und Raucherentwöhnung informiert wurde.

Dass Prävention wichtig ist, zeigen die Zahlen, die der Vorsitzende des Ausschusses „Gesund­heits­förder­ung, Prävention und Rehabilitation“ der BÄK, Rudolf Henke, nannte: Aktuell sind 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland übergewichtig, lediglich 13 Prozent aller Deutschen bewegen sich dreimal wöchentlich für 30 Minuten, und jedes Jahr sterben nach wie vor mehr als 100 000 Menschen an den direkten Folgen des Tabakkonsums.

Wie Ärztinnen und Ärzte die Gesundheitsvorsorge in Deutschland stärken können, diskutierten die Teilnehmer der Tagung. „Wir möchten die Ausgestaltung der Primärprävention nicht alleine den Krankenkassen überlassen, so wie es der § 20 SGB V vorsieht“, sagte Henke. Dieser Paragraf verpflichtet Krankenkassen dazu, einen bestimmten Teil ihrer Ausgaben für die Primärprävention zu reservieren. Prioritäre Handlungsfelder sollen demnach vom GKV-Spitzenverband festgelegt werden.

Die Präventionsstrategie der Bundesregierung müsse mehr Möglichkeiten eröffnen, Gesundheitsberatung, Früherkennung und Prävention von Krankheiten als originär ärztliche Aufgabe zu fördern, forderte Henke. Und: „Wir wissen, dass es eine schlechte Zeit ist, darüber zu sprechen. Aber wir brauchen eine angemessene Vergütung präventiver Beratungsleistungen für Ärztinnen und Ärzte.“ Sonst hätten Ärzte im hektischen Praxisalltag dafür keine Zeit. Das BÄK-Vorstandsmitglied plädierte zudem dafür, die Prävention nicht einzelnen Fachpolitikern zu überlassen: „Prävention findet nicht nur in der Gesundheitspolitik statt. Prävention ist eine Querschnitts- und keine Spezialistenaufgabe.“

Auch eine große Mehrheit der Deutschen betrachtet den niedergelassenen Arzt und nicht die Krankenkasse als ersten Ansprechpartner für die Gesundheitsvorsorge. „86 Prozent der Befragten würden die Überprüfung der von ihnen selbst ermittelten Gesundheitsdaten ihrem Arzt anvertrauen. Krankenkassen, Krankenhäusern und privaten Anbieter trauen hingegen nur 14 Prozent“, zitierte Dr. Karsten Neumann von der Roland Berger Strategy Consultant GmbH aus einer hauseigenen Befragung. Auch biete die Arztpraxis den optimalen Zugang zu präventiven Leistungen.

„Für eine sinnvolle Präventionsstrategie muss man insbesondere die Menschen erreichen, die ungesund leben, und diejenigen, die bereits krank sind“, erklärte Neumann. Denkbare Ansprechpartner seien der Arzt, der Arbeitgeber oder die Krankenkasse. „Die Vorteile der Arztpraxis sind zahlreich“, betonte Neumann „sie ist für die relevanten Zielgruppen gut erreichbar, die Praxendichte in Deutschland ist hoch, der Arzt wird als Autoritätsperson in Gesundheitsfragen wahrgenommen. Es besteht ein Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt, und der Kontakt zwischen beiden ist kontinuierlich.“ Neumann plädierte dafür, den Präventionszugang über die Arztpraxis in enger Zusammenarbeit mit den Krankenkassen auszubauen: „Heute wissen Ärzte oftmals nicht, wohin sie ihre Patienten schicken sollen. Eine bessere Vernetzung mit den Krankenversicherern könnte da helfen.“

Auch wenn die Bundesregierung derzeit mit anderen Themen ausgelastet zu sein scheint: „Das Thema Prävention ist keineswegs vergessen“, sagte der Sprecher des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums, Christian Lipicki, dem Deutschen Ärzteblatt. Einen Schwerpunkt bei der künftigen Ausgestaltung der Präventionsstrategie werde das Ministerium beispielsweise auf den Ausbau der betrieblichen Gesund­heits­förder­ung legen.
Falk Osterloh
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