ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2010Ärztemangel: Was tun, wenn der Nachwuchs ausbleibt?

POLITIK

Ärztemangel: Was tun, wenn der Nachwuchs ausbleibt?

Dtsch Arztebl 2010; 107(22): A-1099 / B-970 / C-958

Müller, Carl-Heinz

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Foto: Angelika Klauser
Foto: Angelika Klauser
Welche Ursachen liegen der hohen Abbruchquote im Studium zugrunde und welche der mangelnden Bereitschaft, in die Patientenversorgung zu gehen? Eine Online-Umfrage unter Medizinstudierenden durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Universität Trier mit Unterstützung der medizinischen Fakultäten soll Lösungswege aufzeigen.

Landärzte, die händeringend einen Nachfolger suchen, seitenlange Stellenangebote für Ärzte in den Standesblättern: Der Ärztemangel ist keine künftig vielleicht drohende, sondern eine bereits heute spürbare Tatsache. Und dieser Ärztemangel wird sich im Laufe der nächsten zehn Jahre noch erheblich verschärfen. Bis zum Jahr 2020 gehen insgesamt fast 52 000 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, davon sind knapp 24 000 Hausärzte und 28 000 Fachärzte, und circa 20 000 Chef- und Oberärzte an Krankenhäusern in den Ruhestand. Der Ersatzbedarf ist extrem hoch, und die potenziell zur Behandlung von Patienten zur Verfügung stehende Zeit reduziert sich immer mehr – über nahezu alle Fach- und Tätigkeitsgebiete hinweg. Das hat mittlerweile auch in der Politik zu der Erkenntnis geführt, dass dagegen dringend etwas getan werden muss. Doch was?

Derzeit studieren insgesamt knapp 76 000 junge Menschen Medizin. Theoretisch könnte damit der Ersatzbedarf weitgehend gedeckt werden. Aber eben nur theoretisch, denn es beenden eben nicht alle Medizinstudierenden ihr Studium. Von denjenigen, die es beenden, melden sich etwa zwölf Prozent nicht oder erst mit deutlicher zeitlicher Verzögerung bei der Ärztekammer, zehn Prozent lassen sich zwar registrieren, arbeiten dann aber nicht in der Patientenversorgung, sondern zum Beispiel beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen, für Pharmaunternehmen oder in anderen Bereichen.

Hohe Verlustquote
Umfragen belegen darüber hinaus, dass viele Absolventen über eine Abwanderung ins Ausland nachdenken. Mehr als ein Viertel aller Medizinstudierenden stehen letztlich nicht mehr für die klinische Versorgung zur Verfügung. Von denen, die doch kurativ tätig werden wollen, sind immer weniger bereit, in die Niederlassung zu gehen. Dieser Schwund kann dauerhaft nicht verkraftet werden, wenn es in Deutschland auch weiterhin eine flächendeckende, wohnortnahe Versorgung mit haus- und fachärztlichen Leistungen geben soll.

Welche Gründe führen zum Abbruch des Studiums? Was kann, was muss dagegen unternommen werden? An den Bewerberzahlen für das Medizinstudium liegt es nicht. Es bewerben sich auch heute noch ungefähr viermal so viele Interessenten, wie es Studienplätze gibt. Die Attraktivität des Medizinstudiums ist also ungebrochen. Die Gründe für den hohen Schwund müssen demnach im Studium selbst liegen und in den Berufsaussichten, die den Studierenden während des Studiums vermittelt werden. Da gilt es anzusetzen.

Das beginnt mit der Auswahl der Studierenden. Immer noch ist eine sehr gute Abiturnote ausschlaggebend für die Zulassung zum Studium. Sollten aber nicht Fähigkeiten wie soziale Kompetenz oder Erfahrungen in der Pflege eine deutlich größere Rolle spielen als bisher? Ist der Einserabiturient per se die richtige Wahl, wenn es darum geht, Allgemeinmediziner für die Fläche zu gewinnen? Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Rösler hat für sich die Frage mit der Überlegung beantwortet, eine Landarztquote einzuführen. Wer sich bereiterklärt, nach Ende der Ausbildung als Landarzt tätig zu werden, wird bevorzugt zum Studium zugelassen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hält das für eine interessante Idee. Das könnte beispielsweise für heimatverbundene Menschen im ländlichen Raum die Zulassung zum Studium bedeuten. Und dass diese häufig dem örtlichen Hausarzt in der Heimatgemeinde nachfolgen, zeigen die Statistiken: Allgemeinmediziner lassen sich insgesamt deutlich häufiger in ihrer Heimatgemeinde nieder, als das Fachärzte tun. Diese neigen mehr dazu, sich im Umkreis ihres Lehrkrankenhauses niederzulassen. Die Landarztquote könnte helfen, solche Interessenten zu gewinnen, denn viele junge Menschen ohne den entsprechenden Notendurchschnitt lassen sich von der dann oft langen Wartezeit von ihrem Wunschstudium abhalten.

Den Beruf hautnah erleben
Eine bloße Erhöhung der Anzahl der Medizinstudierenden ist ganz sicher keine Lösung. Viel wichtiger ist es, dass diejenigen, die das Studium aufgenommen haben, es zu Ende bringen und danach auch die kurative Versorgung wählen. Bis heute beklagen Studierende unter anderem die Therorielastigkeit des Studiums und dass sie sich von ihren Dozenten nicht ausreichend betreut fühlen. Es geht im Kern nicht darum, die Quantität, sondern die Qualität des Studiums zu erhöhen und frühzeitig die Möglichkeit zu bieten, den angestrebten Beruf möglichst hautnah erleben zu können, etwa durch Angebote zur Berufsfelderkundung durch berufserfahrene Ärzte, über die Kammern oder die Kassenärztlichen Vereinigungen.

Welche Gründe haben heutige Medizinstudierende, ihr Studium erst gar nicht zu beenden oder nach Beendigung nicht in die Patientenversorgung zu gehen? Welche Erwartungen, welche Anforderungen haben sie, und inwieweit werden die heute herrschenden Arbeitsbedingungen diesen gerecht? Um darüber Klarheit zu gewinnen, plant die KBV in Zusammenarbeit mit der Universität Trier eine bundesweite Online-Abfrage unter den Medizinstudierenden. Diese Umfrage soll deren Präferenzen, Erwartungen und Bedenken aufzeigen. Da wird beispielsweise nach der Wichtigkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefragt, danach, welche Art der Tätigkeit infrage kommt (selbstständig, niedergelassen oder angestellt), ob die Einzelpraxis oder das Medizinische Versorgungszentrum attraktiver erscheint und welche Faktoren von einer Niederlassung am stärksten abhalten.

Aus den Antworten kann abgeleitet werden, was die Studierenden in ihrem Berufsleben wollen und wie die künftige Struktur aussehen müsste, um bei möglichst vielen jungen Medizinern Interesse an der Niederlassung zu wecken. Medizinstudentinnen und -studenten werden gebeten, ihre Erwartungen, ihre Ansprüche und ihre Kritik einzubringen, damit die richtigen Problemlösungen erarbeitet werden können. Die Online-Umfrage ist dabei ein wichtiger Bestandteil. Ein hoher Beteiligungsgrad ist unabdingbar, um repräsentative Ergebnisse zu erzielen.

Vor allem geht es darum, während des Studiums die richtigen Akzente zu setzen und die angehenden Mediziner für eine Tätigkeit am Patienten zu gewinnen. Das gelingt nur, wenn die Tätigkeit als Arzt im Krankenhaus oder in der Niederlassung attraktiv erscheint. Hier liegt die wahre Herausforderung. Denn nur, wenn es gelingt, die Attraktivität des Berufs zu steigern, wenn es für junge Menschen wieder erstrebenswert ist, hierzulande Ärztin oder Arzt zu sein, ist das Problem zu lösen.

Wir wissen, dass die Arbeitsbedingungen nicht so sind, wie sie sein sollten. Hauptursache für das negative Image der Niederlassung ist die überbordende Bürokratie, die jegliches verantwortliches Handeln zu ersticken droht. Oft hat man den Eindruck, es müsse mehr dokumentiert als behandelt werden. Die Bürokratie muss unbedingt auf das für eine gute Patientenversorgung notwendige Maß zurückgeführt werden. Daran arbeitet die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Unterstützung ist jetzt aus dem Ministerium zugesagt: Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Rösler will die herrschende „Kontrollitis“ durch eine Kultur des Vertrauens ersetzen. Das ist der richtige Weg! Nur so kann künftig der Arztberuf wieder Freude machen. Allerdings weiß auch die KBV, dass Bürokratie notwendig ist und sinnvoll sein kann. So werden beispielsweise für eine adäquate Versorgungssteuerung Daten benötigt. Transparenz gegenüber den Patienten, die unstreitig notwendig ist, kann es ebenfalls nur auf der Grundlage valider Daten geben. Bürokratieabbau ist deswegen das eine, das andere ist eine Vereinfachung und Standardisierung – und damit eine wesentlich leichtere Datenerhebung in den Arztpraxen.

Weg mit der Regressdrohung
Unverzichtbar ist es auch, die drohenden Regresse bei der Arznei-, Hilfs- und Heilmittelverordnung endgültig abzuschaffen. Wie sollen junge Mediziner zur Niederlassung motiviert werden, wenn sie jederzeit damit rechnen müssen, die Kosten für notwendige Medikamente ihrer Patienten aus ihrem Einkommen bezahlen zu müssen? Das kann nicht funktionieren. Es gibt andere, deutlich intelligentere Wege, die Arzneimittelausgaben zu steuern. Die KBV hat dazu ein schlüssiges Konzept vorgelegt, das den Ärzten weiterhin auf der Basis von Leitlinien die Verantwortung für die Auswahl des Wirkstoffs, die Menge und Dosierung zuordnet, sie aber von der Preisverantwortung entbindet. Die Regierung hat dazu inzwischen eine Gesetzesinitiative auf den Weg gebracht, die mindestens in die richtige Richtung geht.

Ebenso wichtig ist es, die Versorgungsstrukturen an die veränderten Rahmenbedingungen anzupassen. Das Bild des Landarztes, der mit der treusorgenden Arzthelferin in seiner Einzelpraxis rund um die Uhr für seine Patienten zur Verfügung steht und für den eine 80-Stunden-Woche der Regelfall ist, lockt bestimmt keinen jungen Kollegen oder keine junge Kollegin in die Niederlassung. Wir müssen deshalb auf den Ausbau der Kooperationen, vermehrte Möglichkeiten zur Teilzeittätigkeit und auch auf Angestelltenstrukturen in der ambulanten Versorgung setzen. Von besonderer Bedeutung ist dabei das Angebot für den wachsenden Anteil von Frauen im Arztberuf: Diese fordern zu Recht eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ohne dass ihre Karriere darunter automatisch leidet und Investitionen in die eigene Praxis unabdingbar erforderlich sind. Flexibilität in der Berufsausübung muss daher auch für niedergelassene Vertragsärztinnen und Vertragsärzte möglich sein.

Das ist im Übrigen auch angesichts der Morbiditätsverdichtung bei gleichzeitigem Bevölkerungsrückgang in dünn besiedelten, strukturschwachen Gegenden erforderlich. Aus diesem Grund muss ebenfalls die heute noch geltende Bedarfsplanung dringend umgestaltet werden. Auf der Grundlage einer kleinräumigen Versorgungsanalyse unter Einbeziehung der regionalen Morbiditätsprognose müssen diejenigen Arztsitze vorrangig besetzt werden, die für die Versorgung die optimale Verbesserung bringen. Dabei sind ambulante und stationäre Kapazitäten zu berücksichtigen. Außerdem muss die Möglichkeit zur Filialbildung weiter ausgeweitet werden. Auch dazu hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung Konzepte erarbeitet und vorgelegt.
Dr. med. Carl-Heinz Müller
Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
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