MEDIZINREPORT

Interphone-Studie: Viel Aufwand für – letztlich – wenig Ertrag

Dtsch Arztebl 2010; 107(22): A-1103 / B-974 / C-962

Neuber, Harald

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Die größte Fall­kontroll­studie zu Handynutzung und Tumorrisiko durch elektromagnetische Strahlung kommt zu Ergebnissen, die nicht so eindeutig sind wie erhofft. Stellungnahmen von Kritikern und Befürwortern der internationalen Untersuchung

Wer über die Interphone-Studie spricht, kommt ohne Superlative nicht aus: Es ist die bisher größte internationale Erhebung über einen potenziellen Zusammenhang zwischen Mobiltelefonie und Krebsrisiko. Circa 20 Millionen Euro haben die Welt­gesund­heits­organi­sation und das ihr zugehörige internationale Krebsforschungszentrum IARC (Lyon, Frankreich) in die Untersuchung investiert. Vom Herbst 2000 bis zum Jahr 2004 wurden mehr als 5 000 Patienten mit Gehirntumoren nach ihrem Gebrauch von Handys und Schnurlostelefonen befragt. Beteiligt waren Forscher in 13 Staaten.

Das Handy: Statussymbol unter Jugendlichen. Die Langzeitfolgen der elektromagne tischen Strahlung sind noch nicht erforscht. Foto: Keystone
Das Handy: Statussymbol unter Jugendlichen. Die Langzeitfolgen der elektromagne tischen Strahlung sind noch nicht erforscht. Foto: Keystone
Mehr als 12 000 Personen haben teilgenommen

Die Interphone-Studie sollte endlich Licht ins Dunkel bringen und eine zentrale Frage beantworten: Verursacht der Gebrauch von Handys Hirntumore? Wer sich davon endgültig Aufklärung versprach, wurde aber enttäuscht. Bei durchschnittlicher Nutzung des Handys habe sich für einen erwachsenen Menschen kein erhöhtes Tumorrisiko ergeben, lautet das Resultat. „Aber wir können daraus nicht folgern, dass kein Risiko besteht, denn es gibt genug Hinweise, die auf eine mögliche Gefährdung hinweisen“, so die gleichzeitige Relativierung der Forschungsleiterin Elisabeth Cardis. Nach der Veröffentlichung im „International Journal of Epidemiology“ (2010; 1–20. doi: 10.1093/ije/dyq079) gehen die Auseinandersetzungen zwischen den Lagern daher weiter. Insgesamt 2 765 Patienten mit einem Gliom und 2 425 Patienten mit einem Meningeom nahmen an der Untersuchung teil. Der Kontrollgruppe gehörten 7 658 Personen an. Per Matched-pair-Analyse sollten mögliche Gesundheitsrisiken aufgespürt werden. Der Studienleitung zufolge waren sowohl kurzzeitige Handynutzer befragt worden als auch „eine Anzahl von Personen, die bereits vor 1994 begannen, mobil zu telefonieren“.

Neben den zunächst beruhigend wirkenden Ergebnissen ergab die Auswertung der Daten jedoch auch geradezu skurrile Resultate. Der Statistik zufolge können regelmäßige Mobilfunknutzer gegenüber dem Durchschnitt sogar mit einem 20 Prozent niedrigerem Krebsrisiko rechnen. Erklärt wurde dieser Trend mit verschiedenen Störeinflüssen wie der Repräsentativität der Daten und den sozioökonomischen Unterschieden zwischen den Gruppen, die einen Einfluss auf das Nutzungsverhalten gehabt haben könnte. Womöglich hätten auch nur wenige gesunde Probanden an der Studie teilgenommen, die keine Mobiltelefone nutzten oder nutzen. Dadurch könnten die Ergebnisse zugunsten der nun proportional stärker vertretenen Gruppe von Handynutzern verändert worden sein.

Auch an einer anderen Stelle der Studie mussten die Forscher „Verzerrungen“ als Erklärung anführen. Bei erkrankten intensiven Nutzern hatte die Häufigkeit von Gliomen gegenüber dem Durchschnitt um 40 Prozent zugenommen, Meningeome traten immer noch zu 15 Prozent über dem Durchschnitt auf. Die befragten Patienten, so die Erklärung, überschätzten ihren Konsum im Nachhinein, weil sie etwa nach Gründen für den Tumorbefall suchten.

Für Kritiker sind das zu viele Unklarheiten. Insgesamt elf Mängel führte eine Gruppe aus etwa 40 Fachleuten auf, unter ihnen Biophysiker, Mediziner und Umweltaktivisten. Die „Frankfurter Rundschau“ verwies in einem Autorenbericht auf diese Beanstandungen. Neben dem fehlenden Vergleich zu gesunden „Nichtbenutzern“ von Mobilfunkgeräten seien verstorbene oder bereits zu kranke Tumorpatienten nicht mehr einbezogen worden, meinen diese Kritiker, die auch mit der Auswahl der Probanden nicht einverstanden sind. Teilgenommen hatten Handynutzer zwischen 30 und 59 Jahren. Andere Studien hätten aber auf ein erhöhtes Krebsrisiko bei den 20- bis 30-Jährigen verwiesen.

Und schließlich wird die Kofinanzierung der Studie durch die Mobilfunkindustrie (5,5 Millionen Euro) kritisch bewertet. Geld kam nach vorliegenden Angaben unter anderem vom „Mobile Manufacturers Forum“, einem internationalen Zusammenschluss von Geräteherstellern, und der Global System Mobile Association, einem Verband von circa 800 Betreibern von Mobilfunknetzen weltweit. „Unter den 30 Prozent aller Interphone-Untersuchungen, wo Industriegeld floss, fanden nur 8,3 Prozent einen Effekt“, schreibt Steven Geyer in der „Frankfurter Rundschau“, „unter den unabhängigen lag die Quote bei 47,5 Prozent.“

BUND kritisiert „praxisferne Bedingungen“ der Studie
„Keine Entwarnung“ will nach Veröffentlichung der Interphone-Ergebnisse auch der in Berlin ansässige Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) geben. Die Umweltschutzorganisation befasst sich seit Jahren mit den Gefahren neuer Technologien, darunter auch Mobilfunkgeräten. Die Interphone-Studie habe unter „praxisfernen Bedingungen“ stattgefunden, heißt es in einer Pressemitteilung des BUND.

Thomas Jung vom Bundesamt für Strahlenschutz hingegen sieht derzeit keine belastbaren Belege für eine akute Gefährdung. Jedoch formulierte er im Interview mit dem „Deutschlandfunk“ zwei Einschränkungen. „Wir wissen zu wenig über die Wirkungen auf Kinder und über die Langzeitwirkungen“, sagte Jung. Man könne inzwischen kaum noch vermeiden, dass Kinder ab einem gewissen Alter auch ein Handy besäßen. Minderjährige seien hier einem Gruppenzwang ausgesetzt. Eltern sollten deswegen an die Kinder appellieren, „wirklich nur dringend notwendige Gespräche zu führen“, betonte Jung, der auf den Versand von Kurzmitteilungen als Alternative verweist. Dabei habe man das Telefon ja nicht am Ohr, die Strahlenbelastung sei also deutlich geringer.

Der Ingenieur Bernd Rainer Müllerder, der im nordrhein-westfälischen Lage ein Ingenieurbüro für Arbeitsschutz und Messtechnik betreibt, wird in seinem Urteil konkreter. Er sieht „schwere handwerkliche Mängel“ der Interphone-Studie. Müller behandelt das Thema seit circa 17 Jahren für den BUND und ist zugleich am „Runden Tisch Elektromagnetische Felder“ des Bundesamtes für Strahlenschutz beteiligt. Die Definition des „regelmäßigen Nutzers“ sei in der Interphone-Studie viel zu weit gefasst worden, meinte Müller im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. So gelte laut der Mammutstudie bereits als „regelmäßiger Nutzer“, wer sein Mobilfunkgerät über einen Zeitraum von sechs Monaten mindestens einmal pro Woche verwendet hat. „Bei dem heutigen Nutzerverhalten gelten diese Personen nicht mehr als Vieltelefonierer“, erklärte Müller. Die Unstimmigkeit in der Einordnung sei für ihn nicht nachvollziehbar.

In einem sechsseitigen Positionspapier beanstandet er auch die Verzögerung bei der Veröffentlichung der Ergebnisse. Die international angelegte Interphone-Studie war schließlich bereits im Jahr 2000 begonnen und 2004 abgeschlossen worden. Zwei Jahre später lagen alle Daten vor. „Ich gehe davon aus, dass die unterschiedlichen Untersuchungskulturen in den beteiligten Staaten bei der Auswertung Probleme verursacht haben“, sagte Müller, der die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen sieht: „Beim Runden Tisch Elektromagnetische Felder im Bundesamt für Strahlenschutz arbeiten wir darauf hin, dass von staatlicher Seite Kriterien für unabhängige Untersuchungen gewährleistet werden.“ Dabei müsse die Wissenschaft auch auf die Daten von Mobilfunkunternehmen zurückgreifen können. Diese Konzerne holten immerhin standardisiert qualitativ wesentlich bessere Daten über das Telefonierverhalten ihrer Kunden ein, als sie zur vorliegenden Studie erhoben werden konnten. Diese Daten würden bislang „nur für Werbefeldzüge und Verkaufsgeschäfte“ genutzt.

Der Kritik von Experten und Umweltschutzgruppen ungeachtet hält Prof. Dr. med. Maria Blettner an den Ergebnissen der Studie fest. Die Direktorin des Instituts für Medizinische Biometrie der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität ist Mitglied der internationalen Interphone-Studiengruppe. „Mit unseren Ergebnissen sind die Ängste vor den Folgen der Mobiltelefonie, wie sie noch Anfang dieses Jahrhunderts bestanden, vom Tisch“, konstatierte sie gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Damals, vor zehn Jahren, sei das Telefonieren mit dem Handy noch als „Rauchen des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet worden. Für vergleichbare Gefahren habe man jedoch keine Anhaltspunkte gefunden. „Für mich bringt diese Studie eine klare Entwarnung“, bekräftigt sie.

Die Kritik an der Durchführung der Untersuchung kann die Epidemiologin in ihrer Entschiedenheit daher auch nicht teilen. Natürlich habe man keine genauen Messungen der physikalischen Exposition beim Telefonieren vorgenommen, entgegnet sie. Auch gesteht Blettner ein, dass sich die Endgeräte in den 1990er Jahren erheblich von den heutigen Handys unterschieden hätten.

„Wir hätten eine signifikante Tumorhäufung erfasst“
Dass Zweifler weiterhin auf die Probleme der Erinnerungsverzerrung der Probanden hinweisen, die nach Jahren mitunter nicht mehr genau zu Protokoll geben können, wie lange sie ihr Handy einst an welche Kopfseite gehalten haben, kann die Studienleiterin ebenso nachvollziehen. „Ich bin mir aber sicher, dass wir eine signifikante Erhöhung der Tumorhäufigkeit trotzdem erfasst hätten“, so ihr Urteil, dem sie eine anschauliche Metapher anfügt: „Wenn ich von Mainz aus Richtung Frankfurt schaue, sehe ich auch bei Dunst noch die Skyline – auch wenn ich nicht mehr alle Details erkennen kann.“

Die Debatte über einen möglichen Zusammenhang geht also weiter. Ein europäisches Forscherteam hat bereits eine neue, größere Erhebung begonnen. Befragt werden soll dabei eine Viertelmillion Menschen.
Harald Neuber

@Weitere Details zur Studie:
www.aerzteblatt.de/101103

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