ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2010Arzthaftpflicht: Alleingelassen
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Als Partner einer orthopädischen Gemeinschaftspraxis erlebe ich mittlerweile seit fünf Jahren den Verlauf eines „Großschadenfalls“ meines Partners. Die Erfahrungen, die wir in diesem Zusammenhang machen mussten, lassen sich zusammengefasst als höchst frustrierend und demotivierend darstellen. „Alleingelassen“ von unserer Rechtsvertretung sowie den Sachbearbeitern der zuständigen Haftpflichtversicherung wurden wir durch ein zum Teil grob fehlerhaftes Gutachten des medizinischen Sachverständigen sowie dessen unerträgliche Einmischung in juristische Betrachtungen in eine Situation getrieben, in der uns vollständig die Hände gebunden sind. Die Ausführungen des Sachverständigen sind in keinster Weise leitlinienkonform und fußen selbst bei der mündlichen Befragung auf subjektiver Meinung beziehungsweise „Hörensagen“. Das Gericht hat sich diesen Ausführungen angeschlossen und erst nach einer verbalen Entgleisung des Sachverständigen diesen aufgrund eines Befangenheitsantrags vom Verfahren ausgeschlossen. Aus dem „Dornröschenschlaf erwacht“ hat sich die Gegenseite plötzlich von ihrer Ursprungsforderung einer Abfindung von zwei Millionen Euro auf einen Vergleich in deutlich niedrigerer Höhe eingelassen. Dieser Vergleich basiert jedoch auf der vollständig inadäquaten Beurteilung des körperlichen Zustands des Geschädigten durch den zwischenzeitig vom Verfahren abgezogenen medizinischen Sachverständigen. Eine Beurteilung des tatsächlichen Schadensbildes ist zu keiner Zeit erfolgt. Somit ist festzustellen, dass durch die mangelnde medizinische Sachkenntnis der Rechtsvertretung, das Desinter- esse des zuständigen Sachbearbeiters der Versicherung und ein grob fehlerhaftes medizinisches Sachverständigengutachten der Haftpflichtversicherung ein massiver materieller Schaden entstanden ist. Dieser wird in der Folge umgelegt auf den Versicherungsnehmer durch einen massiven Anstieg der Jahreshaftpflichtprämie.

Die Ärzteschaft in Deutschland sollte sich dieses Problemfeldes aufgrund der zunehmenden Klagebereitschaft der Patienten dringlichst annehmen und insbesondere die Frage klären, auf welcher Basis und mit welchen Qualitätsstandards medizinische Sachverständigengutachten in derartigen Haftpflichtfällen zu erfolgen haben.

Ansonsten steht zu befürchten, dass sich die Gruppe der Ärzte, die in Zukunft bereit ist, Verantwortung zu tragen, immer weiter ausdünnt.
Verfasser ist der Redaktion bekannt
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