ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2010Universität Lübeck: Sparkurs gefährdet die Medizin

POLITIK

Universität Lübeck: Sparkurs gefährdet die Medizin

Dtsch Arztebl 2010; 107(23): A-1143 / B-1007 / C-995

Richter-Kuhlmann, Eva

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Plakate statt Lehrbücher: Medizinstudierende der Uni Lübeck kämpfen – unterstützt von vielen Seiten – gegen die Abschaffung ihres Studiengangs. Foto: ddp
Plakate statt Lehrbücher: Medizinstudierende der Uni Lübeck kämpfen – unterstützt von vielen Seiten – gegen die Abschaffung ihres Studiengangs. Foto: ddp

Die Sparpläne von Schleswig-Holstein treffen die Medizinische Fakultät Lübeck wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Der Studiengang Medizin, der für seine sehr gute Lehre bekannt ist, soll abgeschafft werden.

Auf Morbus Wilson oder Ulcus duodeni können sich die Medizinstudierenden der Universität Lübeck momentan nur schwer konzentrieren. Denn sie drucken Flugblätter und planen Protestveranstaltungen. Der Grund: Im Rahmen eines Sparpakets will die schleswig-holsteinische Landesregierung ab dem Wintersemester 2011/2012 den Studiengang Medizin an der Universität Lübeck abschaffen. Den entsprechenden Vorschlag der Haushaltsstrukturkommission billigte das Kabinett am 26. Mai.

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Der Bericht der Kommission sieht eine Fülle von Sparmaßnahmen vor, durch die das strukturelle Defizit ab 2011 jährlich um 125 Millionen Euro abgebaut werden soll. Dazu gehört auch die Verlagerung des Medizinstudiums nach Kiel. „Das Studienplatzangebot für Mediziner ist in Schleswig-Holstein überproportional groß, gemessen an der Zahl der Studienplätze insgesamt“, rechtfertigt die Kommission diesen Vorschlag. Zudem regt sie an, auch eine Privatisierung des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein vorzubereiten. Auf Gegenliebe stößt die Kommission mit ihrem Vorschlag jedoch nicht. Das Präsidium der Universität zu Lübeck ist sich einig, dass der Kabinettsbeschluss vom 26. Mai „ein schwerwiegender politischer Fehler“ ist. Er schädige die Region und das Land in unabsehbarer Weise und dürfe nicht umgesetzt werden. Befürchtet wird, dass damit der gesamte Uni-Standort in Gefahr gerät, weil viele andere Studiengänge, wie etwa Medizininformatik, um die Medizin angesiedelt sind. Hinzu kommt, dass viele Medizintechnikfirmen sich wegen der Nähe zur Universität in Lübeck etabliert haben.

Auch der Medizinische Fakultätentag (MFT) sieht sowohl die Universität Lübeck als auch die medizinische Versorgung und den wirtschaftlichen Aufschwung der Region gefährdet. „Wer die Medizinerausbildung in Lübeck einstellt, amputiert die Universität in ihrem Kernbereich“, mahnt Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann, Präsident des MFT. In einer Resolution vom 4. Juni fordert der MFT, die Studienplätze für die Ärzteausbildung in Lübeck zu erhalten. Eine Halbierung der Kapazitäten sei nicht zu verantworten. Auch Kooperationen mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen und medizintechnischen Unternehmen wären kaum überlebensfähig.

Zugleich lobt der MFT die hohe Qualität der medizinischen Lehre in Lübeck. Bei den angehenden Medizinern sei der Studienort sehr beliebt und belege im größten deutschen Hochschulranking des Centrums für Hochschulentwicklung unter den bewerteten 41 Universitäten Deutschlands und der Schweiz den ersten Platz.

Auch die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) fordert, die Entscheidung, die Medizinische Fakultät Lübeck zu schließen, zu korrigieren. Sie sei ein „fataler Fehler“. „Hier wird an der vollkommen falschen Stelle gespart“, betont Dominique Ouart, Präsident der bvmd. Gerade für Schleswig-Holstein als ein vom Ärztemangel bedrohtes Flächenland hält die bvmd die Ausbildung von bedeutend weniger Ärzten für ein verheerendes Signal.

KV sieht ärztliche Versorgung der Zukunft gefährdet

Diese Ansicht teilt auch Dr. med. Ingeborg Kreuz. Künftig würden in Lübeck circa 1 500 Studienplätze verloren gehen, warnt die Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Schleswig-Holstein. „Gerade in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein brauchen wir aber nicht weniger, sondern mehr Medizinstudenten“, erklärt sie. Nur so könnten die Lücken in der Patientenversorgung geschlossen werden. Nach Angaben der KV gehen in den kommenden fünf Jahren in Schleswig-Holstein etwa 900 Hausärzte in den Ruhestand. Ähnlich sehe es auch bei den Fachärzten aus. Investitionen in die medizinische Ausbildung seien eigentlich angebracht. „Dazu gehört auch, am geplanten Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an der Universität zu Lübeck festzuhalten“, bekräftigt Kreuz.

Möglicherweise ist angesichts der Überlegungen der Bundesregierung, die Zahl der Medizinstudienplätze zu erhöhen, das letzte Wort noch nicht gesprochen. Diese Hoffnung haben zumindest die Studierenden, die am 16. Juni einen Protestzug durch die Landeshauptstadt planen. Unterstützt werden sie dabei vom Präsidium der Universität, von Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften, Kirchen und der Stadt.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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