ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2010Hausärztemangel: Kein sinnvoller Weg
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In der Tat wäre mehr Repräsentanz des Fachs Allgemeinmedizin rettend für die hausärztliche Zukunft – ich glaube dennoch, dass die Einführung eines verpflichtenden Allgemeinmedizin-Quartals kein sinnvoller Weg wäre.

In meiner hausärztlichen Praxis hospitieren seit Jahren Medizinstudierende im Rahmen des einwöchigen (!) Pflichtpraktikums in der Allgemeinmedizin. Zu Beginn frage ich alle nach ihren bisherigen Erfahrungen zur hausärztlichen Medizin – meist keine seit der letzten eigenen Mandelentzündung. Die durchweg sehr motivierten und wissbegierigen angehenden Kolleg(inn)en erleben dann nur fünf Tage lang die äußerst anspruchsvolle, abwechslungsreiche, schöne, aber auch schwere Arbeitsrealität, freuen sich über die endlich einmal individuelle und patientennahe Medizin, die wissenschaftlich überprüfbar ist, erleben geglückte Heilungen und nahendes Sterben, wir machen Hausbesuche und sehen Patienten in Altenheimen und im Hospiz, diskutieren über Behandlungsformen und wälzen gegebenenfalls gemeinsam Fachliteratur. Am fünften Tag geben ausnahmslos alle an, die Allgemeinmedizin sei in ihrem beruflichen Interesse wesentlich nach vorne gerückt. Was aber allen auch im Laufe dieser wenigen Tage dämmert, ist der Irrwitz des Gesundheitssystems, in dem um Rabattverträge für Medikamente gefeilscht wird, chronisch Kranke um Fortführung ihrer Therapie bangen müssen und ein Hausarzt mit 35 Euro pro Vierteljahr fair entlohnt erscheint. Ein mitdenkender junger Kollege fragt nun einmal, was die vierstelligen ICD-Litaneien im hausärztlichen Bereich zu suchen haben und was es mit der Honorierung der Hausbesuche auf sich hat. Eine künftige Ärztin wundert sich über die unzähligen auszufüllenden Formulare und hört genau hin, wenn wieder einmal das Risiko von Arzneimittel- oder Heilmittelregress die Therapie begrenzt, die Krankenkassen jedoch dem Patienten versichern, der Hausarzt müsse und könne „alles Notwendige“ verordnen.

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Nicht die Arbeit ist abschreckend für angehende junge Ärztinnen und Ärzte, sondern die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen. Steht zu befürchten, dass dieser Eindruck sich nach einem ganzen Quartal noch wesentlich verstärken wird.

Anette Christian, 91052 Erlangen

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