ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2010Weiterbildung in Luxemburg: Eine zweifelhafte Option

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Weiterbildung in Luxemburg: Eine zweifelhafte Option

Dtsch Arztebl 2010; 107(23): A-1177 / B-1033 / C-1021

Koch, Marek

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Ärzte, die eine Weiterbildungsstelle im Ausland suchen, stoßen auch auf Anzeigen des Centre Hospitalier de Luxembourg (CHL) – eines der größten Krankenhäuser des Großherzogtums.

Anspruch und Wirklichkeit – die Weiterbildungszeit im CHL erfüllt nach den Erfahrungendes Autors die Erwartungen nicht. Fotos: mauirtius images / Marek Kock
Anspruch und Wirklichkeit – die Weiterbildungszeit im CHL erfüllt nach den Erfahrungendes Autors die Erwartungen nicht. Fotos: mauirtius images / Marek Kock

Luxemburg wird im Ausland mit niedrigen Steuern, Banken, internationalen Institutionen und einem hohen Lebensstandard assoziiert. Als Bewerber für eine Weiterbildungsstelle erwartet man dementsprechend eine hohe Qualität der Weiterbildung und ein ad-äquates Gehalt – ein Trugschluss. Das CHL orientiert sich am französischen und belgischen Weiterbildungssystem, wo die Assistenzärzte immer noch als Studierende an ihren Universitäten immatrikuliert sind und von der Universität zur Arbeit in ein Krankenhaus delegiert werden. So kann zum Beispiel ein Arzt in Weiterbildung aus Paris nicht frei entscheiden, ob er seine Weiterbildung in Paris fortsetzt. Die Universität kann ihn 700 Kilometer weiter nach Toulouse schicken. Die jungen Ärzte in Frankreich und Belgien arbeiten meistens 80 bis 90 Stunden pro Woche. Die EU-Arbeitszeitrichtlinie, die in Deutschland in Form des Arbeitszeitgesetzes umgesetzt wurde, wird in Frankreich und Belgien nicht respektiert. Was allerdings garantiert wird, ist die Erlangung des Facharzttitels mit dem Doktorgrad innerhalb von vier bis sechs Jahren, abhängig von der Fachrichtung.

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Das CHL bemüht sich seit November 2009 das Arbeitszeitgesetz umzusetzen. Manche Assistenten müssen denoch weiterhin mehr als 80 Stunden wöchentlich arbeiten oder werden von Vorgesetzten angewiesen, die Überstunden zu streichen. Obwohl Luxemburg keine eigene medizinische Universität oder eine Ärztekammer hat, pflegt die Verwaltung des CHL eine ähnliche Einstellung zu den Assistenzärzten wie die frankophonen Nachbarländer. Der deutsche Assistenzarzt in Luxemburg erlebt eine Art von „clash of civilizations“ zwischen dem deutschen und frankophonen System; wird er doch wie ein Student oder ein Arzt im Praktikum behandelt. Bemerkenswert dabei ist, dass jeder Bewerber aus Deutschland vor Antritt der Stelle folgenden Brief, adressiert an das luxemburgische Ge­sund­heits­mi­nis­terium, unterschreiben muss: „Ich bestätige hiermit, dass für die Anerkennung meiner Arbeitszeit in Luxemburg und die Anrechnung auf meine Facharztweiterbildung lediglich die deutschen Ärztekammern zuständig sind und meinerseits keine Ansprüche gegenüber dem Ge­sund­heits­mi­nis­terium Luxemburg bestehen.“ Einerseits stuft das CHL den approbierten Assistenzarzt als Praktikanten ein, andererseits schiebt es die Verantwortung für die Anerkennung der Weiterbildung an die deutschen Institutionen ab.

Der Assistenzarzt, der im CHL MEVS (médecin en voie de spécialisation) heißt, verdient weniger als eine Krankenschwester oder Sekretärin und erhält anders als andere Berufsgruppen kein 13. Monatsgehalt. Das monatliche Nettoeinkommen eines Arztes in Weiterbildung liegt im ersten Jahr bei 2 100 Euro und im sechsten Jahr bei 3 000 Euro. Eine Pflegerin mit sechs Jahren Berufserfahrung verdient netto circa 3 500 Euro monatlich, die OP-Schwester etwas mehr. Da die Lebenshaltungskosten in Luxemburg um 40 bis 50 Prozent höher sind als in Deutschland, ist das reale Gehalt niedriger als in Deutschland. Um Ärzte in Weiterbildung bei diesen Einkommen nach Luxemburg zu locken, verspricht man ihnen Dinge, die selten erfüllt werden: Unterstützung für die Familie, Möglichkeit zur Forschungsarbeit und Promotion oder spätere Einstellung als Facharzt.

Spricht man das Thema Gehalt gegenüber den Vorgesetzten an, wird man belehrt, dass die MEVS vorrangig im CHL arbeiten, um zu lernen, und nicht, um möglichst viel Geld zu verdienen. Oft hört man auch, dass die Vorgesetzten selbst in ihrer Aus- und Weiterbildung Opfer bringen mussten, um den jetzigen Wissens- und Könnensstand zu erreichen. Dass der rechtliche und auch finanzielle Rahmen heutzutage anders als vor 20 Jahren sind, wird ausgeblendet.

Das Centre Hospitalier de Luxembourg ist offiziell ein akademisches Lehrkrankenhaus der Universität des Saarlandes.
Das Centre Hospitalier de Luxembourg ist offiziell ein akademisches Lehrkrankenhaus der Universität des Saarlandes.

Unschön ist auch die generelle Einstellung im Krankenhaus zu den MEVS. Diese erscheinen nicht in den Mitteilungen über neu eingestellte Mitarbeiter, werden im internen Telefonbuch, wo alle Mitarbeiter zu finden sind, nicht erwähnt, haben kein Recht darauf, an den Betriebsratswahlen teilzunehmen, müssen für ein Diktiergerät eine Kaution in Höhe von 120 Euro hinterlegen (ein Facharzt hingegen bekommt einen Laptop geschenkt) und können, im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen, erst seit November 2009 ihre Überstunden kompensieren.

Alle Assistenzärzte müssen während der Bereitschaftsdienste eine Tabelle führen, in der jeder im Dienst gesehene Patient mit Datum und Abrechnungscodierung eingetragen wird. Die Verwaltung prüft dann, ob ein Arzt dem Krankenhaus genug Umsatz bringt. Als ob der Arzt einen Einfluss darauf hätte, wie viele Patienten zur Notaufnahme kommen… Solche bürokratischen Aufgaben belasten einen im Dienst ohnehin schon stark beanspruchten Assistenten zusätzlich.

Das CHL ist offiziell ein akademisches Lehrkrankenhaus der Universität des Saarlandes, das Curriculum von Weiterbildungskursen am CHL ist allerdings sehr dürftig. Positiv ist, dass das CHL ab 2010 den Ärzten in Weiterbildung, die mindestens ein Jahr gearbeitet haben, einen pauschalen jährlichen Betrag von 1 200 Euro für die externe Weiterbildung zahlt. Das Krankenhaus ist technisch bestens ausgestattet, hat viele erfahrene Ärzte, ein sehr professionelles und einsatzbereites Pflegepersonal, sehr hohe Hygienestandards, und das in Deutschland geltende DRG-System existiert in Luxemburg nicht. Dadurch kann sich jeder MEVS besser auf die ärztliche Tätigkeit konzentrieren.

Letztlich ist es nicht verständlich, dass die Verantwortlichen des Krankenhauses, die ihre Assistenzzeit zum Teil in deutschen Kliniken absolviert haben, nicht willig sind, die in Deutschland geltenden Spielregeln zu beachten. Schlimmer noch: Wenn ein Arzt in Weiterbildung sich wegen der Vertragsverletzung bei der Verwaltung des Krankenhauses beschwert, wird er als Störenfried des Status quo ante aussortiert und hat keine Chance auf die Verlängerung seines normalerweise einjährigen Arbeitsvertrags. Dabei kommen mehr als die Hälfte der Assistenzärzte aus Deutschland.

Eine Ärztekammer gibt es in Luxemburg nicht, lediglich ein Collège medical, das aber keine Weiterbildung für die Ärzte organisiert. In den anderen Luxemburger Krankenhäusern gibt es nahezu keine Weiterbildungsärzte, das Arztpersonal besteht überwiegend aus Fachärzten. Die MEVS sind in Luxemburg deshalb eine kleine Gruppe und haben kaum eine Chance, mit ihren Problemen gehört zu werden. Ein Dialog mit Assistenzärzten wird von der CHL-Direktion nicht gewünscht. Im Sommer 2009 hat diese eine Mitarbeiterbefragung in Auftrag gegeben. Die Mehrheit der Fachärzte, die zumindest aus der Sicht eines Assistenzarztes sehr gute Arbeitsbedingungen haben, äußerte sich negativ über ihre Arbeitssituation. Von den 45 MEVS haben neun den Fragebogen ausgefüllt. Ihre Meinung wurde in den Analysen des beauftragten Forschungsinstituts wegen der zu niedrigen Beteiligungsrate nicht berücksichtigt.

Das CHL mag eine gute Option für die Assistenzärzte aus Frankreich und Belgien sein. Die meisten von ihnen sagen zu den Arbeitsbedingungen „C’est normal et je suis content“, letztendlich sind die Bedingungen in ihrem Heimatland schlechter. Für die Assistenzärzte aus Deutschland und besonders für jene, die etwa wegen ihrer Familie auf ein gewisses Gehaltsniveau angewiesen sind, ist die Weiterbildung im CHL jedoch keine attraktive Option.

Marek Koch

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