KULTUR

Holocaust-Trauma: Relevanz für die Gegenwart

Dtsch Arztebl 2010; 107(23): A-1172

Pross, Christian

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Natan Kellermann: Holocaust Trauma. Psychological Effects and Treatment. iUniverse, New York 2009, 206 Seiten, 15,99 Euro
Natan Kellermann: Holocaust Trauma. Psychological Effects and Treatment. iUniverse, New York 2009, 206 Seiten, 15,99 Euro

Natan Kellermann, klinischer Psychologe im National Israeli Center for Psychosocial Support of Holocaust Survivors (AMCHA), befasst sich einleitend mit grundsätzlichen Aspekten – etwa mit dem Bedürfnis, den Holocaust zu vergessen, ihn hinter sich zu lassen, aber dies nicht zu können, und was er uns über die Menschen im Allgemeinen lehrt: „Wir können und sollten nicht aufhören, diese Fragen zu stellen, selbst wenn sie uns verstören und ruhelos machen bis an den Rand des Wahnsinns.“ Dieser Drang, diese Suche durchzieht das ganze Buch und macht seine Stärke aus. Wenn er im Stil eines Fachbuchs die bisherigen Untersuchungen über die psychischen und körperlichen Spätfolgen sowie die Behandlungsmethoden verarbeitet und neuere Erkenntnisse aus seinen Erfahrungen bei AMCHA beisteuert, lässt er zwischendurch immer wieder seine persönliche Beteiligung spüren. Eingeschobene Fallbeispiele sowie Schilderungen aus seinen intergenerationellen Workshops mit Überlebenden machen das Ganze sehr lebendig.

Besonders interessant sind die Kapitel über Resilienz und die Komplexität des Holocaust-Traumas. Im letzten Jahrzehnt habe man im Unterschied zum früheren einseitigen Fokus auf die Psychopathologie der Überlebenden ihre Widerstandskraft entdeckt. So seien Überlebende in Israel besser mit den Spätfolgen fertig geworden als solche in anderen Ländern. Der Geist einer nationalen Bestimmung und Zusammengehörigkeit verschaffe ihnen hier mehr Rückhalt und Stütze als anderswo.

Die Erkenntnisse aus der Forschung über Holocaust-Überlebende scheinen wieder der Vergessenheit anheimzufallen. In der allgemeinen Popularisierung und Trivialisierung des Traumas und der reduktionistischen Verengung des Blicks auf das Krankheitsbild der posttraumatischen Belastungsstörung ist der historische, politische und soziale Kontext von Trauma weitgehend verloren gegangen. Es ist das besondere Verdienst des Buchs von Natan Kellermann, die Relevanz dieser Forschung für die Gegenwart herausgearbeitet zu haben und damit den Blick darauf zu erweitern, dass Traumafolgestörungen eigentlich keine eng umrissenen Krankheitsbilder sind, sondern normale menschliche Reaktionen auf extrem anormale Geschehnisse; dass für die Überwindung des Traumas das Wie und Wo des Lebens danach genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger ist als die Therapie. Das Buch baut eine Brücke zwischen vergangenem, vergessenem und neuem Wissen. Deshalb sollte es unbedingt auch in deutscher Sprache erscheinen. Christian Pross

Natan Kellermann: Holocaust Trauma. Psychological Effects and Treatment. iUniverse, New York 2009, 206 Seiten, 15,99 Euro

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